Sender AFN (Hessen): Besorgter Vater zahlt 8000 Euro (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 17.06.2012, 17:23 (vor 2679 Tagen) @ H. Lamarr

Die Station Oberursel/Weißkirchen (bei Frankfurt) des US-Soldatensenders AFN (American Forces Network) steht dort seit 1951. Der 150 kW starke Mittelwellensender hat drei 86 Meter hohe Sendemasten. Das Richtdiagramm des Senders hängt davon ab, wie die drei Masten gespeist werden (Phasenlage), nachts soll es inoffiziellen Quellen zufolge zu einer Umschaltung des Richtdiagramms kommen.

So weit so gut.

Einem Medienbericht zufolge hat ein Familienvater ein Grundstück in 840 Meter Entfernung zu den drei AFN-Masten erworben und baut dort jetzt ein Haus für seine Familie. Doch nachträglich hat es der Mann, der Masten wegen, mit der Angst gekriegt. Aller Voraussicht nach Verdienst der allgegenwärtigen Desinformation durch Mobilfunkgegner, denn beim kauf des Grundstücks war der Mann offensichtlich noch unbesorgt.

Die Idee, einen Baubiologen an Ort und Stelle messen zu lassen ist so objektiv, als ob ein Raucher Herrn "Philip Morris" danach befragt, ob Rauchen schädlich sei. Denn selbstverständlich wird der Baubiologe in so kurzer Distanz zu einem starken Sender Messwerte finden, die ihm die Freudentränen in die Augen treiben. Freudentränen über die gute Aussicht, einen Folgeauftrag über Abschirmung zu bekommen. Und so ist der brave Familienvater also angeblich 8000 Euro dafür los geworden, sein Häuschen gegen die Funkwellen schirmen zu lassen. Bei einer angeblichen Immission von 75 mW/m² im Wohnzimmer, ein objektiv niedriger, gefühlt jedoch hoher Wert, ist dieser Wunsch auch nachvollziehbar. Aber: Würde der Mann sich wirklich ernsthaft um seine Kinder sorgen, wäre er dort nicht zugezogen oder er würde sich jetzt etwas anderes suchen.

Fast noch interessanter ist etwas anderes: Wie kommt dieser Beitrag über den ängstlichen Familienvater überhaupt in die Frankfurter Rundschau (FR)? Wer gab der Redaktion den Tipp dazu? Einiges deutet darauf hin, dass es der messende Baubiologe war oder sein Verband. Denn Berichte wie der in der FR sind gut fürs Geschäft aller Baubiologen in Deutschland, sie halten bei etwa 1/3 der Bevölkerung die Zweifel wach, ob Funkwellen wirklich harmlos sind.

Ich habe mir die Situation vor Ort via www einmal genauer angesehen und liste jetzt einfach mal die Ergebnisse dieser Recherche auf:

Grenzwert: In den Kommentaren des FR-Artikels ist von einem Grenzwert 10 W/m² die Rede. Das ist falsch. Der AFN-Sender ist kein Mobilfunk-, sondern ein Mittelwellensender, der auf 873 kHz sendet. Der Grenzwert bei dieser Frequenz ist 87 V/m, das sind ungefähr 20 W/m². Der menschliche Organismus ist gegenüber Mittelwellen weniger empfindlich, weil es zu keinen Resonanzeffekten kommen kann.

Modulation: Der Sender arbeitet nicht mit der angeblich biologisch gefährlichen Pulsung, mit der gegenüber Mobilfunksendern gerne Ängste geschürt werden, sondern mit "harmloser" Amplitudenmodulation.

Messpunkte: Die BNetzA hat um den Sender herum drei Messpunkte (im Bild grün). Zuletzt wurden dort 2010 die im folgenden Bild erkennbaren Immissionen gemessen, das Neubaugebiet aus dem FR-Artikel habe ich dort gelb markiert. Ob der nächstgelegene Messpunkt links oben im Bild in einer Hauptstrahlrichtung des Senders oder nebendran liegt, ist mir nicht bekannt

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Karte: EMF-Datenbank BNetzA

Wie leicht erkennbar ist, haben die Leute bei dem links oben in einem Wohngebiet liegenden Messpunkt, der dem Sender näher liegt als das Neubaugebiet auf der anderen Seite der Autobahn, die mit Abstand höchste Immission. Hinzu kommt, dass dort zusätzlich eine Hochspannungstrasse und eine elektrifizierte Bahnlinie vorbei führen sowie ein Mobilfunkturm mit 24 Antennen steht. Krasser kann eine "gemischte Befeldung" mit Hochfrequenz, Niederfrequenz, elektrischen, magnetischen und elektromagnetischen Feldern kaum sein als bei diesem Messpunkt links oben. Das folgende Foto verdeutlicht diese Situation, es zeigt die Situation vor Ort an der Straßenkreuzung "Am Weißkirchener Berg" und "Rosa-Luxemburg-Straße". Irgendwo links hinten im Foto befindet sich der Mobilfunkturm mit den 24 Antennen. Da er aber nicht zu erkennen ist, fehlt diese Emissionsquelle im Foto unten.

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Foto: Google Earth (Street View)

Von irgendwelchen Auffälligkeiten in diesem Wohngebiet (Krebscluster, Bürgerproteste etc) findet sich im Netz jedoch kein Hinweis, auch auf die Mietpreise in der Region (Riedberg) wirkt sich der Sender in keiner Weise aus, wie hier ersichtlich ist.

Unklar ist, zu welcher Uhrzeit die Messwerte an den drei Messpunkten genommen wurden, in der EMF-Datenbank ist das Feld Uhrzeit leer. Dies ist erwähnenswert, weil bei umschaltbarer Richtcharakeristik sich die Messwerte nachts und tagsüber erheblich unterscheiden können.

Messwert des Baubiologen: Aller Voraussicht nach ist der von dem Baubiologen ermittelte Messwert von 75 mW/m² bei geöffneten Wohnzimmerfenstern ermittelt worden. Da metallbedampfte Fenster sehr gut schirmen, werden bei geschlossenen Fenstern mit Sicherheit weitaus geringere Werte erreicht.

Exterritorales Gebiet: Der AFN-Sender ist in der EMF-Datenbank der BNetzA nicht zu finden, wahrscheinlich deshalb, weil er rechtlich den Amerikanern gehört.

Sendernahe Baulanderschließung: Ähnlich wie bei dem umstrittenen Sender von Radio-Vatikan in der Nähe von Rom, schieben sich auch in Frankfurt Wohngebiete immer näher an bereits seit Jahrzehnten bestehende Sendeanlagen heran. Sich dann im Nachhinein über so einen nahe gelegenen Sender zu empören, ist sicherlich nicht die feine englische Art. Der Riedberg (Areal der AFN-Sendeanlage) wird derzeit von etwa 3500 Menschen bewohnt, bis 2017 sollen es 15'000 sein. Konflikte dürften damit programmiert sein, denn unter den Neuankömmlingen werden mit Sicherheit "besorgte Eltern" und "Wutbürger" sein.

Hintergrund
- 2009 gab es in der Gegend dort Besorgnis, weil sich infolge der starken elektromagnetischen Felder an Baukränen elektrische Spannungen aufbauten, die bei den Bauarbeitern zu Stromschlägen führten. Siehe hierzu Posting Inszenierung besorgter Eltern?
- "Amtliche" und damit belastbare Informationen zu den Vorgängen 2009 am Riedberg gibt die Drucksache 18/196 aus dem Hessischen Landtag (PDF, 5 Seiten). Darin erfährt man, worüber anderswo nur vage Angaben gemacht werden: Vom TÜV Hessen wurden in dem damaligen Baugebiet Feldstärken zwischen 0,5 V/m und 15 V/m gemessen.
- Forumsdiskussion (Radioforum) über die Richtcharakteristik des AFN-Senders Oberursel
- Der Frankfurter Ortsbeirat 8 bekommt es 2009 wegen der Medienberichte mit der Angst. Statt sich bei kompetenter Stelle zu informieren, fassen die Ortsbeiräte den wirkungslosen Beschluss, sich dafür einzusetzen, dass die "starken Strahlungen" reduziert werden oder der Sender verlegt wird.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!


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