2008 - 121-faches Hirntumorrisiko um C-Netz-Sender (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 18.06.2013, 11:30 (vor 2259 Tagen) @ H. Lamarr

Es war eine Schockmeldung, als die Website "der Standard" am 1. Februar 2008 berichtete: Fallstudie bestätigt erhöhtes Krebsrisiko durch Mobilfunkstrahlung.

Der österreichische Mediziner und bekannte Mobilfunkgegner Dr. med. univ. Gerd Oberfeld (kurz und falsch: Dr. Oberfeld), Salzburg, hatte mit einer aufwändigen Untersuchung herausgefunden, dass sich um einen früheren C-Netz-Sender im österreichischen Hausmannstätten ein Krebscluster mit dramatischem Risikoanstieg gebildet hatte: Das allgemeine Krebsrisiko war 5- bis 8-fach höher als normal, das Brustkrebsrisiko 23-fach und das Hirntumorrisiko sogar 121-fach.

Ab 2. Februar 2008 wurde diese dramatische Entwicklung im IZgMF-Forum diskutiert. Am 25. Februar bewerte Dr. Martin Röösli, Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern, die Arbeit und bescheinigte ihr eine methodisch gut gemachte Expositionsabschätzung (PDF, 3 Seiten, deutsch). Zugleich gab Röösli zu bedenken: Die gefundenen Risiken sind sehr hoch. Dass Mobilfunkbasisstationen das Krebsrisiko in diesem Ausmass erhöhen, ist jedoch unplausibel. Wäre dies nämlich der Fall, müsste in den letzten Jahren, parallel zum Aufbau der Mobilfunknetze, eine drastische Zunahme der Krebserkrankungen beobachtet worden sein. Dies war nicht der Fall.

Noch am selben Tag, den 25. Februar 2008, leitete eine Meldung des Forum Mobilkommunikation das Ende der Oberfeld-Studie ein: Der Sender, der die erschreckende Krebszunahme bewirkt haben sollte, den habe es dort an dieser Stelle zu keiner Zeit gegeben!

Dr. Oberfeld wies diesen Einwand am 28. Februar 2008 guter Dinge zurück. Die Anti-Mobilfunk-Szene schöpften noch einmal Hoffnung, und verbreitete trotzig die Nachricht: Krebshäufung um das Wählamt Hausmannstätten erwiesen.

Der Streit, ob es den besagten Sender nun gegeben habe oder nicht, geriet schließlich vor Gericht, und dort zeichnete sich nach dem ersten Verhandlungstag am 23.06.2008 eine Niederlage von Dr. Oberfeld ab. Zur zweiten Verhandlung kam es dann nicht mehr, unmittelbar davor schlossen am 3.11.2008 die Streitparteien einen Vergleich, in dem Dr. Oberfeld die Nichtexistenz des umstrittenen Senders einräumt. Details aus dieser Schlussphase der Auseinandersetzung gibt es in diesem Diskussionsstrang.

Der Vergleich soll Dr. Oberfeld angeblich 16'000 Euro gekostet haben. Seine Fangemeinde unter den Mobilfunkgegnern rief zu Spenden auf, um dem Mediziner beizustehen.

Dr. Oberfeld war 2000 Haupt-Veranstalter der Salzburger Konferenz, aus der der berühmt-berüchtigte "Salzburger Vorsorgewert" (1 mW/m²) hervorging. Danach erlangte der Mediziner durch zahlreiche Vorträge, Untersuchungen und Gutachten in der Anti-Mobilfunk-Szene eine gewisse Berühmtheit. Seit November 2008 tritt er jedoch nur noch sehr selten öffentlich in Erscheinung. Es wird vermutet, dies hänge mit einer unveröffentlichten Passage im Vergleich mit Mobilkom Austria zusammen, die Oberfeld einen Maulkorb auferlegt.

Zum Schluss noch ein Rücksprung nach ganz oben zu der Titelzeile, mit der "der Standard" damals den Stein ins Rollen brachte: "Fallstudie bestätigt erhöhtes Krebsrisiko durch Mobilfunkstrahlung". Diese Titelzeile ist ein Musterbeispiel dafür, wie Medien durch unqualifizierte Berichterstattung unbegründete Ängste wecken können. Der Fehler ist der Pauschalismus "Mobilfunkstrahlung", der beide Emissionsquellen gleichermaßen abdeckt: Handys und Basisstationen. Damit ist eine Fehlinterpretation der Titelzeile programmiert, nämlich, dass Handys Krebs bewirken, obwohl es in der Arbeit von Oberfeld einzig und allein um eine Basisstation ging.

Hintergrund
Chronologie des FMK zu den Vorgängen um den C-Netz-Sender in Hausmannstätten (PDF, 25 Seiten, deutsch)

[Nachtrag vom 13.11.2016: Link zur Chronologie des FMK ist tot, Ersatzlink]

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Oberfeld, Landessanitätsdirektion, C-Netz, Salzburg, Hirntumor, IBN, Beirat, Röösli, Krebsrisiko, Hausmannstätten, Popanz, krebserregend, Vereinsarbeit


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