Berenis: Die Studie wirft einige Disskussionspunkte auf (Forschung)

H. Lamarr @, München, Samstag, 05.11.2016, 16:50 (vor 1049 Tagen) @ H. Lamarr

Im Mai und Juni 2016 wurden erste Teilergebnisse der bisher grössten Studie zur Frage, ob Mobilfunkstrahlung das Krebsrisiko bei Ratten und Mäusen erhöht, veröffentlicht. Die Studie wurde vom US-amerikanischen National Toxicology Program (NTP) im Auftrag der US Food and Drug Administration (FDA) durchgeführt. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse beziehen sich ausschliesslich auf die Untersuchungen von Gliomen im Hirn und Schwannomen im Herz bei Ratten. Letzteres ist relevant, weil Hörnervtumoren (Akustikusneurinome) ebenfalls Schwannome sind und in epidemiologischen Studien mit der Mobiltelefonnutzung in Verbindung gebracht wurden. Die Veröffentlichung der vollständigen Ergebnisse der Studie ist für Ende 2017 angekündigt. Es handelt sich hier um einen sogenannten ‚Bioassay‘, d.h. eine Lebenszeitstudie, die nach strengen Vorgaben (inklusive Pathologie und Analytik) der NTP-Vorgaben durchgeführt wurde. Die Ratten wurden GSM- und CDMA-Signalen (900 MHz, SAR-Werte 0, 1.5, 3 und 6 W/kg) ausgesetzt. Die Exposition erfolgte in einem 10-Minuten-Rhythmus (10 Minuten an, 10 Minuten aus) an 18 Stunden pro Tag und sieben Tagen pro Woche. Die kumulierte Exposition während 24 Stunden betrug somit neun Stunden. Die Tiere konnten sich frei bewegen und somit war der ganze Körper exponiert. Dies steht im Gegensatz zu diversen Studien, die eine sogenannte Karussellexposition verwendeten, wo die Tiere in engen Röhren für wenige Stunden pro Tag exponiert oder scheinexponiert wurden und meistens nur bestimmte Organe bestrahlt wurden (z.B. das Gehirn). Die Tiere wurden lebenslang exponiert bzw. scheinexponiert, wobei die Bestrahlung bereits im Mutterleib ab dem 5. Tag nach der Befruchtung begann. Am 21. Tag wurden die Jungtiere getrennt nach Geschlecht in Gruppen von maximal 3 Tieren gehalten. Ab dem 35. Tag wurden die Ratten einzeln gehalten. Die Feldstärken wurden dem Wachstum der Tiere angepasst, da diese abhängig von ihrer Grösse die Strahlung unterschiedlich absorbieren. Für jede Expositionsbedingung (0, 1.5, 3 und 6 W/kg) gab es dabei je 90 männliche und weibliche Tiere.

Bei den exponierten männlichen Ratten wurde im Vergleich zur männlichen Kontrollgruppe ein erhöhtes Auftreten von bösartigen Gliomen im Gehirn festgestellt. Die Fallzahlen waren allerdings gering (0-3 Fälle pro Expositionsgruppe). Bei den weiblichen Tieren wurde dieser Effekt nicht beobachtet. Auch bei Schwannomen des Herzens wurden erhöhte Fallzahlen bei den exponierten männlichen Tieren gefunden, die jedoch nur bei der höchsten Expositionsgruppe statistisch signifikant waren. Signifikant war jedoch der Trend, dass mit zunehmender Strahlendosis eine höhere Anzahl Schwannome auftrat. Bei weiblichen Ratten gab es keine Unterschiede in der Anzahl erkrankter Tiere von Schwannomen zwischen exponierten Tieren und scheinexponierten Kontrollen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das erhöhte Auftreten von Gliomen und Schwannomen des Herzens bei männlichen Ratten wahrscheinlich durch die Exposition zustande gekommen ist, wobei die Assoziation zwischen der Exposition und dem Auftreten der Schwannome robuster sei als bei Gliomen.

Die Studie wirft aus der Sicht der BERENIS einige Diskussionspunkte auf. Die Anzahl erkrankter Tiere war gering und EMF-Effekte traten vorwiegend bei männlichen Ratten auf. Daher könnte man vermuten, dass die Ergebnisse zufällig zustande gekommen sind. Geschlechtsunterschiede bei toxikologischen Tierstudien sind häufig1 und stellen per se die Ergebnisse nicht in Frage. Hier ist ein Vergleich mit historischen Kontrollen wichtig, um die Ergebnisse zu beurteilen, auch wenn eine Kontrolle mit scheinexponierten Tieren essentiell ist. Historische Kontrollen zeigen eine (Gliom-) Tumorrate von 0-8%. Weiter zeigt sich, dass die Wahrscheinlichkeit für die Bildung von bösartigen Gliomen bei männlichen Tieren 10-fach höher ist als bei weiblichen Tieren. Der Unterschied zwischen dem Auftreten von bösartigen Schwannomen im Herzen bei männlichen und weiblichen Ratten war ebenfalls sichtbar, wenn auch nicht so prominent wie bei den Gliomen. Möglicherweise ist die spontane Krebsinzidenz bei weiblichen Ratten so klein, dass selbst in dieser grossen Studie die statistische Aussagekraft nicht genügend ist.

Ein unerwarteter Befund der Studie war die längere Überlebenszeit der exponierten Tiere. Es stellt sich somit die Frage, ob die Tiere in der Kontrollgruppe eine geringere Chance hatten, Tumoren zu entwickeln, da sie weniger alt geworden sind. Allerdings wäre dann zu erwarten, dass man bei den Kontrolltieren schon vermehrt Hyperplasien (Vorstufe eines Tumors) gesehen hätte. Es wurden aber gar keine gesehen. Es ist biologisch auffällig, dass gerade Glia-Zellen (Schwann-Zellen sind Glia-Zellen des peripheren Nervensystems) Effekte zeigten, welche bereits in epidemiologischen Studien zum Mobiltelefongebrauch Hinweise auf erhöhte Tumorrisiken geliefert haben. Die jetzt publizierten Berichte haben noch keine wissenschaftliche Begutachtung (peer-review) in einem renommierten Fachjournal hinter sich, wurden aber von eingeladenen Experten wissenschaftlich evaluiert. Deren Kommentare wurden im Anhang zu den Berichten veröffentlicht. Die Studie wurde auch an der BioEM-Tagung im Juni 2016 in Gent präsentiert. Die Präsentation ist öffentlich zugänglich2 und enthält noch zusätzliche Informationen über thermische Effekte, Überlebenszeiten und DNS-Schäden.
Die BERENIS zieht zusammenfassend folgendes Fazit: Die vorliegenden Tierexperimente zu Mobilfunkstrahlung und Krebs sind die umfassendsten, die je durchgeführt wurden, und die wissenschaftliche sowie labortechnische Qualität der Studie ist überdurchschnittlich gut. Die Experimente sind deshalb von grossem wissenschaftlichem Belang und gesundheitspolitisch von Gewicht. Das Resultat, dass in Tierversuchen Mobilfunkstrahlung das Tumorrisiko erhöht, wurde in den meisten bisherigen Lebenszeitstudien mit Tieren nicht beobachtet. Die übrigen Resultate (Studie mit Mäusen sowie die Ergebnisse zu möglichen DNS-Schäden) sind abzuwarten, um eine genauere Abschätzung der Bedeutung für die Gesundheit des Menschen vorzunehmen. Zu beachten ist, dass die angewendete EMF-Exposition nicht direkt mit in der Umwelt vorkommenden Expositionen vergleichbar ist. Die angewendete Ganzkörperexposition bis zu 6 W/kg führt zu einer Erhöhung der Kerntemperatur der Tiere von bis zu 1°C. In der Schweiz ist die Ganzkörperexposition auf 0.08 W/kg begrenzt, was zu keiner nennenswerten Temperaturerhöhung führt. Bei der Benützung von Mobiltelefonen treten lokal beim Ohr oder an der Hand SAR-Werte bis 2 W/kg auf.

Quelle: Newsletter BERENIS Nr. 7 - September 2016

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Akustikusneurinome, Gliom, Tierexperiment, Ratten, BERENIS, NTP-Studie, Schwannom


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