Lehrgang Populismus: Buchner über 25'000 Strahlenflüchtlinge (Berichtigungen)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 04.08.2015, 23:37 (vor 1446 Tagen) @ H. Lamarr

5 Jahre später springt Klaus Buchner, inzwischen Europaparlamentarier der ödp, auf den Zug des Ex-Richters Budzinski auf und verbreitet das unsägliche Gerücht von den 25'000 Strahlenflüchtlingen in einem Vortrag aufs Neue. Ein PDF seines Vortrags, erstellt am 17. März 2015, wird auf Buchners Website zum Download angeboten.

Ein Vortragsmanuskript in Händen zu haben ist schon mal nicht schlecht. Besser aber ist es zu hören und zu sehen, was ein Referent aus dem Vortragsmanuskript macht. Wir haben das seltene Glück, auf beides zugreifen zu können. Das folgende Video entstand am 28. Februar 2015, Klaus Buchner hatte einen Auftritt im bayerischen Hauzenberg (Bericht der Passauer Neue Presse).

Was der Europaabgeordnete der ödp dort sagte ist Populismus in seiner übelsten Form: skandalträchtige Angstmache im akademischen Mäntelchen jedoch ohne belastbare Argumente. Wie Klaus Buchner mit 74 plötzlich zu einem zweiten Doktortitel gekommen ist wäre noch zu prüfen. Doch das ist eine andere Geschichte, hier und jetzt geht es nur darum, mit welchen Worten der Ex-Professor seine Folie (Seite 3 im Vortragsmanuskript) kommentiert, auf der er unter Berufung auf eine Sekundärquelle die angeblich 25'000 Strahlenflüchtlinge in Deutschland behauptet.

Meine Frau war so nett, die entsprechende Passage aus dem Video abzutippen. Bittesehr, nachfolgend O-Ton von Klaus Buchner schwarz auf weiß:

6:40 Wenn irgendwo eine Funkanlage entsteht, sei es sie nehmen ein DECT-Telefon zu hause oder es wird eine Antenne errichtet, dann passiert zunächst einmal – gar nichts. Äh ... es wird nach einigen Wochen einige wenige Leute geben die Beschwerden haben. Und zwar unspezifische, das ist z.B. Schlafstörungen, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Kopfschmerzen, Nasenbluten usw., die ganzen Liste, die hier steht.

7:12 Da sagen die Leute, ja, ist überhaupt kein Problem. Die sehen den Funkmasten und dann regen sie sich auf, dann können sie nicht mehr schlafen und weil's nicht mehr schlafen können konzentrieren sie sich nicht mehr, haben Kopfweh und so weiter. Mit solchen Dingen wird das von der offiziellen Seite von den Behörden und den Funkbetreibern abgetan.

7:33 Das ist leider nicht der Fall. Aber bevor ich das sag', muss ich einfach eine Studie des Bundesamts für Strahlenschutz zitieren, die sagt: In Deutschland leben 25'000 Menschen Äh ... praktisch auf der Flucht vor Funkstrahlung. Etliche leben im Keller ihres Hauses weil es besser abgeschirmt ist. Etliche, die ich persönlich kenne, mussten ihr Haus verlassen. Ja, es gibt, Äh ... zum Beispiel ein guter Freund von mir, der selber Funktechniker ist, der selber mit dieser Technik sein Geld verdient hat, der lebt inzwischen in einer Höhle im Schwarzwald. Und ich weiß von zwei Selbstmorden. Deswegen, weil's die Leute nicht mehr ausgehalten haben. Von einem, das war erschütternd, da haben wir noch die letzten Telefongespräche mitgekriegt, der hatte solche Schmerzen, dass es einfach nicht mehr ging.

8:30 Also wir sollten das nicht klein reden. Obwohl zunächst Äh ... die ersten Beschwerden sehr unspezifisch sind. Ich beton die ersten Beschwerden. Und es sind doch relativ viele Leute betroffen, letzten Endes nach längerer Äh ... Bestrahlung sind's einige Prozent der Bevölkerung, die hier massive Probleme haben. Nicht so viele wie es hier das Bundesamt angibt, dass die da gleich ausziehen müssen oder sonst was, aber die massive Probleme haben. Also, es handelt sich nicht um ein Phänomen was irgend ein paar wenige Spinner haben, sondern wirklich, man kann's fast als Volkskrankheit bezeichnen.

So also entstehen Gerüchte: Herr Buchner stellt es als Tatsache hin, das BfS spreche in einer Studie von 25'000 Menschen auf der Flucht vor Funkstrahlung. Mit keiner Silbe erwähnt er, dass er diese Behauptung lediglich einem kolportierten Zeitungsartikel entnommen hat und dass ansonsten alles gegen die Zahl von 25'000 Strahlenflüchtlingen in Deutschland spräche und es extrem unwahrscheinlich ist, dass das BfS so eine Zahl in die Welt gesetzt haben soll. Dann fabuliert Buchner von "einigen Prozent der Bevölkerung", die angeblich "massive Probleme" haben (Quelle vermutlich diese), nur um anschließend selbst die wundersame Zahl 25'000 als zu hoch wieder klein zu reden :no:.

Bei etlichen Sätzen Buchners habe ich den Eindruck, dass er, wenn er einen Satz beginnt noch keine Idee hat, wie er ihn zuende bringen soll. Dies führt nicht selten zu unverständlichen, holprigen oder widersprüchlichen Wortkonstruktionen, die einem erst so richtig auffallen, wenn der Text nicht gesprochen wird, sondern geschrieben steht. Die angeblich 150 Zuhörer, die Buchners Ausführungen lauschten, sie können einem leid tun. Nach rund 1 Stunde Holper-Stolper-Desinformation durch den ödp-Europaabgeordneten, dürfte bei den Hauzenbergern nicht allzuviel hängen geblieben sein, bis auf eines: Dies ganze Funkzeugs, bis auf Handys (siehe Buchner am Ende seines Vortrags), scheint doch nicht ganz ungefährlich zu sein und kann alles, egal ob mit zwei oder vier Beinen krank machen - irgendwie.

Dabei ließe sich Klaus Buchners Vortrag Satz für Satz widerlegen. Schwierig wäre dies nicht, nur aufwendig. Mir zu aufwendig, denn mich interessiert momentan nur noch, was das BfS auf meine Anfrage zu den ominösen 25'000 und zu der geheimnisvollen Studie sagen wird.

Buchner hofft, Zenzi und Schorsch werden sich bei der nächsten Wahl wohlwollend seiner und seiner Partei erinnern, die Nutznießerbranchen der Angst hoffen auf neue Kunden und Patienten, die Gemeindepolitiker hoffen, niemand aus dem Dorf möge am nächsten Tag mit Fragen zum Vorabend aufkreuzen, Zenzi und Schorsch aber wollen nur eines: nach hause und das ganze Geschwalle hinter sich lassen.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

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