Ärzte und Mobilfunk: ein Orthopäde weiß Bescheid (Forschung)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 04.06.2015, 13:38 (vor 1623 Tagen) @ H. Lamarr

... zeigt sich bei dem Orthopäden eine unangemessene Selbstgewissheit.

Der Orthopäde griff für seine Stellungnahme bezüglich der Wirkung modulierter Hochfrequenz auf Wikipedia zurück, dort war auf der inzwischen vielfach aktualisierten Seite "Elektrosmog" über die SSK-Ausführungen in Band 24 nachzulesen:

Über spezielle Effekte die nicht auf der Erwärmung beruhen wird in der Literatur seit ungefähr 15 Jahren berichtet. Wenn eine Hochfrequenzstrahlung mit einer anderen Frequenz amplitudenmoduliert ist können Feldwirkungen auftreten welche bei unmodulierter Strahlung nicht existieren. Es handelt sich meistens um Veränderungen der Permeabilität von Zellmembranen. Beispielsweise wurde festgestellt daß bei einer HF-Strahlung mit einer Frequenz von 147 MHz die mit Frequenzen zwischen 6 und 20 Hertz moduliert war der Kalziumausstrom aus Zellkulturen bei bestimmten Frequenzen signifikant (um 10 bis 20%) erhöht war. Insgesamt wurde eine komplexe Abhängigkeit dieser Effekte von Intensität und Frequenz beobachtet wobei spezielle Frequenzbereiche besonders wirksam sind. Die Membraneffekte wurden vielfach bestätigt so daß ihre Existenz heute als gesichert gilt. Hervorzuheben ist daß die SAR-Werte hierbei teilweise kleiner als 0 01 W/kg sind und damit erheblich unterhalb thermisch relevanter Intensitäten liegen. (Quelle)

Heute zeigt Wikipedia diese Textpassage nicht mehr an. Aus gutem Grund.

Der Orthopäde berief sich in der TV-Sendung vom 14. Februar 2007 auf den Kenntnisstand der SSK von 1992 - weil ihm dieser gut ins Konzept passte.

Dabei war die SSK zwischenzeitlich schon viel weiter, wie die Wissenschaftlerin Dr. Giulia Ratto (Pseundonym) 2010 fürs IZgMF dokumentierte:

Infolge der unterschiedlichen Wirkmechanismen dürften HF und NF nicht dieselbe Wirkung haben. Da aber in den 70er und 80er Jahren die Ergebnisse aus zwei unabhängigen Arbeitsgruppen kamen, hielt die SSK sie 1992 für gesichert und es wurde weiter geforscht, um die Mechanismen herauszufinden. Vermutet wurden direkte Einflüsse auf Membranproteine, die u.a. für den Ionentransport durch die Zellmembran verantwortlich sind. Einige dieser Proteine sind extrem temperaturempfindlich, eine Trennung thermischer und nicht-thermischer Effekte wird dadurch besonders schwierig. In späteren Arbeiten wurden die o.g. Ergebnisse nicht bestätigt, wobei häufig unterschiedliche Methoden und biologische Systeme benutzt wurden. Aus diesem Grund sah die Strahlenschutzkommission 2001 einen EMF-Einfluss auf den Kalziumhaushalt weder bestätigt noch widerlegt.

Damit steht fest: Der Orthopäde argumentierte 2007 mit veraltetem Kenntnisstand, den er auf Wikipedia gefunden hatte.

Ich halte es für unseriös, sich mit selektiv zusammengegoolten Kenntnissplittern aus einem fremden Fachgebiet zum Fachmann zu erklären und vor die Kamera zu treten. Anscheinend ist dem Orthopäden nicht bewusst gewesen, welchen Schaden er mit seinem unqualifizierten Auftritt bei labilen Menschen anrichten kann, die für irgendwelche Befindlichkeitsstörungen händeringend auf der Suche nach einem Verursacher sind. Derart künstlich erzeugte "Elektrosensible" entziehen sich wegen der in der Szene intensiv betriebenen Stigmatisierung jeglicher psychotherapeutischen Behandlung weitgehend einer ärztlich angemessenen Hilfe. Gut zu erkennen ist dies z.B. daran, dass die überzeugte Elektrosensible Suzanne S. sich ihre "Elektrosensibilität" wahllos ausgerechnet von einem Orthopäden bescheinigen lässt.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Alter Wein, Kalzium, Zitat. Stigmatisierung


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