Thank you for Calling: Vorsicht, Lobbyangriff auf Schulen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 20.02.2016, 00:00 (vor 1387 Tagen) @ H. Lamarr

Seit langem versuchen Mobilfunkgegner einen Fuß in die Tür von Schulen zu bekommen, am bekanntesten ist das dubiose Projekt FunkySchool gewesen, das zum Jahresbeginn 2016 glücklicherweise sein Leben aushauchte.

Doch jetzt sieht es so aus, als ob sich die Funkhysteriker wieder auf leisen Sohlen und unter einer Tarnkappe verborgen in Schulen einschleichen wollen, um Kinder in ihrem Sinne zu beeinflussen. Kinder sind deswegen für Mobilfunkgegner begehrte Zielgruppe, weil den Gegnern die erwachsene Gefolgschaft zunehmend abhanden kommt und sie deshalb darauf hoffen, dass Kinder, die sich leichter als Erwachsene mit Desinformation verführen lassen, die Lücken später einmal schließen werden. Die vordergründige Erklärung, sich an die Kinder heran zu schleichen klingt natürlich ganz anders: Da ist dann von tiefer Sorge die Rede, besonders ob der lieben Kleinen, die sich wegen dünner Schädeldecke viel mehr Funkwellen ins Hirn blasen als alte Dickköpfe. Kinder als Alibi haben in der Anti-Mobilfunk-Szene seit Anbeginn Konjunktur, zu gerne begründen verstörte Erwachsene ihre ureigensten Ängste gegenüber Elektrosmog mit angeblicher Sorge um Kinder. Das kommt besser an, weil unsympathischer Eigennutz von scheinheiligem Altruismus verdeckt wird.

Der aktuelle Versuch ist das Schulmaterial (PDF, 27 Seiten), das der österreichische Filmverleih "Filmladen" seit 3. Februar 2016 überraschenderweise anbietet. Bei einem Film wie Thank you for Calling war dies nicht zu erwarten. Inwieweit der dubiose Anti-Mobilfunk-Verein Diagnose-Funk bei der Erstellung dieses Schulmaterials die Finger mit drin hatte ist unklar, auffällig ist, der Verein, der einen bekennenden Astrologen als Geschäftsführer beschäftigt, stellte das Material ebenfalls am 3. Februar auf seine Website.

Aus meiner Sicht quillt das Schulmaterial geradezu über an Desinformation, es bedient sich einer der ältesten und wirksamsten Manipulationstechniken, die es gibt: Einseitige statt ausgewogene Information. Die Kinder werden mit den kruden Vorstellungen von höchst fragwürdigen Mobilfunkgegnern konfrontiert, seriöse Gegenstimmen werden ausgeblendet. Mit diesen Gegenstimmen sind z.B. die vielen Expertenkommissionen in aller Welt gemeint, die den Kenntnisstand zu möglichen Risiken des Mobilfunks regelmäßig neu bewerten und unisono nicht den Alarmknopf drücken, den ausgerechnet ein deutscher Filmemacher gefunden haben will. Doch von diesen Stimmen erfahren die Kinder nichts. Auch nichts davon, dass es ernsthafte Anhaltspunkte dafür gibt, dass die Tabakindustrie gezielt Ängste gegenüber Mobilfunk weckt und schürt, um von den Risiken des Rauchens abzulenken.

Was das Glossar des "Schulmaterials" über die "Reflex"-Studie schreibt, vertreibt letzte Zweifel a) wer den "Filmladen" beraten hat und b) an der tiefen Unseriosität des Papiers.

Geschickt hat der Urheber des Schulmaterials Textpassagen eingeschoben, die den Eindruck von Seriosität machen und das übrige schräge Material dadurch vermeintlich aufwerten. Auch dieser Trick ist bekannt und bewährt: Die Giftpille wird einem leckeren Mahl oder schmackhaftem Wein untergemischt, um unbemerkt ans Ziel zu kommen und ihre Wirkung zu entfalten.

Der Gipfel der Unverschämtheit ist mMn jedoch auf Seite 27: Dort dient der "Filmladen" Lehrern doch tatsächlich den Adlkofer-Auftritt an der Harvard Law School an. Das muss man sich mal vorstellen: Der "Filmladen" empfiehlt Kindern, sich den rund 1-Stündigen Auftritt von Deutschlands erfolgreichstem Tabaklobbyisten anzuschauen, nur weil der nicht über seine eigenen Sünden als Tabaklobbyist redet, sondern seine wirren Mutmaßungen über den von ihm behaupteten Lobbyismus der Mobilfunkindustrie zum Besten gibt.

Die Kinder werden in dem Film ungeschützt den Verschwörungsmythen von Adlkofer, Scheidsteger und anderen ausgesetzt. Das ist frech. Noch frecher ist aus meiner Sicht, die Kinder anschließend, wie im Schulmaterial trickreich vorgesehen, über Lobbyismus diskutieren zu lassen. Es liegt für mich auf der Hand, dass der Plan aufgeht und die Kinder die Mobilfunkindustrie als "böse" identifizieren werden. Den infamen Lobbyangriff durch Mobilfunkgegner, dem sie mit Film und "Schulmaterial" selbst ausgesetzt sind, werden Kinder und wahrscheinlich auch Lehrer nicht erkennen können. Obwohl: Lehrern müsste eigentlich schon an der unübersehbar einseitigen Orientierung des Films das Licht aufgehen, dass sie sich soeben mitten in einem handfesten Manipulationsversuch befinden. Wer dann trotzdem auch noch zu diesem "Schulmaterial" greift, kann als Gefahr für die ihm anvertrauten Kinder gesehen werden.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Desinformation, Manipulation, Einflussnahme, Lobbyismus, Unterrichtsmaterial, Infam, Calling, Verführung, Harvard, Ex-Tabakobbyist


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