Falsche Schlüsse (212): Stoßdämpfer im Spechtschädel (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 30.07.2022, 21:52 (vor 62 Tagen) @ H. Lamarr

Wenn man einem Specht bei seiner Arbeit zusieht, kann man fast selbst Kopfweh bekommen: Beim Bau von Nisthöhlen, der Suche nach Futter oder um Partner anzulocken schlagen die Vögel mit ihrem Schnabel mit einer Geschwindigkeit von rund 25 Kilometer pro Stunde bis zu zwanzigmal pro Sekunde – und um die 12.000-mal am Tag – gegen das Holz von Baumstämmen. Bei jedem Schlag wird der Kopf des Spechts mit dem Tausendfachen der Erdbeschleunigung abgebremst.

Warum Kopf und Gehirn des Vogels bei dieser Arbeit keinen schweren Schaden nehmen, wird bereits seit den Siebzigerjahren erforscht. Eine Studie koreanischer Wissenschaftler lieferte im Jahr 2011 die seitdem geltende Erklärung, dass sich an verschiedenen Stellen des Spechtschädels schwammige Strukturen – sogenannte Spongiosa – befinden, die den Aufprall abfedern. Denselben Effekt soll einer Studie aus dem Jahr 2020 zufolge das bogenförmige Zungenbein der Spechte haben, das ebenfalls einen Teil der Energie des Stoßes aufnimmt. Kurz gesagt: Der Specht bekommt keine Gehirnerschütterung, weil die Anatomie seines Kopfes wie ein stoßdämpfender Helm wirkt.

Stoßdämpfer würde den Specht behindern

Sam Van Wassenbergh, Biologe an der Universität Antwerpen in Belgien, hat diese Erklärung jedoch nun in einer Studie, die in der Zeitschrift Current Biology erschienen ist, widerlegt. Gemeinsam mit seinem Forschungsteam fand er heraus, dass der Schädel des Vogels im Aufbau tatsächlich eher einem steifen Hammer ähnelt – und jegliche Stoßdämpfung für den Specht bei seiner Arbeit sogar eher hinderlich wäre. weiter ...

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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