Antworten des BfS: Bundesamt dementiert Zeitungsbericht (Berichtigungen)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 06.08.2015, 21:52 (vor 1704 Tagen) @ H. Lamarr

Keiner der beiden machte sich die Mühe, den fragwürdigen Behauptungen des Journalisten mit einer Anfrage beim BfS auf den Grund zu gehen.

Ich war so frei, bei dem Journalisten und beim BfS um eine Stellungnahme zu den angeblich 25'000 flüchtenden "Elektrosensiblen" nachzufragen. Ich erhoffe mir auf diese Weise Licht in diese dubiose Kolportagestory aus dem Anti-Mobilfunk-Milieu zu bringen.

Am 1. August wollte ich es wissen und stellte dem Bundesamt für Strahlenschutz die Fragen, die eigentlich der Verwaltungsrichter i. R. Bernd I. Budzinski oder der emeritierte Professor Klaus Buchner hätten stellen müssen, bevor sie die Geschichte eines freien Journalisten für bare Münze genommen und weiter verwurstet haben.

Zur Erinnerung: Es geht um die folgende Textpassage, die 2008 der Journalist Marco Lauer in einigen Zeitungen verbreitete und die bisher unwidersprochen blieb:

Das BfS schätzt in einer bislang nicht veröffentlichten Studie, dass in Deutschland etwa 25.000 Elektrosensible leben, die sich mehr oder weniger auf der Flucht vor dem Mobilfunk befinden. Die große und kleine Funklöcher aufsuchen - manchmal sind es nur Kellerräume, manchmal ganze Landstriche wie bei Sohmer.

Was daran stimmt und wie es tatsächlich ist, darüber gibt das BfS klar und deutlich Auskunft.

IZgMF: Ist dem BfS etwas von seiner angeblich eigenen Schätzung bekannt, in Deutschland gäbe es 25'000 Elektrosensible, die sich mehr oder weniger auf der Flucht vor dem Mobilfunk befinden?
BfS: Die Schätzung von 25.000 Elektrosensiblen in Deutschland ist dem BfS nicht bekannt.

IZgMF: Ist dem BfS etwas von seiner 2008 noch unveröffentlichten Studie bekannt, die der Journalist als Beleg heranzieht?
BfS: In 2008 gab es keine vom BfS beauftragte Studie zu Elektrosensibilität zu der bereits unveröffentlichte Daten vorgelegen hätten. Die unvollständigen Quellenangaben von Herrn Lauer lassen eine Zuordnung seiner Aussagen nicht zu.

IZgMF: Kann das BfS die genannte Anzahl von 25'000 Elektrosensible in Deutschland (Stand 2008) bestätigen oder hat das Amt andere Zahlen?
BfS: Die Zahl von 25.000 Elektrosensiblen im Jahr 2008 kann das BfS folglich nicht bestätigen. Je nach Definition bewegt sich diese Zahl in bevölkerungsrepräsentativen Umfragen zwischen 1,5 % und 10 % der Befragten. Dabei handelt es sich um Personen, die sich selber als elektrosensibel bezeichnen, oder solche, die sich durch elektromagnetische Felder gesundheitlich beeinträchtigt fühlen, und nicht um solche, die sich auf der Flucht vor elektromagnetischen Feldern befinden.

IZgMF: Beobachtet das BfS systematisch die zahlenmäßige Entwicklung überzeugter "Elektrosensibler"?
BfS: Das BfS hat in den Jahren 2003, 2004, 2005, 2006, 2009 und 2013 Umfragen mit dem Titel "Ermittlung der Befürchtungen und Ängste der breiten Öffentlichkeit hinsichtlich möglicher Gefahren der hochfrequenten elektromagnetischen Felder des Mobilfunks" in Auftrag gegeben. Sie wurden bis 2009 durch INFAS (Institut für angewandte Sozialwissenschaften, Bonn) und 2013 unter dem Titel "Differenzierte Betrachtung der Nutzung und der Wahrnehmung des Mobilfunks" vom LINK-Institut durchgeführt. Es wurden telefonische Interviews mit jeweils 2.500 Personen durchgeführt und es wurde u.a. abgefragt, ob sich die Studienteilnehmer wegen elektromagnetischer Felder, die von Mobilfunk-Sendeanlagen, Handys oder Schnurlos-Telefonen ausgehen, gesundheitliche Sorgen machen oder sich sogar gesundheitlich beeinträchtigt fühlen. Die Zahl der Besorgten schwankte über die Jahre zwischen 27 % und 31 %, die Zahl derjenigen, die sich gesundheitlich beeinträchtigt fühlten, zwischen 7 % und 10 %. Der Begriff "elektrosensibel" wurde in diesen Untersuchungen nicht abgefragt. Nähere Informationen zu den Umfragen finden Sie unter folgenden Links:

INFAS-Umfragen 2003 bis 2006
INFAS-Umfrage 2009 (PDF)
LINK-Umfrage 2013

In der "Querschnittstudie zur Erfassung und Bewertung möglicher gesundheitlicher Beeinträchtigungen durch die Felder von Mobilfunkbasisstationen", an der 30.000 Personen teilgenommen haben, waren 28 % besorgt und 11 % fühlten sich durch elektromagnetische Felder gesundheitlich beeinträchtigt. Diese Studie lief zwischen 2003 und 2006.

Um die Hintergründe der Elektrosensibilität genauer zu untersuchen, hat das BfS im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms (DMF) das Forschungsvorhaben "Ergänzende Informationen über Elektrosensible" beim KATALYSE-Institut in Auftrag gegeben. Auch hier handelte es sich um eine Umfrage, es wurde aber nicht nach elektromagnetischen Feldern des Mobilfunks, sondern nach Feldern aller Frequenzbereiche gefragt. Dabei haben 6,9 % der Befragten angegeben, wiederholt konkrete gesundheitliche Beschwerden im Zusammenhang mit elektrischen, magnetischen und elektromagnetischen Feldern zu haben. Von diesen war 52 % der Begriff "elektrosensibel" bekannt und davon haben sich 37 % auch schon einmal so bezeichnet. Rechnerisch ergibt das 1,33 % Elektrosensible in der Bevölkerung, die sich auch so bezeichnen.
Daraus resultiert die Angabe "Knapp 1,5 % der Befragten bezeichnete sich als elektrosensibel" im Abschlussbericht des DMF. Dieser wurde im Juni 2008 veröffentlicht und stand zum Zeitpunkt der Publikation von Herrn Lauer zur Verfügung. Das BfS hat zu diesem Zeitpunkt keine anderen Zahlen genannt.

IZgMF: Welche medizinischen Anlaufstellen empfiehlt das BfS überzeugten "Elektrosensiblen", die sich hilfesuchend an das BfS wenden?
BfS: Das BfS empfiehlt Betroffenen, die sich durch elektromagnetische Felder gesundheitlich beeinträchtigt fühlen, ihre Beschwerden in einer umweltmedizinischen Einrichtung abklären zu lassen. Eine Übersicht geeigneter umweltmedizinischer Beratungsstellen ist beim Umweltbundesamt einsehbar.

Für das BfS antwortete PD Dr. Blanka Pophof. Die Antwort des Bundesamtes erreichte uns als gescannter Brief. Um den Inhalt dennoch hier einstellen zu können, haben wir eine OCR-Texterkennung durchgeführt und das Ergebnis 2-mal Korrektur gelesen.

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Tags:
Anfrage, ödp, Klarstellung, BfS, Falschmeldung, Strahlenflüchter, Hintergründe, Katalyse-Institut, Umweltbundesamt


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