5G-Tea-Party: Die zerkratzten Windschutzscheiben von Seattle (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 20.04.2019, 16:55 (vor 212 Tagen) @ H. Lamarr

Wer sich die Kommentare unter diversen Anti-5G-Petitionen anschaut, dem schlägt nicht selten die Inbrunst eines überzeugten Aberglaubens entgegen. Keine Erfindung unserer Zeit. Als vor hundert Jahren die Reblaus die europäische Weinproduktion nahezu zum Stillstand brachte, wichen einige Winzer in ihrer Not auf resistente Rebsorten aus den USA aus. Traditionswinzer aber bekämpften die Konkurrenten mit eben der List und Tücke, der sich heute auch organisierte Mobilfunkgegner gerne bedienen.

Hier ein weiteres Beispiel für eine der 5G-Tea-Party ähnlichen Massenhysterie: In den 1950er Jahren fanden Atomtests noch oberirdisch statt. Der daraus resultierende radioaktive Fallout beunruhigte die Weltbevölkerung. In den USA führte dies zuerst in Seattle zu einer Massenhysterie, die am Ende auch Präsident Eisenhower erreichte. Der österreichisch-amerikanische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick (1921 – 2007) schilderte den kuriosen Vorfall in seinem Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit? – Wahn, Täuschung, Verstehen" (Auszug):

Die zerkratzten Windschutzscheiben

Gegen Ende der fünfziger Jahre brach in der Stadt Seattle eine merkwürdige Epidemie aus: Immer mehr Autobesitzer mussten feststellen, dass ihre Windschutzscheiben von kleinen pocken- oder kraterähnlichen Kratzern übersät waren. Das Phänomen nahm so rasch überhand, dass Präsident Eisenhower auf Wunsch Rosollinis, des Gouverneurs des Staates Washington, eine Gruppe von Sachverständigen des Bundeseichamtes zur Aufklärung des Rätsels nach Seattle entsandte. Laut Jackson, der den Verlauf der Untersuchung später zusammenfasste, fand diese Kommission sehr bald, dass unter den Einwohnern der Stadt zwei Theorien über die Windschutzscheiben im Umlauf waren. Aufgrund der einen, der sogenannten »Fallout«-Theorie, hatten kürzlich abgehaltene russische Atomtests die Atmosphäre verseucht, und der dadurch erzeugte radioaktive Niederschlag hatte sich in Seattles feuchtem Klima in einen glasätzenden Tau verwandelt. Die »Asphalttheoretiker« dagegen waren überzeugt, dass die langen Strecken frisch asphaltierter Autobahnen, die Gouverneur Rosollinis ehrgeiziges Straßenbauprogramm hervorgebracht hatte, wiederum unter dem Einfluss der sehr feuchten Atmoshäre Seattles, Säuretröpfchen gegen die bisher unversehrten Windschutzscheiben spritzten. Statt diese beiden Theorien zu untersuchen, konzentrierten sich die Männer des Eichamts auf einen viel greifbareren Sachverhalt und fanden, dass in ganz Seattle keinerlei Zunahme an zerkratzten Autoscheiben festzustellen war.

In Wahrheit war es vielmehr zu einem Massenphänomen gekommen: Als sich die Berichte über pockennarbige Windschutzscheiben häuften, untersuchten immer mehr Autofahrer ihre Wagen. Die meisten taten dies, indem sie sich von außen über die Scheiben beugten und sie auf kürzeste Entfernung prüften, statt wie bisher von innen und unter dem normalen Winkel durch die Scheiben durchzusehen. In diesem ungewöhnlichen Blickwinkel hoben sich die Kratzer klar ab, die normalerweise und auf jeden Fall bei einem im Gebrauch stehenden Wagen vorhanden sind. Was sich also in Seattle ergeben hatte, war keine Epidemie beschädigter, sondern angestarrter Windschutzscheiben. Diese einfache Erklärung aber war so ernüchternd, dass die ganze Episode den typischen Verlauf vieler aufsehenerregender Berichte nahm, die die Massenmedien zuerst als Sensation auftischen, deren unsensationelle Erklärung aber totgeschwiegen wird, was so zur Verewigung eines Zustands der Desinformation führt.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!


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