Das Ortswechsel-Axiom überzeugter Elektrosmog-Betroffener (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 09.04.2012, 23:59 (vor 2805 Tagen) @ kureck

Da spatenpauli gerade dieses Dokument: Fürther Ärztetagung: Mobilfunk und Gesundheit verlinkt hat: Ab Seite 40 finden sich die Diagramme und der Bericht von Dr. Jandrisovits.

Aus meiner Sicht überschätzt Herr Jandrisovits seine Kompetenzen in einer Art und Weise, wie es bei vielen Laien in der Mobilfunkdebatte zu beobachten ist. Woran das liegt weiß ich nicht, aber nach ein paar Tagen, Wochen, Monaten im EMF-Zirkus wähnen sich nicht wenige als Experten, die das alles glasklar sehen und voll durchschauen. Wenn ich mir meine frühen Beiträge als Sendemastengegner ansehe, dann war auch ich einer dieser selbsternannten Experten - die nicht realisieren, dass sie trotz Eigenleistung im wesentlichen doch nur das nachplappern, was sie irgendwo im www aufgeschnappt haben.

Was Dr. Jandrisovits 2005 über die Naila-Studie schrieb, da kann einem heute schwarz vor Augen werden (in der Rückschau ist das allerdings auch keine Kunst). Und wie bei Mobilfunkgegnern üblich, mischt er munter Fakten mit Behauptungen zu einem undurchsichtigen Gebräu.

Beispiel: Auf Seite 40 beschreibt er das hinlänglich bekannte Axiom aller Elektrosmog-Betroffenen "Der Großteil der Beschwerden bessert sich bei Ortswechsel". Das haut rein, meint der Doktor vermutlich, versteht ja jeder Depp.

Doch da er keinerlei Beleg liefert, ist dies erst einmal nur eines: eine Behauptung.

Fangen wir also an zu bohren.

- Woher weiß der Doktor das?
- Haben ihm die Patienten dies aus freien Stücken unaufgefordert berichtet? Wohl kaum!
- Hat er seine Patienten danach gefragt?
- Wie hat er seine Patienten danach befragt, soziologisch korrekt oder suggestiv?
- Hat der Doktor überhaupt das Wissen, soziologisch korrekte Fragen zu stellen?

So könnten wir wahrscheinlich noch ein paar Runden drehen ...

Die scheinbar so maßlos überzeugende "Ortswechsel-Erklärung" für die wundersame Heilung angeblich Elektrosmog-Betroffener hat in unseren Tagen jedoch ohnehin einen bösen Haken, der den weiteren Gebrauch des vermeintlich überzeugenden Arguments infrage stellt.

Welchen Haken?

Nun, im Zuge der Netzverdichtung vorhandener Netze und der Errichtung neuer Netze ist das mit dem "Ortswechsel" längst kein Argument mehr, das unbesehen sticht. Da wechselt man in Städten eigentlich nur von einem Mast zum andern.

Und auf dem Land?

Auch "Landeier" schätzen die Segnungen von Schnurlostelefon und W-LAN. Das Zeugs wird bei einem Ortswechsel natürlich mitgenommen und hat in aller Regel eine Immission, die bei der von Baubiologen so geschätzten Spitzenwertmessung Mobilfunk-Sendemasten weit in den Schatten stellt.

Dieses Axiom vom heilenden Ortswechsel, es wird liebevoll und fleißig verbreitet, inzwischen ist es auch beim letzten überzeugten Elektrosensiblen angekommen, mit der Kraft der Bildzeitungslogik wird es dann vorgetragen - bei näherer Betrachtung jedes einzelnen Falls zeigen sich dann aber schnell Risse und Rost in dieser Argumentation.

Nehmen wir unsere Frau W., die z.B. in ihrem Haus furchtbar leidet (behauptet sie), 200 Meter weiter weg vom Mast auf freiem Feld sich aber wohlfühlt. Ich behaupte nach der heutigen Messung: Im Haus von Frau W. (zumindest im EG) herrschen ungefähr dieselben Immissionswerte wie auf dem Feld. Woran immer Frau W. im Haus leidet, die Funkimmission ist es nach objektiven Kriterien nicht - auch wenn sie es noch so gerne hätte.

Spätestens wenn ein "Geheilter" eingestehen muss, er habe missachtet, dass für objektive Beurteilungen eine Verblindung unverzichtbar ist, gehen die Schotten zu. Damit fallen dann z.B. all die rührseligen Geschichten der Seit-ich-mein-DECT-entsorgt-habe-geht's-mir-besser-Klasse als belanglos weil subjektiv weg. Wollten diese Stories doch noch wissenschaftliches Gewicht erhalten, müssten sie in irritierend hoher Anzahl aufgetischt werden, bei rund 100 Prozent Sättigung mit DECT also sagen wir mal für Deutschland 3 Mio. mal (1/10 der Haushalte). Tatsächlich soll es jedoch höchstens 2000 bis 3000 von derartigen Kasuistiken geben. Und selbst diese Zahl - Sie ahnen es vielleicht schon - sie ist nicht belegt, sie ist von Dr. Waldmann-Selsam lediglich behauptet.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Mediziner, Ortswechsel, Rückschau


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