2004 - Naila-Studie erschüttert Frankenhalle (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 15.09.2013, 17:39 (vor 1954 Tagen) @ H. Lamarr

Am 21. Juli 2004 war ab 19:00 Uhr die Frankenhalle in Naila, Bayern, für ein paar Stunden der Nabel der Anti-Mobilfunk-Welt. Bereits Tage zuvor wurde in einschlägig interessierten Kreisen für die Veranstaltung geworben, als gelte es, dem Auftritt einer Pop-Gruppe Zuhörer zuzuführen, aufgefallen ist dieses befremdliche Trommeln seinerzeit jedoch niemandem. Und so erfuhren am Abend des 21. Juli schätzungsweise 5000 erschrockene Besucher in der Frankenhalle, dass Krebs im Umkreis von 400 Metern um einen Mobilfunk-Sendemasten nicht nur deutlich häufiger ist, als bei Leuten in größerem Abstand zu Sendemasten, nein, die Unglücklichen erkrankten auch noch um Jahre früher als gewöhnlich. Das saß! Dennoch dauerte es ein paar Tage, bis die Medien reagierten. Als am 23. Juli 2004 vermeintlich noch immer kein Zeitungsbericht erschienen war, wurden Mobilfunkgegner unruhig. Doch der große Rummel um die Naila-Studie sollte bald einsetzen (Beispiel).

Rein "zufällig" war in der Frankenhalle auch ein Fernsehteam der Bayerischen Rundfunks zugegen, so dass sich in dem folgenden 7-Minuten-Video authentische Eindrücke von damals aufnehmen lassen [die nervige Anmoderation kann man bis zur Minute 0:44 überspringen].

Wer genau hinsieht, wird bemerken, das Mikrofon, das der Hauptvortragende benutzte, und das auch an Zuhörer gereicht wurde, war ein Funkmikrofon.

So viel Mühe sich die Ärzte um Dr. Horst Eger im Vorfeld ihrer Präsentation gegeben hatten, so träge floss der Informationsfluss danach. Wer nicht dabei war und mehr wissen wollte - und wer wollte das nicht - sollte sich eine CD für 10 Euro kaufen, wovon angeblich 7 Euro in die Kasse der Bürgerwelle geflossen sind. Wochenlang hüllte sich die Ärztegruppe nach dem spektakulären Auftritt in Schweigen, Anfang August 2004 wurde dann wenigstens die Präsentation von Dr. Eger als PDF unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Die Forschungsgemeinschaft Funk (FGF) lud Dr. Eger ein, über seine Studie vor Experten zu sprechen, doch der Mediziner sagte ab. Dem Vernehmen nach soll er den Tipp bekommen haben, er könne vor Fachleuten mit seiner Studie nicht bestehen und werde "fertig gemacht". Dies war das ersten Anzeichen dafür, dass es mit der wissenschaftlichen Bedeutung der Studie nicht weit her war. Detail am Rande: Der an der Naila-Studie beteiligte Epdemiologe Dr. Frentzel-Beyme wurde im Dezember 2003 unsanft emeritiert. Dennoch benutzte er rund 1/2 Jahr später im Zusammenhang mit der Naila-Studie noch das Briefpapier seines Instituts und erweckte dadurch den falschen Eindruck, die Universität Bremen habe etwas mit der bayerischen Ärztestudie gemein. Die Anmaßung Frentzel-Beymes blieb nicht unbemerkt und brachte ihm einen Rüffel ein.

Nach und nach erst wurden die Mängel der Studie deutlich. So ist z.B. die Entfernung zu einem Mobilfunk-Sendemasten alles andere als ein zuverlässiger Indikator für die Immission, der ein Anwohner ausgesetzt ist. Die einfache Annahme, je näher dran desto schlimmer, ist aus vielerlei Gründen falsch. Doch die Ärzte hatten es versäumt, bei den Betroffenen Messungen der Immission zu machen, um ihre Behauptung von der 400-Meter-Gefahrenzone wenigstens stichprobenmäßig zu stützen. Aus München eilte deshalb der damalige ödp-Bundesvorsitzende Dr. Klaus Buchner nach Naila, um mit einem Amateur-Messgerät aus Langenzenner Produktion das Versäumnis nachzuholen. Irgendeinen erkennbaren Niederschlag zeigte diese Aktion indes nicht, vielleicht deshalb, weil die Messwerte die Behauptung der Ärzte nicht untermauerten.

Noch lange galt die Naila-Studie unter Mobilfunkgegnern im deutschsprachigen Raum als Pfund mit dem man wuchern konnte. Dabei hatte das Bundesamt für Strahlenschutz, das die Studie anfangs überraschend ernst genommen hatte, sie umgehend moderat kritisiert und festgestellt: "Zusammenfassend kann man festhalten, dass aus oben genannten Gründen die Aussagekraft der Studie sehr begrenzt ist. Wie die Ärztegruppe selbst angibt, handelt es sich bei der Studie, um eine kleinräumige Untersuchung, die ohne jede Fremdfinanzierung mit einfachen Methoden durchgeführt wurde und rein explorativen Charakter hat."

Konkreter äußert sich die Dokumentationsstelle Elmar: "Es ist unklar, wie stark die beiden Studiengruppen tatsächlich exponiert waren. Der Abstand von einer Mobilfunkbasisstation ist ein schlechter Indikator für das Ausmass der Strahlenbelastung, da die Exposition beispielsweise in unmittelbarer Nähe der Antenne sehr gering sein kann. Die Ergebnisse der im Artikel erwähnten Messungen werden nicht publiziert. Zudem werden keine Angaben zu den Kriterien gemacht, anhand derer die Vergleichbarkeit der Strassenzüge beurteilt wurde. Das Standardvorgehen zur Untersuchung eines (ursächlichen) Zusammenhangs zwischen EMF-Exposition und Krebsrisiko wäre eine gematchte Fall-Kontrollstudie."

Den Todesstoß aber versetzte erst die IARC der Naila-Studie: Die im April 2013 veröffentlichte Entscheidungsgrundlage für die 2B-Einstufung des Krebsrisikos von Funkfeldern (Auszug aus Monograph 102) macht deutlich, die IARC-Arbeitsgruppe kannte die Naila-Studie sehr wohl, verwarf sie jedoch mit der vernichtenden Begründung: "The Working Group considered this study uninformative due to the small and ill-defined study base and crude statistical methodology."

Es dauerte rund neun Jahre, bis das anfangs extrem hell strahlende Licht der Naila-Studie erloschen ist. Neun Jahre, in denen Mobilfunkgegner diese Studie dazu benutzten, in der Bevölkerung Krebsängste gegenüber Mobilfunk zu wecken oder zu schüren. Wer diese Panikmache nach dem Bekanntwerden der Mängel an der Studie weiter fortsetzte, die Grenze dürfte spätestens das Jahr 2007 sein, identifiziert sich mMn selber weithin sichtbar als unseriös und erkenntnisresistent.

Hintergrund
Naila-Studie beweist: Mobilfunk verursacht und schützt zugleich gegen Krebs
Downloads zur Naila-Studie bei hese

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Krebs, Gerücht, Eger, Naila, Amateur, Mediziner, Vergangenheit, Mängel, Fernsehteam


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