Wie Prof. Adlkofer Menschen mit Mäusen verwechselte (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 08.03.2015, 17:25 (vor 2391 Tagen) @ Alexander Lerchl

„Die vom Fraunhofer-Institut 2010 entdeckten Effekte auf Tumore der Leber und der Lunge wurden vollauf bestätigt“, sagt Lerchl, der die Untersuchung gemeinsam mit Kollegen der Jacobs University und der Universität Wuppertal durchgeführt hat.

An der Tillmann-Studie des Jahres 2010 hat sich ein sehr bekannter Mobilfunkgegner noch im selben Jahr, wie jetzt erst bekannt wurde, einen Zahn ausgebissen. Und das kam so ...

Vorgeschichte

Rücksprung ins Jahr 2010.

Im Dezember veröffentlicht Prof. Franz Adlkofer ein PDF mit Kritik an Prof. Alexander Lerchls Beiträgen zum Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramm (DMF). Der Dateiname des PDFs (bmu_gutachten-zu-lerchl.pdf) suggerierte einen Zusammenhang mit dem Bundesministerium für Umwelt, was jedoch nicht der Fall ist. Ursprünglich stand das PDF bei Adlkofers Stiftung Pandora unter dem irreführenden Dateinamen zum Download. Doch die alten Links dorthin sind tot, jetzt findet sich das Dokument unter neuem Namen: http://www.pandora-stiftung.eu/downloads/adlkofer_gutachten_ark_j-maeuse_101204.pdf

In seiner Kritik kommt Franz Adlkofer auch auf die Tillmann-Studie des Jahres 2010 zu sprechen:

Bei pränatal mit dem Kanzerogen N-Äthylnitrosoharnstoff (ENU) behandelten Mäusen verursachte die UMTS-Strahlung bei einer Leistungsflussdichte von 4,8 W/m², also der Hälfte des geltenden Grenzwertes für Basisstationen, eine signifikant über die Wirkung von N-Äthylnitrosoharnstoff allein hinausgehende Zunahme der Tumorrate in Leber und Lunge (Tillman et al. (2010) Indication of cocarcinogenic potential of chronic UMTS-modulated radiofrequency exposure in an ethylnitrosourea mouse model. Int J Radiat Biol 86(7):529-41). Dass dieses Ergebnis, welches einer korrekt geplanten und ebenso korrekt durchgeführten Studie entstammt, den Vorstellungen von Prof. Lerchl widerspricht, ist offensichtlich.

Die wichtige Stelle in dem Zitat habe ich rot markiert.

Und jetzt springen wir ins Gigaherz-Forum von heute. Dort hat Frau Weber Lerchls Replikation der Tillmann-Studie so vorgestellt:

Forscher der Jacobs University identifizieren Effekte unterhalb bestehender Grenzwerte." Unterstreichung durch mich.

Worauf Teilnehmer "Phoenix" heute antwortete:

Ich frage mich, wieweit "bestehende Grenzwerte" für Menschen auf Mäuse anwendbar sind.

Hauptgeschichte

Als ich an dem IZgMF-Beitrag über Prof. Lerchls Replikation der Tillmann-Studie gesessen bin und einen Entwurf zur fachlichen Prüfung nach Bremen schickte, kam es zu Irritationen. Denn ich hatte im Vorspann mit Bezug auf die Tillmann-Studie geschrieben "... die auf eine Lungenkrebs fördernde Wirkung von UMTS-Feldern bei nur 50 Prozent Grenzwertausschöpfung hinweist." Eigentlich ganz klar, dachte ich, der Grenzwert für UMTS lautet auf 10 W/m², da sind 4,8 W/m² eben rund 50 Prozent des Grenzwerts. Ich sah mich darin durch Prof. Adlkofer voll bestätigt.

Doch Lerchl beanstandete:

Das haben Tillmann et al. nicht untersucht, der Wert war 4,8 W/m², das entspricht ca. 0,4 W/kg (und nicht 0,04 W/kg).

Aus der daraus resultierenden Diskussion entstand letztlich die lange Passage im Interview (Textpassage neben dem Foto, das Lerchl im Tierhaus seiner Uni zeigt), mit der der Biologe die Zusammenhänge zwischen Leistungsflussdichte und SAR verdeutlicht.

Mir fiel es wie Schuppen aus den Haaren: Wenn ein Mensch durch ein UMTS-Funkfeld mit 4,8 W/m² Leistungsflussdichte läuft, dann absorbiert der Mensch etwa 0,04 W/kg (50 Prozent des zulässigen Ganzkörper-Grenzwerts 0,08 W/kg). Eine Maus, die neben dem Menschen durchs selbe Feld läuft, absorbiert dagegen nicht etwa ebenfalls 0,04 W/kg, sondern, weil sie kleiner und deshalb den UMTS-Wellenlängen viel näher ist, 10-mal mehr Leistung, nämlich 0,4 W/kg. Wenn man das erst einmal kapiert hat, ist es so einfach, dass man sich wundert, wie man das überhaupt falsch sehen kann.

Damit wurde mir auch endlich klar, warum eine ordentliche Dosimetrie statt der mühelos zu messenden Leistungsflussdiche die unheimliche, weil nur mühsam mit kompliziereten Algorithmen zu berechnende SAR verlangt. Der SAR-Wert gewährleistet eine unmissverständliche Angabe der Funkfeldbelastung, der ein Organismus ausgesetzt ist. Man muss nicht grübeln, ob die Größe des Organismus eine Rolle spielt, ob der Wert für einen Menschen oder eine Maus gilt oder welche Auswirkung eine andere Wellenlänge haben könnte, im genannten SAR-Wert ist dies alles enthalten, dieser Wert stimmt immer (vorausgesetzt, das der Berechnung zugrunde liegende Rechenmodell arbeitet korrekt). Die konkurrierende Leistungsflussdichte lässt dagegen Spielraum zur Fehlinterpretation, wie oben am Beispiel Mensch/Maus beschrieben.

Nachgeschichte

Dass mit Prof. Adlkofer auch ein bekannter Wissenschaftler der Fehlinterpretation aufgesessen ist, 4,8 W/m² wären 50 Prozent des Grenzwerts von Basisstationen, was für Menschen stimmt, nicht aber für Mäuse, belegt nachdrücklich, wie leicht sich in der Mobilfunkdebatte Desinformation selbst unter vermeintlich akademischem Prüfsiegel in Umlauf bringen lässt. Ob Prof. Adlkofer sich absichtlich vertan hat, um der Tillmann-Studie zu mehr Dramatik zu verhelfen, oder ob er es nicht besser wusste, diese Frage kann nur er beantworten. Dass Adlkofer der Fauxpas ausgerechnet in einer Kritik an Lerchls Arbeiten passierte und der Professor aus Bremen ihn in dieser Grenzwertfrage fachlich glatt abgehängen konnte, sehe ich indes als geradezu schicksalhafte Fügung.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Leistungsflussdichte, Grenzwert, Adlkofer, Stiftung-Pandora, Tillmann, Signifikant, UMTS, Absorption, Fraunhofer-Institut


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