ZDF ersetzt 90-V/m-Märchen durch ein anderes (Medien)

H. Lamarr @, München, Freitag, 20.12.2019, 17:31 (vor 308 Tagen) @ H. Lamarr

Heute dann die erlösende Nachricht von Angres. Er bedauert, dass sich der Vorgang so in die Länge gezogen habe, das sei unüblich. Jedenfalls hätten sie meinen Fehlerhinweis nunmehr abschließend geprüft mit dem Ergebnis: 90 V/m sind falsch, "61 V/m sind korrekt". Angres sagt weiter zu, das ZDF werde die fehlerhafte Grafik aus dem Film entfernen und auch die Internetseite korrigieren (die Seite war heute abend abgefragt nicht mehr erreichbar).

Heute habe ich nachgeschaut, was aus der ZDF-Doku "5G – Zwischen Datenspeed und Strahlenangst" geworden ist, ob die fehlerhafte Grafik tatsächlich entfernt wurde.

In der ZDF-Mediathek konnte ich die Doku nicht mehr finden, wie es aussieht, hat das ZDF sie nicht berichtigt, sondern komplett aus dem Bestand genommen. Gut so. Auch die Original-Website zur Doku ist noch immer unerreichbar (siehe Link "Internetseite" oben). Allerdings gibt es unter einer anderen Adresse eine Ersatzseite, auf der von dem falschen Grenzwert jedoch nichts mehr zu finden ist.

Stattdessen verbreitet die Ersatzseite mit einem Zitat von Wilfried Kühling ein neues Märchen über 5G:

Diese Antennen werden überall stehen - alle 50, 70, 100 Meter. Und da sie so nah dran und vielfältig sind, wird die Gesamtbelastung steigen.

Obwohl schon sehr lange in der Mobilfunkdebatte aktiv, hat Herr Kühling einen Grundsatz der Netzplanung noch immer nicht verstanden. Nein, 5G-Antennen werden nicht überall stehen, denn dies wäre wirtschaftlich und technisch Blödsinn. Wie bei allen bisherigen Mobilfunknetzen, wird auch die Versorgung der Bevölkerung mit 5G-Mobilfunkdiensten aufgeteilt in eine Flächenversorgung und eine Kapazitätsversorgung. Für die Fläche werden weit reichende niedrige Trägerfrequenzen (kleiner 1 GHz) verwendet, die wie bisher eine maximale Reichweite von etwa 5 km haben, und deren Masten deshalb in einem 10-km-Raster aufgestellt werden können. Diese Flächenversorgung deckt den Grundbedarf an 5G-Mobilfunkdiensten ab, hohe Bandbreiten (schnelle Datenübertragung) und die Versorgung sehr vieler Teilnehmer sind mit solchen Funkzellen jedoch nicht möglich. Jede Funkzelle kann nur eine begrenzte Anzahl von Teilnehmern bedienen, bei GSM sind es maximal etwa 30, bei LTE liegt das Limit bei etwa 200.

Dort, wo viele Teilnehmer gleichzeitig auf 5G-Dienste zugreifen werden, wäre die Flächenversorgung allein hoffnungslos überlastet. Deshalb gibt es überall dort, und nur dort, wo viele Menschen auf engem Raum zusammen kommen (Städte, Einkaufszentren, Festwiesen, Großveranstaltungen ...) zusätzlich Antennen zur Kapazitätsversorgung. Das war schon bei GSM so. Im Gegensatz zu GSM (nur telefonieren) findet bei 5G die Kapazitätsversorgung auf hohen Trägerfrequenzen statt (größer 2 GHz), weil nur dort genügend Bandbreite für viele Teilnehmer mit großem Datenhunger (z.B. Video-Streaming) zur Verfügung steht. In Deutschland wird die 5G-Kapazitätsversorgung bis auf weiteres im Frequenzbereich 3,4 GHz ... 3,7 GHz stattfinden. Dem Vorteil der großen Bandbreiten in diesem Frequenzbereich steht der (nicht selten vorteihafte) Nachteil der geringeren maximalen Reichweite von etwa 500 m gegenüber.

Bei besonders dichten Menschenansammlungen auf engem Raum (z.B. Fußballstadien) genügt auch eine einzelne 5G-Funkzelle nicht, um den Bedarf von tausenden Fans zu decken. Die kurze Reichweite von 5G kommt den Netzbetreibern dann zugute, denn für einen störungsfreien Betrieb sollten sich Funkzellen desselben Funksystems nur möglichst wenig überlappen. Die Betreiber verzichten in solchen Situationen sogar freiwillig auf die maximale Reichweite einer 5G-Funkzelle und setzen zur Bewältigung des starken Datenaufkommens auf mehrere kleine Funkzellen (pro Funkzelle eine Antenne) mit den von Kühling genannten Reichweiten.

Ich hoffe, die Irreführung durch Wilfried Kühling ist nun auch funktechnischen Laien klar geworden. Kühling projiziert die 5G-Versorgungssituation, wie sie exklusiv bei großen Menschenansammlungen vorkommen wird, auf die gesamte Fläche Deutschlands. Doch dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen oder Kornblumen am Ackerrad sich in der Sonne räkeln, wird auch Herr Kühling zu Lebzeiten ganz gewiss nicht alle 50 m bis 100 m einen Funkmasten erspähen.

Mit Kühlings Angaben müssten die Netzbetreiber in Deutschland (Fläche 357,57 Mrd. m²) zwischen 143 Mio. Standorte (50 m) und 35,8 Mio. Standorte (100 m) errichten. Die Netzwerkausstatter wären davon begeistert, die Netzbetreiber wären pleite :yes:.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!


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