2003 - Lilienfeld-Studie: Kalter Krieg mit Mikrowellen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 02.10.2016, 23:11 (vor 1055 Tagen) @ H. Lamarr

Von 1953 bis 1976 wurde die US-Botschaft in Moskau aus 100 Meter Distanz gezielt mit Mikrowellen befeldet (2,5 bis 4,0 GHz). Welchem Zweck diese an frühe James-Bond-Filme erinnernde Aktion hatte ist bis heute ungeklärt. Noch 1976 wurde der US-Wissenschaftler Abraham Lilienfeld beauftragt, heraus zu finden, ob diese Befeldung dem Personal der Botschaft gesundheitliche Schäden zugefügt hat. Im Jahr 1978 legte der Epidemiologe seinem Auftraggeber das vor, was gut 20 Jahre später Scharen von Mobilfunkgegnern (irrtümlich) in Entzücken geraten ließ: die sagenumwobene Lilienfeld-Studie, die angeblich schwere Gesundheitsschäden beim Botschaftspersonal festgestellt hatte. Es sollte Jahre dauern, bis der Irrtum, der auch böswillige Absicht sein kann, aufgedeckt wurde.

Im deutschsprachigen Raum war die Lilienfeld-Studie bis 2002 praktisch unbekannt, denn eine jedermann zugängliche EMF-Studiensammlung wie das EMF-Portal gab es damals noch nicht. Doch als der Mediziner Dr. med. Hans-C. Scheiner auf Lilienfeld aufmerksam wurde und die angeblichen Befunde unter anderem in einem Gutachten verbreitete, war Lilienfeld in Anti-Mobilfunk-Kreisen schnell Tagesgespräch. Jahre später stellte sich heraus: Scheiner war gar nicht im Besitz der Originalstudie. Weil diese Arbeit nie in einem wissenschaftlichen Journal publiziert wurde, war sie auf üblichen Wegen nicht zu bekommen. Und auf die Idee, bei der Johns Hopkins University, Baltimore, anzufragen, sie war Arbeitgeber des 1984 verstorbenen Lilienfeld, ist Medizinmann Scheiner nicht gekommen. Er wählte den bequemeren Weg und vertraute voll und ganz auf den Neuseeländer Dr. Neil Cherry. Cherry hatte damals Kultstatus bei Mobilfunkgegnern, denn er war einer der ersten Erz-Kritiker der 1992 gegründeten und allen Mobilfunkgegnern verhassten ICNIRP (empfiehlt u.a. Grenzwerte für elektromagnetische Felder, EMF). Als Wissenschaftler war der Neuseeländer auf dem EMF-Feld zwar unbedeutend, seine alarmierenden privaten Meinungsäußerungen aber wurden von der Anti-Mobilfunk-Szene geradezu verschlungen und besonders gerne von ihren unqualifizierten Vertretern kolportiert.

Neil Cherry nahm es mit der Wahrheit und der Nachvollziehbarkeit seiner Behauptungen freilich nicht immer so genau. Im Jahr 1999 schnappte er sich die Arbeit von Lilienfeld und interpretierte dessen Daten ins Gegenteil um. Hieß es bei Lilienfeld noch, die Botschaftsangehörigen hätten die Befeldung durch die Sowjets heil überstanden, meldete Cherry: Krebs, Tod & Verderben (ab Seite 42)! Für Mobilfunkgegner war diese Neuinterpretation ein gefundenes Fressen. Und weil die alarmierende Cherry-Interpretation hierzulande anfangs als Extrakt der Lilienfeld-Studie verkauft wurde, sahen die Leute den Mann mit dem deutsch klingenden Namen als einen der ihren. Niemand aus der Szene prüfte die Behauptungen des Neuseeländers auf ihren Wahrheitsgehalt, vielleicht deshalb, weil es dazu einer gewissen Fachkompetenz bedurfte. So blieb diese Prüfung dem Szene-Beobachter M. Hahn vorbehalten. Der Physiker aus Frankfurt/Oder beschaffte sich 2006 die Original-Lilienfeld-Studie (in Zürch), verglich die Daten mit den Behauptungen und konnte dem 2003 verstorbenen Cherry etliche Ungereimtheiten und Fehler nachweisen. Cherrys Stern stürzte nach dieser substanziellen Kritik jäh ab.

Danach tat sich jahrelang nichts, die Lilienfeld-Studie schien in Vergessenheit geraten zu sein. Doch 2012 rollte der Neuseeländer Mark Elwood, heute Prof. für Krebsepidemiologie an der Universität von Auckland, den Fall noch einmal auf. Er sichtete dazu die Original-Studie und diverse wissenschaftliche Arbeiten, die sich auf Interpretationen der Lilienfeld-Daten stützten. Allgemeine Medienberichte über die Lilienfeld-Studie wurden bei der Analyse nicht berücksichtigt ebenso wenig pseudowissenschaftliche Neuinterpretationen (Elwood: General media coverage and "grey" literature could not be comprehensively reviewed, and so is not included."). Und damit kam was kommen musste: Elwood erwähnt in seinem Paper seinen Landsmann Cherry nicht einmal am Rande.

Am Ende stellt Elwood fest: Die Ergebnisse von Lilienfeld sind richtig, anderslautende Befunde beruhen auf fehlerhaft interpretierten Daten.

Die unrühmliche Geschichte dieser möglicherweise mutwilligen Fehlinterpretationen wissenschaftlicher Daten ist damit endlich zu ende – sollte man meinen. Doch 2016 versuchte ein vermeintlicher "Aufklärungsfilm" gegen Mobilfunk noch einmal frech Kapital aus der Befeldung der US-Botschaft zu schlagen. Peinlich und inakzeptabel: Der BUND macht sich für diesen Film ungewöhnlich stark.

Hintergrund
Volltext der Elwood-Studie (2012)
Die Lilienfeld-Studie im IZgMF-Forum
James Schumaker: Ein ehemaliger Botschaftsmitarbeiter erzählt ...
Microwave Signal at the U.S. Embassy in Moscow, ein Rückblick von James C. Lin (2018)

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Fehlinterpretation, Lilienfeld-Studie, Cherry, Moskau, Botschaft


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