Falsche Schlüsse (209): Insektenkiller (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 06.07.2022, 15:58 (vor 86 Tagen) @ H. Lamarr

Mobilfunk, Müllentsorgung und jetzt Pestizide. Mafiosi wohin man schaut :lookaround:.

Arte-Dokumentation "Insektenkiller: Wie Chemieriesen unser Ökosystem zerstören" (am Linkziel verfügbar bis 3. August 2022)

Vor 30 Jahren musste ein Autofahrer etwa alle zwei Stunden einen Halt einlegen, um die Windschutzscheibe von Insekten zu reinigen. Heute kann er ganz Europa durchqueren, ohne auch nur ein einziges Mal vom Scheibenwischer Gebrauch zu machen, denn seit den 1990er Jahren ist die Gesamtbiomasse der Insekten um 75 Prozent zurückgegangen [Einspruch, die Autos wurden auch deutlich windschlüpfiger (nicht: windschlüpfriger); Anm. Postingautor]. Schuld daran ist der massive Einsatz von Neonikotinoiden, sogenannten "systemischen" Insektiziden, die sich in allen Pflanzenzellen ausbreiten. Sie sehen aus wie bunte Bonbons und scheinen völlig harmlos, doch sie haben eine stark toxische Wirkung. Weil immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen vor den katastrophalen Folgen dieser Nervengifte warnen, setzen die Multis alles daran, den Kausalzusammenhang zwischen ihren Produkten und dem Insektentod zu vertuschen. Sie finanzieren unseriöse Studien, üben Druck auf Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen aus, betreiben intensive Lobbyarbeit bei den Regulierungsbehörden und versuchen mit allen Mitteln, Einschränkungen und Verbote zu verhindern oder zu umgehen. Unterdessen schreitet das Insektensterben mit nie dagewesenem Tempo voran. Weil Insekten aber eine zentrale Rolle als Bestäuber und Teil der Nahrungsketten spielen, zieht die radikale Dezimierung alle Ökosysteme in Mitleidenschaft: Fischen und Vögeln geht das Futter aus, so dass sie ebenfalls immer weniger werden. Zudem belegen jüngere Studien, dass die Chemikalien auch die menschliche Gesundheit beeinträchtigen.

Kommentar: Da mir zum Wirken von Chemie-Lobbyisten jegliche Eigenerfahrung fehlt, muss ich glauben, was mir erzählt wird. Die Arte-Dokumentation macht das überzeugend. So wie die Pseudo-Dokumentation "Thank You for Calling" eines privaten Filmemachers mutmaßlich auf alle überzeugend wirkt, die von den Hintergründen dieses Streifens und der Mobilfunkdebatte keine Ahnung haben. Falsche Schlüsse bei den Betrachtern sind programmiert. Nur, wie soll jemand bei meinungsmachenden Dokumentationen treffend zwischen Gut & Böse unterscheiden können, wenn das Wissen für eine kompetente Bewertung völlig fehlt? Ich behaupte, das geht nicht, jedenfalls nicht mit vertretbarem Aufwand, man muss darauf vertrauen, dass einem kein X für ein U vorgemacht wird. Leicht gesagt, schwer getan. Nur zu gerne würde ich einem öffentlich-rechtlichen Sender wie Arte mehr Vertrauen entgegen bringen als einem privaten Filmemacher. Doch auch Arte hat schon gesündigt. Was also tun, wie komme ich aus dem Dilemma raus? Mein Weg: Ich nehme die Insektenkiller-Doku wohlwollend zur Kenntnis, bleibe aber argwöhnisch und warte ab, ob das Bild, das Arte zeichnet, von anderen Journalisten bestätigt oder entkräftet wird. Erst dann bilde ich mir eine eigene Meinung. Etwas besseres ist mir bislang nicht eingefallen.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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