Ex-Stewardess warnt vor Funkwellen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 16.09.2012, 21:14 (vor 2558 Tagen) @ H. Lamarr

Die "Neue Rheinische Zeitung" (NRhZ-Online) hat keinen guten Ruf, wenn es um Artikel über mögliche negative Begleiterscheinungen des Mobilfunks geht. Wie in "Rudis Resterampe" bekommt der Leser bevorzugt das geboten, was andere Redaktionen als unbrauchbar ablehnen würden.

Der jüngste Anti-Mobilfunk-Artikel auf NRhZ-Online ist vom 5. September und trägt den Titel:

Zunehmende Baumschäden durch Mobilfunk?
Und wie steht es mit unserer Gesundheit?

Autorin ist Gudrun Kaufmann.

Inhaltlich lohnt es nicht, auf das Werk einzugehen, denn die Autorin bringt nichts Neues, sie käut lediglich das wieder, was andere vor ihr gefunden haben. Auch Banales wird dabei beanstandet. Etwa, dass bei neueren DECT-Telefonen der (strahlungsreduzierende) Eco-Modus bei der Werkseinstellung nicht aktiviert ist. Anscheinend hat Frau Kaufmann keinen Blick in die Bedienungsanleitung so eines Geräts geworfen, denn dort hätte sie erfahren, dass der Eco-Modus auch mit lästigen Nachteilen verbunden ist (längerer Rufaufbau, kürzere Reichweite). Und dort steht auch, wie sich die Eco-Modi aktivieren lassen, und was sie bewirken. Ob diese Modi überhaupt die Nachteile wert sind, mag jeder für sich entscheiden, nicht jeder ist schließlich Elektrosmog-Phobiker, und überzeugende biologische Gründe für eine strahlungsreduzierte DECT-Basis gibt es sowieso keine.

Gudrun Kaufmann - beruflicher Werdegang

Interessanter als der Artikel ist die Frage: Was qualifiziert ausgerechnet Gudrun Kaufmann dazu, mit ihrem Artikel an die Öffentlichkeit zu gegen und vor Funk zu warnen? Ich habe mich auf die Suche gemacht, Antworten auf diese Frage zu finden.

Frau Kaufmann (54), Griesheim (bei Darmstadt), war nach dem Abitur 13 Jahre Flugbegleiterin bei Lufthansa, bis zur Kabinenchefin brachte sie es dort. Anschließend widmete sie sich der Familie. 2004 erwarb sie den Abschluss der ganzheitlichen Ausbildung zur ärztlich geprüften Gesundheitsberaterin der Gesellschaft für Gesundheitsberatung e.V. (GGB). Dazu muss man wissen, dass "Gesundheitsberaterin" ebenso wenig eine geschützte Berufsbezeichnung ist wie "Baubiologe". Gesundheitsberaterin wird man durch Lehrgänge, die bei dem Verein GGB gut 1100 Euro kosten. Doch damit ist der Aderlass nicht vorbei: Alle fertig ausgebildeten Gesundheitsberater sind verpflichtet, sich mindestens einmal innerhalb von 24 Monaten bei der GGB fortzubilden. Die Ex-Stewardess tat wie ihr geheißen und buchte die Aufbauseminare Kneipp-Beraterin und Fastenbegleiterin. Doch es geht noch weiter: Frau Kaufmann muss Mitglied des Vereins sein, denn der Abschluss zur ärztlich geprüften Gesundheitsberater/in (GGB) ist an die Mitgliedschaft gebunden. Wird die Mitgliedschaft beendet, erlischt der Anspruch auf die Bezeichnung Gesundheitsberater/in (GGB). Von diesem ausgefeilten Geschäftsmodell können andere "Ausbilder" noch etwas lernen.

Nicht zuständig ist ein Gesundheitsberater für die Behandlung, Linderung und Diagnose von Krankheiten, Kranke müssen an Ärzte oder Heilpraktiker weitergeleitet werden. Diese Einschränkung hielt Frau Kaufmann nicht ab, 2007 Mitglied im Ökologischen Ärztebund e.V. zu werden, ein Jahr später trat sie dem Netzwerk "Blühende Landschaft" e. V. bei.

Nichts im beruflichen Werdegang qualifiziert mMn Frau Kaufmann dazu, öffentlich als kompetente Mobilfunkkritikerin aufzutreten, sie ist in Fragen biologischer Auswirkungen des Mobilfunks ebenso Laie wie z.B. der gesamte Vorstand des Anti-Mobilfunk-Vereins Diagnose-Funk. Dass Sie sich dennoch so weit aus dem Fenster lehnt mag mit einer Eigenschaft zusammen hängen, die <hier> werdenden Gesundheitsberatern nahe gelegt wird: "Um erfolgreich zu sein, sollten Sie sich selbst gut vermarkten können ...".

Infektion mit der Anti-Mobilfunk-Seuche

Wo könnte sich Gudrun Kaufmann mit der Anti-Mobilfunk-Seuche infiziert haben? Möglicherweise bei der Odenwälder Interessengemeinschaft für gesundes Leben, die für Laienprediger in Sachen Mobilfunkgefahren aufgeschlossen ist. So trat bei der IG nicht nur Frau Kaufmann als Referentin auf, sondern ab 2010 auch überzeugte Mobilfunkgegner wie Dr. med. Joachim Mutter, Dr. med. Wolfram Haas (HLV), Dr. Erich Schöndorf und Dr. med. Wolf Bergmann. Die Infektion könnte auch schon früher stattgefunden haben, während der Ausbildung zur Gesundheitsberaterin. Denn in der sogenannten Ärzteliste des "Freiburger Appells" aus dem Jahr 2002 findt sich Dr. med. Joachim Hensel, damals Vorstand der Gesellschaft für Gesundheitsberatung GGB.

Fazit

Hier kommen aus meiner Sicht zwei unglückliche Umstände zusammen: Eine für kompetente Bekundungen zu Risiken des Mobilfunks fachlich überforderte Ex-Stewardess findet in der drittklassigen NRhZ eine öffentliche Plattform für ihren Artikel, der in unverantwortlicher Weise Ängste gegenüber Funkanwendungen in der Bevölkerung sät oder schürt. Die Qualität dieses Artikels schreckt allerdings nicht nur mich ab: Heute, gut zehn Tage nach der Publikation in der NRhZ, findet sich lediglich bei der Bürgerwelle eine kurze Notiz. Da die Anti-Mobilfunk-Szene sonst nicht zimperlich ist und so gut wie alles verwurstet, was ihr vorgesetzt wird, ist dieses karge Resultat bezeichnend. Der Ansatz, mit dem Mobilfunkgegner schaden, bleibt jedoch: Sich selbst überschätzende Referenten vermitteln eine zusammen gegoogelte Bedrohung durch Mobilfunk, die in keiner Weise dem tatsächlichen Wissensstand der seriösen Wissenschaft entspricht.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Filz, NRhZ-Online, HLV, Laienprediger, GGB, Gesundheitsberater


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