ZDF (2019): 5G - Zwischen Datenspeed und Strahlenangst (Medien)

H. Lamarr @, München, Freitag, 26.07.2019, 20:55 (vor 110 Tagen) @ H. Lamarr

Sendeanstalt: ZDF
Sendereihe: planet e
Sendung: 5G - Zwischen Datenspeed und Strahlenangst [Seite, abgefragt am 23.10.2019, derzeit nicht abrufbar. Ursache]
Ausstrahlung: 28. Juli 2019
Beitragsdauer: 28:42 Minuten
Moderation: -
Regie: unbekannt
Autoren: Volker Wasmuth und Patrick Zeilhofer
Produktion (Auftragnehmer): Blue Moon Media
Auftraggeber: ZDF
Redaktion: Martin Ordolff
Leitung der Sendung: Volker Angres

Auftretende Personen (nur Themenblock Strahlenangst)
- Jörn Gutbier (Mobilfunkkritiker, Architekt, Baubiologe)
- Irmgard Wehner (Mobilfunkgegnerin, Stuttgart, Rohrer Höhe)
- Wilfried Kühling (Mobilfunkkritiker, Raumplaner, BUND)
- Piero Lercher (Mobilfunkkritiker, Umweltreferent der Wiener Ärztekammer)
- Gunde Ziegelberger (Bundesamt für Strahlenschutz, Biologin)
- Inge Paulini (Präsidentin Bundesamt für Strahlenschutz)

Wertung Postingautor: Die ersten zehn Minuten gelten dem Themenblock "Datenspeed". Dazu werden diverse meist am Interesse von Privatpersonen vorbeigehende symbolische Anwendungen von 5G präsentiert, die einem, weil abstrakt, kaum im Gedächtnis bleiben. Die restlichen 18 Minuten gehören der Strahlenangst und es kommt wieder zu dem schon vorhersehbaren Dilemma des Kompetenzgefälles: Zu den beiden Fachfrauen des BfS präsentieren die Autoren keine Wissenschaftler der "Gegenseite", sondern, drei fachliche Laien, die sich privat mit Mobilfunk beschäftigen. Irmgard Wehner gehört einer Bürgerinitiative gegen einen Mobilfunksendemasten an, sie ist ein Fremdkörper in dem Beitrag, mit 5G haben ihre Ängste nichts zu tun. Es gab schon schlimmere Beiträge der Öffentlich-Rechtlichen über das "Risiko Mobilfunk", doch auch dieser hier lässt die Funkgegner unkommentiert ihre angstschürende und teils völlig unqualifizierte Außenseitermeinung vortragen. Anscheinend erkennen die Autoren nicht, dass sie damit der permanenten Risikoinszenierung der Funkgegner und ihrer Geschäftsmodelle Vorschub leisten. Hinzu kommt, der Sprecher aus dem Off liest teils tendenziöse Texte vor und das alte Übel, dass das Wort Mobilfunkstrahlung als Synonym zum Vernebeln des wichtigen Unterschieds von Handystrahlung und Sendemastenstrahlung gebraucht wird, das haben die Autoren 1:1 von unseriösen/unqualifizierten Mobilfunkgegnern übernommen. Eine kompetente Qualitätskontrolle hätte dem Beitrag daher gut getan.

Begründung (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
► Jörn Gutbier profitiert als Baubiologe kommerziell von wachsender Angst gegenüber Mobilfunk. Ihm üppige Gelegenheit zum interessengelenkten Angstschüren zu geben kann nicht Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders sein. Angreifbare Stichworte: Strahlenoverkill; Es ist klar, dass die Strahlenbelastung steigen wird; Die Zunahme von Glioblastomen, den gefährlichsten der Hirntumoren, hat sich verdoppelt in den letzten 50 Jahren [:no:, Minute 11:53]; Leukämie; Lymphdrüsenkrebs. Gutbier misst mit einem Amateur-Messgerät die Funkfelder von Sendemasten, trägt dazu jedoch strittige Argumente vor, die zum Teil keinerlei Bezug zu Sendemasten haben (sondern zu Mobiltelefonen). Ein beliebter Trick der Funkgegner, Laien irrationale Ängste zu pflanzen (z.B. Hirntumor wegen Sendemast).
► Über den aussichtslosen Protest gegen einen neuen Mobilfunkstandort im Stuttgarter Ortsteil Rohrer Höhe gibt dieser Strang im Forum detailliert Auskunft. Frau Wehner muss sich die unbequeme Ego-Frage gefallen lassen, ob Sie ein Mobiltelefon nutzt und warum sie den geplanten Standort vor ihrem Balkon bekämpft, nicht aber die etwa 84'2345 anderen in Deutschland.
► Der Beitrag behauptet (Minute 14:48), Wilfried Kühling habe gemeinsam mit 180 anderen Ärzten und Wissenschaftlern eine Petition gegen 5G unterschrieben. Doch Kühling taucht in der Liste der bislang rund 30 Mitzeichner aus Deutschland gar nicht auf. Warum ihm dies eher zum Vorteil gereicht, statt zum Nachteil, lässt sich <hier> erforschen.
► Kühling behauptet über 5G-Sendemasten (Minute 15:02): "Es ist bekannt, dass Bäume in ihrem Zellwachstum geschädigt werden." Einen Beleg nennt er nicht. Da gerade erst damit begonnen wird, 5G-Sendemasten zu errichten, dürfte der Wahrheitsgehalt der Behauptung gegen Null gehen. Wie alle Funkgegner reißt auch Kühling bei der Sichtung des wissenschaftlichen Kenntnisstandes ein Auge weit auf, drückt das andere hingegen fest zu. Daraus resultiert eine grob verzerrte Risikowahrnehmung. 2008 ging dies so weit, dass ein unter Kühlings Leitung entstandenes Positionspapier zum Risiko Mobilfunk sich exklusiv alarmistisch den (harmlosen) Sendemasten widmete. Mobiltelefone spielten keine Rolle, ein gravierendes Versäumnis, das auch in der Szene der Gegner nicht gut ankam.
► Kühling behauptet im Anschluss semantisch fragwürdig: "Es ist bekannt, dass Tiere, beispielsweise Bienen, in ihrem Rückfindevermögen zu den Stöcken beeinflusst werden [...]". Wie es sich wirklich verhält lässt sich hier aus einer Primärquelle erfahren (Forumdiskussion dazu). Die spätere Hauptstudie war unspektakulär, sie konnte die Ergebnisse der Vorstudie nur begrenzt bestätigen.
► Kühling behauptet (Minute 16:19): "Es ist wissenschaftlich bewiesen, ernsthaft bewiesen, dass die Gehirnströme verändert werden." Stimmt, dies ist Stand des Wissens aus dem vorigen Jahrhundert. Was Kühling nicht sagt: Die Veränderungen sind physiologisch gering und kein Wissenschaftler kann bislang Auskunft geben, ob diese Änderungen gesund, schädlich oder bedeutungslos sind. Nach bald 30 Jahren Mobilfunk hat die Wertung "bedeutungslos" eine gewisse Berechtigung. Hinzu kommt: Beobachtet wurde der Effekt aufs Gehirn mit leistungsstarken GSM-Mobiltelefonen, moderne Mobiltelefone haben eine wesentlich schwächere Einwirkung. Schlecht: Entweder sagt es Kühling tatsächlich nicht oder der Beitrag wurde sinnentstellend geschnitten: Der Effekt beruht auf dem Gebrauch von Mobiltelefonen, Sendemasten haben keine Auswirkungen auf Hirnströme.
► Ab Minute 17:06 bringen die Autoren die unvermeidbare NTP-Großstudie, dampfen deren Resultat auf einen einzigen Alarmsatz ein und stellen wie gelernte Mobilfunkgegner die tendenziöse Frage: "Tumorbildung bei Ratten. Sind Mobilfunkstrahlen also Krankmacher?" Die Stammleser dieses Forums werden den Trick sofort erkennen. Tatsache ist: Die NTP-Studie hat einzig und allein für Mobiltelefone Bedeutung, nicht für Mobilfunksendemasten! Wer das verschweigt, sollte auch in der Mobilfunkdebatte besser schweigen.
► Der österreichische Mediziner Piero Lercher kommt ab Minute 18:00 zu Wort. Was das IZgMF-Forum über diesen Mobilfunkkritiker zu berichten weiß, lässt sich <hier> erkunden.
► Gunde Ziegelberger (BfS) sagt ab Minute 21:18: "Ich wäre froh, wenn diese kritischen Wissenschaftler eigene Daten auch einem wissenschaftlichen Publikum vorstellen würden und man das diskutiert." Sie sagt das, weil Mobilfunkkritiker ausschließlich vor Laienpublikum auftreten, dem sich risikolos ein X für ein U vormachen lässt. Auf großen Fachkongressen wie zuletzt der BioEM 2019 mit rund 800 Referaten sucht man selbsternannte Experten wie Gutbier, Kühling oder Lercher vergeblich unter den Referenten. Sie versammeln sich lieber im kleinen Kreis Gleichgesinnter und verunsichern mit pseudowissenschaftlichen Auftritten, wie demnächst in Mainz, ahnungslose Laien.
► Ab Minute 21:48 zeigt der Beitrag eine Grafik mit Grenzwerten europäischer Länder. Für 5G-Antennen werden als zulässiger Maximalwert 90 V/m genannt. Jegliche Erklärung fehlt, dass dieser Wert nicht ständig einwirken darf, sondern ein Maximalwert ist, der zeitlich gemittelt zu betrachten ist. Diese Grafik ist pure Desinformation. Den Autoren scheint nicht klar zu sein, dass technisch überforderte Funkgegner nur auf solche Gelegenheiten warten, um damit irrationale Ängste in der Bevölkerung zu schüren (mehr dazu ab hier).
► Ab Minute 25:30 wird es lustig. Erst wird eine Absorberhalle von Huawei wohl wegen der EMF-Absorberkegel, die wie Schallabsorber aussehen, irrtümlich als "schallisoliert und störungsfrei" gerühmt und dann lassen die Autoren einen Huawei-Mitarbeiter (in der Deutsch-Übersetzung) sagen, in Zukunft würden die 5G-Antennen des Konzerns "brummfrei" sein. Das hat Lu Liu, Chef der Absorberhalle, so sicher nicht gesagt. Doch was er dann über adaptive Antennen sagt, ist interessant: "Wir versuchen folgendes: Wenn jemand in der Nähe einer Antenne steht, wird das stärkste Signal nicht genau dorthin abstrahlen." Dieser wegweisende Satz ist mMn das Beste an dem gesamten Beitrag.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Baubiologe, BUND, Umweltmediziner, Risiko, ZDF, BfS, Architekt, Ziegelberger, Faktencheck, Kompetenzgefälle, Kühling, Lercher, Paulini, 5G-Grenzwert


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