Dr. Ratto zur Belo-Horizonte-Studie -> Zeitverschwendung (Allgemein)

Gast, Mittwoch, 05.10.2011, 23:42 (vor 2939 Tagen) @ H. Lamarr

Wenn die demografische Zusammensetzung der Bevölkerung, abhängig von der Entfernung zum Mast(=Ballungszentrum), nicht gleichverteilt ist, kann dies zu extremen Verzerrungen führen, bzw. anders ausgedrückt:

Wenn in den Ballungszentren der Altersdurchschnitt auch nur geringfügig höher ist, als in den äußeren Bereichen, dann könnte das bereits erklären, daß es dort überproportional mehr Krebstote gibt und in größerer Entfernung zum Mast (urbaner Bereich), wo mehr preiswerte Wohnfläche für jüngere Einwohner verfügbar ist, die Zahl der Krebstoten unter den allgemeinen Durchschnitt sinkt.

Könnte es nicht so sein ?

Klar könnte das so sein, hört sich doch plausibel an. Also, meine Stimme haben Sie. Aber das nutzt Ihnen wenig, denn von Epidemiologie verstehe ich nicht allzu viel. Vielleicht gelingt es mir, einen Experten auf diesem Gebiet dafür zu interessieren, denn wenn Sie Recht haben, wackelt ein Grundpfeiler der Studie.

Hierzu schreibt die Wissenschaftlerin Dr. Giulia Ratto (Pseudonym):

Üblicherweise werden Daten von Mortalitäts- und Krebsregistern "stratifiziert nach Alter und Geschlecht" in Tabellenform angegeben. Die Autoren sagen auf S. 7 im Kap. 2.2.1: "The death cases were further analyzed according to age, gender, site of residence and year of occurrence ...", sie behaupten also zumindest das Alter berücksichtigt zu haben. In einigen Tabellen werden Daten auch getrennt nach Geschlecht und Alter gezeigt.

Der wichtigste Risikofaktor für die meisten Krebsarten ist das Alter, das ist bekannt. Für Bevölkerungsdichte wird korrigiert, indem man nicht nur absolute Daten, sondern auch relative Werte (Prozent) und Inzidenz bzw. Mortalitätsrate, bezogen auf Personenzahl, angibt. Das scheint korrekt zu sein. Bei der Angabe der Ergebnisse in Bezug auf BS wird nicht mehr nach Alter und Geschlecht unterschieden, das ist sicher ein Mangel. Auch andere Konfounder (Rauchen, Essgewohnheiten) wurden nicht berücksichtigt. Verschiedene Krebsarten, die verschiedene Ursachen haben können, wurden nicht unterschieden. Die beiden häufigsten mit über 1000 Fällen jeweils waren Lunge und Magen - da hätte man nach Rauchen und Essen schon schauen müssen! Dann Prostata und an vierter stelle Brustkrebs - Risikofaktoren außer Alter in erster Linie erblich + Östrogene (Pille) und Alkohol. Die Exposition wurde nicht in Bezug zu den einzelnen Fällen gemessen. In der hügeligen Landschaft hatte die wahrscheinlich wenig mit Entfernung zu tun. Aus allen diesen Gründen ist die Qualität der Arbeit schlecht.

Wenn der Anteil alter Personen um BS höher war, wäre es tatsächlich ein weiterer Konfounder, der möglicherweise nicht berücksichtigt wurde, aus den Daten ist es aber nicht ersichtlich. Die Schlüsse die Kuddel aus Tab 5 zieht sind aber möglicherweise falsch. Es war ja nicht eine BS, sondern 856. Die Kreise mit 100 m Durchmesser haben wahrscheinlich wenig überlappt, die größeren dann immer mehr, dadurch reduziert sich die Gesamtfläche und niemand weiß wie stark. Bestimmt wurde der Bezug ganz anders (S. 5, Kap. 2.2.3), es wurde immer ein Todesfall dem Umkreis einer nahe gelegenen BS zugeordnet. Dabei wurde immer die mit der ältesten Lizenz genommen, das musste nicht zwingend die nächste gewesen sein. Überlappende Exposition durch mehrere BS wurde nicht berücksichtigt. Daraus ergibt sich, das es nicht möglich ist, aus den Daten einen Bezug zwischen Fläche und Bevölkerungsdichte zu berechnen.

Aus Abb. 6 ergibt sich, das es 6724 Tote gab, die näher als 500 m an einer BS wohnten, aber nur 320 (7044 - 6724) bei denen die BS 500-1000 m entfernt war, und nur 147, die weiter als 1000 m von einer BS wohnten. Das ist als Kontrolle für jegliche Statistik zu wenig. Es liegt nicht an der Populationsdichte, sondern an der Dichte der BS. Es gibt kaum Flächen und Wohnungen die weiter als 500 m von einer BS liegen, es fehlt also eine unbelastete Vergleichsgruppe. Wohl deswegen wurde auch kein Vergleich zwischen der Mortalität innerhalb und außerhalb eines gewissen Kreises gemacht, sondern immer das innere eines Kreises mit der Gesamtbevölkerung verglichen, deren Bestandteil aber der innere Kreis bereits ist. Die sog. exponierte Population ist also Bestandteil beider Vergleichsgruppen. Das ist höchstwahrscheinlich unzulässig, ich bin aber kein Epidemiologe oder Statistiker, also weiß ich es nicht sicher.

Bei so einem Vergleich steigt mit steigender Entfernung relativ gleichmäßig der Anteil des inneren Kreises an der Gesamtpopulation, die Überlappung der beiden Gruppen wird immer größer, bei den größeren Entfernungen werden alle mit fast allen verglichen. Deswegen ist der Anstieg so schön linear! Vergleicht man jeweils den Innen- und Außenbereich (nicht überlappend) fallen die o.g. niedrigen Zahlen der Bewohner die weit von BS wohnen auf und es wird klar dass eine belastbare Statistik nicht möglich ist. Der Versuch einer statistischen Auswertung wurde auch gar nicht unternommmen, nur Relativ-Werte berechnet. Sogar in der Naila-Studie wurde ein statistischer Vergleich mit Konfidenzintervall angegeben. Hier ahnt man ja nicht, ob 1,35 aus Tab. 5 signifikant unterschiedlich von 1 ist.

Unten die jeweiligen Mortalitätsraten, sortiert (nicht überlappend) nach Entfernung. Die Mortalität (und damit wohl auch das Risiko) steigt weiterhin in der Nähe der BS, der Zusammenhang mit der Enfernung ist aber nicht mehr so linear und die Fallzahlen ab 600 m winzig.

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Weiter habe ich noch versucht den Schnitt jeweils in eine andere Entfernung zu legen, zwischen 100 und 1000 m von der BS, und das rel. Risiko zwischen innen und außen berechnet, jeweils für zwei nicht überlappende Bereiche. Es ist immer so um 1,7 - 2,5 und steigt leicht mit der Entfernung (was der Hypothese eigentlich widerspricht), aber bereits ab so 400m sind die Fallzahlen im Außenbereich so gering dass das Ganze kaum noch Sinn macht.

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Eine Aussage zu BS und Krebs kann man aufgrund dieser Arbeit nicht machen, und es ist sinnlose Zeitverschwendung sich damit weiter inhaltlich zu beschäftigen.


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