Arte (2019): Elektrosmog – Eine unterschätzte Gefahr? (Medien)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 19.05.2019, 21:49 (vor 202 Tagen) @ H. Lamarr

Sendeanstalt: Arte
Sendereihe: Xenius - Das Wissensmagazin
Sendung: Elektrosmog – Eine unterschätzte Gefahr? [Video online bis 03.08.2019]
Ausstrahlung: 6. Mai 2019
Beitragsdauer: 27 Minuten
Moderation: Dörthe Eickelberg und Pierre Girard
Regie: Kristina Graß
Autorin: Kristina Graß
Produktion (Auftragnehmer): Labo M
Auftraggeber: NDR (2019)
Redaktion NDR: Matthias Latzel

Auftretende Personen
- Michael Bauske (Baubiologe)
- Judith Rommel (überzeugte Elektrosensible)
- Mario Babilon (überzeugter Elektrosensibler)
- Harald Banzhaf (Umweltmediziner)
- Wilfried Kühling (Raumplaner)
- Gunde Ziegelberger (Bundesamt für Strahlenschutz, BfS)

Wertung Postingautor: Ein fachlich unqualifizierter tendenziöser Beitrag, der mit Hilfe einer elektrotechnisch unbedarften Moderation, von zwei "Elektrosensiblen" und drei selbsternannten Experten übertriebene Ängste gegenüber Elektrosmog schürt. Die Helferdienste der Baubiologie werden in ein so auffallend günstiges Licht gestellt, dass es mich nicht erstaunt hätte, wäre im Abspann ein Baubiologenverband als Sponsor genannt worden.

Begründung
► Der Beitrag ist unausgewogen, fünf überzeugten Mobilfunkkritikern steht allein eine Mitarbeiterin des Bundesamtes für Strahlenschutz gegenüber. Damit wird die gesellschaftliche und wissenschaftliche Außenseiterrolle von Mobilfunkkritikern auf den Kopf gestellt, der Zuschauer in die Irre geführt. Die BfS-Mitarbeiterin ist lediglich das Feigenblatt, um wenigstens eine Gegenstimme vorweisen zu können. Gunde Ziegelberger ist von den sechs auftretenden Personen die einzige Wissenschaftlerin (Biologie), die sich beruflich mit Elektrosmog beschäftigt, die anderen fünf sind fachliche Laien oder selbsternannte Experten. Auch wegen dieser Schieflage konnte der Beitrag per se zu keinem anspruchsvollen qualitativ guten Ergebnis führen.
► Nicht tolerierbar ist die Unausgewogenheit besonders deshalb, weil die Kritiker und der Sprecher im Hintergrund unwidersprochen die üblichen haltlosen Behauptungen aus der Anti-Mobilfunkszene vortragen dürfen.
► Dem Baubiologen wird unangemessen viel Raum gegeben, der Beitrag wirkt wie eine verkappte Werbesendung für die (unnötigen) EMF-Dienstleistungen der Baubiologie.
► Welchen Mehrwert bringt es den Zuschauern, wenn die beiden Moderatoren (technische Laien) sich ab Minute 9:30 von einem banalen baubiologischen Taschenspielertrick (Prüfstift zur Anzeige harmloser elektrischer Felder) beeindruckt zeigen? Wo bleibt der Anspruch "Wissensmagazin"?
► In Deutschland gibt es schätzungsweise höchstens 300 überzeugte Elektrosensible, der Beitrag räumt "Elektrosensiblen" dennoch weit überproportional viel Raum widerspruchslos ein. Unter wissenschaftlicher Aufsicht konnte bisher weltweit kein einziger "Elektrosensibler" seine behauptete Fähigkeit zur Wahrnehmung schwacher EMF unter Beweis stellen. Die kommerziellen Interessen des "Elektrosensiblen" Mario Babilon (Elektrosmog-Beratung und -Messung für Laien) bleiben unerwähnt.
► Ab Minute 4:43 räumt Babilon ehrlich ein, "Elektrosensibilität" sei bei ihm ein "Selbstbefund" oder eine "Selbstdiagnose". Der Beitrag erweckt hingegen den falschen Eindruck, "Elektrosensibilität" sei objektivierbar und medizinisch seriös diagnostizierbar. Das Phänomen der "Selbsttäuschung" wird ebenso wenig angesprochen wie die fehlende "Verblindung" bei Babilons Selbstversuchen.
► Der Interessenkonflikt von Dr. med. Banzhaf, in dessen Praxis angeblich "viele Elektrosensible kommen", bleibt unangesprochen. Die Behauptung Banzhafs, das Herz eines Menschen würde auf (schwache) EMF (eines W-Lan-Routers) reagieren, halte ich für stark fragwürdig. Ein kritisches Hinterfragen dieser Behauptung findet jedoch, wie im gesamten Beitrag, nicht statt.
► Das Märchen von "amtlichen Schätzungen", denen zufolge in Deutschland und Frankreich fast 3 Mio. Menschen unter "Elektrosensibilität" leiden würden, bleibt ohne Quellenangabe. Das BfS widersprach auf Nachfrage des IZgMF bereits 2015 einer ähnlichen Behauptung.
► Babilon wird als Kernphysiker vorgestellt, der an der "Uni" unterrichte. Tatsächlich aber leitet er den Studiengang Informatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.
► Ab Minute 4:03 wird behauptet, Mobilfunk, W-Lan und DECT würden mit der genau gleichen Frequenz wie eine Mikrowelle [Mikrowellenherd] senden. Diese Behauptung, mit der anscheinend Ängste gegenüber Funkwellen geschürt werden sollen, ist irreführend. Mikrowellenherde arbeiten auf 2,455 GHz in einem lizenzfreien ISM-Frequenzband (Industrial, Scientific, Medical), in dem unter anderem auch W-Lan angesiedelt ist, nicht aber Mobilfunk und DECT.
► Ab Minute 8:06 behauptet einer der beiden Moderatoren: "Die Arbeitgeber [in Frankreich] müssen mittlerweile Strahlungsmessungen durchführen, das schreibt seit 2017 das Gesetz vor. Und infolgedessen mussten z.B. Pariser Bibliotheken die Sendeleistung von W-Lan reduzieren [...]. Doch da kann etwas nicht stimmen, denn vier Pariser Bibliotheken schalteten bereits 2007 W-Lan ab, 2008 folgte die Französische Nationalbibliothek.
► Ab Minute 11:25 behauptet Baubiologe Bauske, die Bundesärztekammer empfehle (für Elektrosmog) eine Maximalbelastung von 1000 µW/m². Doch davon weiß die Kammer anscheinend nichts, denn die Suche nach einem Beleg für die Behauptung auf ihrer Website blieb erfolglos.

Angekommen bei Minute 11:30 habe ich die Hoffnung aufgegeben, der Beitrag könnte sich noch zum Besseren wenden. Angesehen habe ich mir den Rest noch, es ist mir jedoch zu viel Arbeit, die weiteren Mängel aufzulisten. Ich meine, die bisherigen Kritikpunkte zeigen bereits deutlich genug, dieser Beitrag ist weder für Arte noch für den NDR ein Ruhmesblatt, sondern wertloses Fernsehen aus der Trash-Ecke. Doch wer nun die tendenziöse Ausrichtung auf vermeintlichen Elektrosmogalarm zu verantworten hat, die NDR-Redaktion (Auftraggeber) oder Labo M (Auftragnehmer), das bleibt offen.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Beratung, Angst, Werbung, Desinformation, Falschmeldung, Filmkritik, Arte, Babilon, Irreführend


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