Thank you for Calling: Risikobetrachtungen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 07.02.2016, 18:42 (vor 1397 Tagen) @ H. Lamarr

THANK YOU FOR CALLING geht nicht nur ernsthaften Hinweisen auf mögliche Gesundheitsrisiken nach, sondern vor allem der Frage, warum diese Forschung bisher kaum in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen ist. Anhand von Fakten, Insidern und spannenden Protagonisten rekonstruiert der Film eine groß angelegte Verschleierungstaktik der Mobilfunkindustrie.

Warum sollte die Mobilfunkindustrie diesen Zirkus veranstalten? Ich meine, sie hat solche Tricks gar nicht nötig. Auch das ist freilich nur eine Behauptung, deshalb nachfolgend ein überschaubarer Bruchteil der Argumente, die erklären, wie ich zu meiner Meinung komme.

Ein reales Risiko:

In Deutschland sterben pro Tag etwa 300 Menschen an den Folgen des Rauchens, in Europa sind es pro Jahr 700'000 Todesopfer (Quelle).

Darum kümmert sich Herr Scheidsteger nicht.

Noch ein reales Risiko:

Im Jahr 2015 starben in Deutschland 3450 Menschen im Straßenverkehr, in Europa sind es pro Jahr rund 25'500 (Quelle).

Auch darum kümmert sich Herr Scheidsteger nicht.

Worum kümmert er sich?

Um Hirntumoren aufgrund von EMF-Einwirkung.

Dazu ist bislang weltweit kein einziger Todesfall bekannt. Genauer: Bislang konnte kein Todesfall wegen Hirntumor kausal auf EMF-Einwirkung zurück geführt werden.

Warum nicht?

Aus vier Gründen:

a) Hirntumoren sind seltene Erkrankungen.
b) Es gibt kein Erklärungsmodell, wieso schwache EMF Hirntumoren bewirken sollte.
c) Die wissenschaftlich Faktenlage ist widersprüchlich.
d) Viele nationale Hirntumorstatistiken geben keinen Anlass zur Sorge.

Dennoch gibt es mit Lennart Hardell einen Forscher, der anhand statistischer Datenerhebungen in Schweden darauf besteht: Handys und DECT-Telefone verursachen bei intensivem Dauergebrauch Hirntumoren. Andere Forscher (z.B. Little et al.) halten nicht weniger glaubhaft dagegen.

So kommen wir nicht weiter.

Sarah Drießen leitet das EMF-Portal. Sie hat in einem Spiegel-Interview das Risiko Hirntumor mit Fakten in Beziehung gebracht:

In den bisher durchgeführten Studien über die Jahrzehnte hinweg, wurde kein Anstieg der Erkrankungsrate an Hirntumor beobachtet, obwohl die Nutzung von Handys exponentiell angestiegen ist. Es dauert zehn bis 30 Jahre nach einem auslösenden Ereignis, bis ein Hirntumor auftritt. Aber es ist eine sehr seltene Erkrankung: Pro 100.000 Einwohner gibt es in Deutschland pro Jahr sechs neue Fälle des Glioms, der häufigsten Hirntumorart. Wenn es durch Handys eine um 40 Prozent erhöhte Rate an Hirntumoren geben würde, hieße das: In Deutschland gäbe es dann statt sechs Patienten acht pro 100.000 Einwohner.

Heißt auf Deutschland (80 Mio. Einwohner) bezogen: Ohne Elektrosmog erkranken bei uns jährlich 4800 Menschen an einem Hirntumor. Unter der Annahme, dass Elektrosmog die Erkrankungsrate um 40 Prozent erhöht, was alles andere als gesichert ist, sind es 6720.

Sind diese Zahlen Herrn Scheidsteger einen Film in Spielfilmlänge wert? Ich meine: nein. Der Filmemacher ist kein Philantrop, der die Menschheit vor "mörderischem" Elektrosmog retten will.

Für mich plausibler: Herr Scheidsteger ist der Einpeitscher für George Carlo, er soll Ärzte und Patienten aufstacheln, Hirntumorprozesse zu führen. Prozesse mit sehr hohen Schadenersatzsummen führt man am besten in USA, dort sind Anwälte nicht selten prozentual an zugesprochenen Entschädigungssummen beteiligt und werden reich damit.

Der nächste logische Schritt in Europa könnte daher der Versuch sein, potentiell Klagewillige zu Klagen in den USA zu überreden, so es dafür überhaupt eine rechtliche Möglichkeit gibt. Es wäre nicht das erste Mal, dass kommerziell interessierte Mobilfunkgegner auf diese Idee kommen. Auch dem IZgMF wurde vor vielen Jahren einmal angeboten, sich an einer Elektrosmog-Sammelklage in den USA zu beteiligen. Doch das Angebot war nicht nur uns zu dubios, mangels Masse blieb die Idee damals bereits im Ansatz stecken. Mit abendfüllendem TamTam soll Herr Scheidsteger es jetzt geschickter anstellen, um Klagewillige erfolgreich zu akquirieren.

Mein Bauch sagt mir allerdings: Das große TamTam wird relativ schnell abklingen und nach ein oder zwei Jahren wird "Thank you for Calling" auf YouTube enden. Dort kann das Werk erosiv weiter wirken und Klagewillige auf den Plan rufen, um Anwälte reich zu machen. Dass Rechtsschutzversicherungen sich hierzulande auf solche Klagen einlassen, halte ich wegen geringer Erfolgsaussichten jedoch für wenig wahrscheinlich. Deshalb der Lockruf USA: Bei den hohen Summen dort genügt einem Anwalt ein einziger gewonnener Fall, um sich gesund zu stoßen.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Risiko, Statistik, Gliom, Krebsregister Hirntumor, Inzidenzrate, Erkrankungsrate


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