Arte (2019): Taschenspielertrick war Schwindel (Medien)

H. Lamarr @, München, Samstag, 08.06.2019, 16:24 (vor 156 Tagen) @ H. Lamarr

► Welchen Mehrwert bringt es den Zuschauern, wenn die beiden Moderatoren (technische Laien) sich ab Minute 9:30 von einem banalen baubiologischen Taschenspielertrick (Prüfstift zur Anzeige harmloser elektrischer Felder) beeindruckt zeigen? Wo bleibt der Anspruch "Wissensmagazin"?

Ab Minute 9:21 findet in dem Video folgender Fachdialog statt:

Moderatorin: Was mache ich mit dem Stift?
Baubiologe [siegessicher]: Mal an die Lampe halten.
Moderatorin [Stift piept]: Öäh, öäh! – Was war das jetzt!?
Baubiologe: Das war die Feldbelastung durch eine Nachttischlampe.
Moderatorin: Auweia! Also das ist jetzt diese niederfrequente Strahlung. Das piept, dabei ist die Leuchte noch nicht einmal an!
Baubiologe: Ja, Lampen die nicht leuchten können auch strahlen.
Moderatorin [Baubiologen mädchenhaft anschmachtend]: Okay, aber wie sorgt man dafür, dass die Strahlenbelastung so gering wie möglich wird – bei einer Nachttischlampe?
Baubiologe [siegessicher]: Zum Beispiel, indem man den Stecker umdreht.
Moderatorin: Häh ... wie?
Baubiologe: Einfach um 180 Grad umdreht, ja!
Moderatorin: Okay, ich mach' das mal. So ist der Stecker drin, Aha [zieht Stecker ab]. Und den hier nach vorne. Und jetzt drehe ich das mal um, [ratlos] sieht genauso aus, Auweia [steckt Stecker zurück in die Steckdose und hält Prüfstift wieder an die Lampe], Häh? Zauberei! [entzückt, da Stift stumm bleibt]
Baubiologe [triumphierend]: Ja!

So weit so gut.

Aber: Ein aufmerksamer Betrachter des Videos hat mich darauf aufmerksam gemacht, die gezeigte Szene ist getürkt. Die technisch überforderte Moderatorin zieht den Stecker aus der Steckdose, dreht ihn zuerst tatsächlich um 180 Grad, dann aber wieder zurück und steckt ihn deshalb exakt wieder so in die Steckdose, wie er zuvor darin steckte. Ich habe mir die Szene in Zeitlupe angeschaut und kann die Beobachtung bestätigen. Dafür, dass im weiteren Handlungsablauf ohne Schnitt die Moderatorin den Prüfstift an die Lampe hält und dieser stumm bleibt (obwohl er piepen müsste) gibt es die simple Erklärung: Zwischen den Szenen mit dem erst piependen und dann stummen Prüfstift wurde ohne Kamera "geübt" und der Netzstecker der Lampe mehrfach gezogen. Unmittelbar vor der Szene mit dem stummen Prüfstift wurde dann der Stecker (irrtümlich) bereits so gesteckt, dass der Prüfstift keine Spannung melden konnte. Der Fehler der Moderatorin, den Stecker nicht um 180 Grad zu drehen hatte deshalb keine irritierende Auswirkung.

Entscheidender Moment (Minute 9:59): Die Moderatorin dreht den Stecker nicht um 180 Grad, sondern hin und her.
[image]

Was bei dem Taschenspielertrick des Baubiologen im Video überhaupt nicht zur Sprache kommt: Biologisch ist es völlig belanglos, ob der Stift Spannung an der Lampe meldet oder nicht. Ein Gesundheitsrisiko für Schläfer gibt es auch dann nicht, wenn der Stecker der Nachttischlampe zufällig so in der Steckdose steckt, dass, im flexiblen Kabel zur Lampe, der spannungslose Neutralleiter und nicht der spannungsführende Außenleiter vom Schalter der Nachttischlampe unterbrochen wird. Denn elektrische Felder des Haushaltsstroms sind zweifelsfrei harmlos. Unter Hochspannungsleitungen sind z.B. Feldstärken von bis zu 5000 V/m unbedenklich. Diesen Wert erreicht man in Häusern und Wohnungen mit 230-V(AC)-Versorgung nur dann, wenn man sich einem spannungsführenden Leiter bis auf 4,6 Millimeter Abstand nähert. Üblicherweise verhindern bei fest verlegten Verkabelungen bereits dickere Putzschichten das Erreichen eines derart kleinen Abstands. In 30 Zentimeter Abstand ist die Feldstärke bereits auf rd. 767 V/m gefallen, in 50 Zentimeter Abstand auf 460 V/m (siehe Feldstärkerechner). Der Taschenspielertrick suggeriert also unausgesprochen ein Risiko durch "niederfrequente Strahlung", wo keinerlei Risiko ist.

Geschäftsmodell Netzfreischalter

In den 1970er Jahren sannen Baubiologen und ihnen zugetane Mediziner nach einem neuen Geschäftsmodell, mit dem sich irrationale Ängste der Bevölkerung mühelos in bare Münze verwandeln lassen konnten. Denn damals schwand im Volk die zuvor kunstvoll gepflanzte Angst, durch die schirmende Wirkung von Stahlbetonbauten drohe durch das Leben im "Nullfeld" feldfreier Behausungen allerlei gesundheitlicher Ungemach, von Kinderlosigkeit bis hin zu Krebs. Die patente neue Idee war damals der automatische "Netzfreischalter". Ein objektiv zu 100 Prozent überflüssiges Gerätchen für Sicherungskästen, das Stromleitungen in Haushalten mit dem Abschalten des letzten Verbrauchers automatisch solange spannungsfrei schaltet, bis wieder ein Verbraucher nach Strom verlangt. Seither schüren interessierte Kreise fleißig Ängste gegenüber harmlosen elektrischen Feldern und preisen Netzfreischalter als Problemlösung. Erfolgreich sind sie bei Esoterikern, Öko/Bio-Freaks, ängstlichen Menschen, Elektrochondern und allen anderen, die in der Schule das Fach Physik gerne geschwänzt haben. Mittlerweile haben sich Netzfreischalter, die es schon ab gut 30 Euro gibt (teuer wird erst der Einbau) als eine Art Standardprodukt etabliert, bei dem in Vergessenheit geriet, dass es überflüssig wie ein Kropf ist.

Um irrationale Ängste gegenüber niederfrequenten elektrischen Wechselfeldern zu schüren wird zuweilen darauf hingewiesen, die Internationale Krebsagentur (IARC) hätte 2001 derartige Felder als möglicherweise krebserregend (2B) eingruppiert. Doch diese Behauptung ist falsch, sie gilt für niederfrequente magnetische Wechselfelder. Elektrische Wechselfelder konnte die IARC 2001 nicht als krebserregend befinden, sie wurden deshalb in die Gruppe 3 eingeordnet (nicht bewertbar).

Hintergrund
IARC Monograph 80: Non-Ionizing Radiation, Part 1: Static and Extremely Low-Frequency (ELF) Electric and Magnetic Fields

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Baubiologie, IARC, Falschmeldung, Klassifizierung, Trick, Kommerz, Netzfreischalter, Nullfeld


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