2004 - Ärzteappell Maintal (Intensität x Zeitdauer = Wirkung) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 13.12.2014, 13:32 (vor 1715 Tagen) @ H. Lamarr

Im September 2004 erschütterte der Maintaler Ärzte-Appell die Welt. "Mit großer Sorge um die Gesundheit unserer Mitbürger", heißt es in dem Papier (PDF, 2 Seiten, deutsch), das von 25 Ärzten getragen wurde, "beobachten wir die starke Zunahme der Zahl von Mobilfunkantennen auch in Maintal. Dieser Wildwuchs ist nur möglich durch eine falsche Perspektive von Sicherheit, die durch die gesetzlichen Grenzwerte vermittelt wird."

Und weiter schreiben die scheinbar ungewöhnlich kenntnisreichen Ärzte:

Für die Mobilfunkstrahlung gilt

Intensität x Zeitdauer = Wirkung

Da eine Zeitdauer über Jahre oder Jahrzehnte hinweg nicht abgewartet werden kann, wird in
der Risikodiskussion Mobilfunk bis jetzt der Faktor Zeit schlicht vernachlässigt. Infolgedessen kommt es nur dann zu einer bemerkbaren Wirkung, wenn dem Faktor Intensität ein ihm nicht zustehendes Übergewicht gegeben wird. Die Intensität muß also stark erhöht werden, damit in kurzer Zeit thermische Wirkungen (bei der Mobilfunkstrahlung Hitzeschäden) auftreten. Und nur diese wurden den gesetzlichen Grenzwerten nach der 26. BimSchV zugrunde gelegt.

Der Appell fand unter Mobilfunkgegnern auch deshalb Beachtung, weil sich als Initiator ein Prof. Dr. Guido Zimmer bekannte, Arzt und Biochemiker, Berater an der Universität Frankfurt, die sich, das spielt weiter unten noch eine Nebenrolle, seit 2008 bevorzugt Goethe-Universität nennt.

Für leichtgläubige Laien war der Appell überzeugend, denn ein echter Professor bestätigte ihnen in anderem Zusammenhang die Binsenweisheit, dass zu langer ungeschützter Aufenthalt unter sengender Sonne mit einem bösen Sonnenbrand bestraft wird. Schwergläubige Laien freilich stutzten, denn wäre die eingängige Formel aus dem Ärzte-Appell bedingungslos wahr, müsste man ein Hühnerei nur lange genug bei 20 °C lagern, um es zu garen. Das Riechorgan des Menschen widerlegt diese Überlegung mit Nachdruck.

Doch der Professor stützte seine Behauptung nicht auf Hühnereier, sondern auf eine wissenschaftliche Studie, über die er ebenfalls schon 2004 referierte (PDF, 5 Seiten, deutsch). Zimmer beeindruckte sein Laienpublikum mit wissenschaftlicher Terminologie und schloss:

Halten wir fest:
Die nicht-thermische Schädigung von organischem Gewebe durch Mikrowellen in niedriger
Dosierung über Nacht ist nachgewiesen. ( Kurzzeit-Versuch) (1). Die Befunde bedürfen allerdings noch weiterer Bestätigung.
Ist diese Bestätigung vorhanden, dann sind den bisher bekannten Auslösern der HSP Stress-
Reaktion wie Toxinen, freien Sauerstoff-Radikalen („oxidativer Stress“) die Mikrowellen
hinzuzurechnen.

Bei der zitierten Studie (1) handelt es sich um eine Arbeit von de Pomerai et al. D., Non-thermal heat-shock response to microwaves, die 2000 in der angesehenen Fachzeitschrift Nature publiziert wurde.

Ein Professor und eine wissenschaftliche Studie können sich beide nicht irren. Guido Zimmer wurde deshalb 2007 mit offenen Armen in die sogenannte "Kompetenzinitiative" aufgenommen, einen Anti-Mobilfunk-Verein, gegründet von dem Germanisten und Goethe-Kenner Karl Richter. Richter versammelt in seinem Verein bevorzugt emeritierte Akademiker um sich. Mit der Kompetenz hapert es dennoch, Richters Akademiker sind a) entweder als Ruheständler von der aktuellen Entwicklung abgekoppelt b) Außenseiter ihres Fachs oder c) schlicht nicht vom Fach.

Entgegen aller wissenschaftlicher Regel genügte Prof. Zimmer bereits die eine Studie von de Pomerai, um 2004 seinen Ärzte-Appell loszutreten. Am 23. März 2006 aber schlug das Schicksal erbarmungslos zu, Nature publizierte die Retraktion dieser Studie, d.h. die Autoren zogen ihre Arbeit mit Bedauern zurück. Sie hatten sich geirrrt, die angeblich nicht-thermischen Wirkungen, die Prof. Zimmer so beunruhigten, stellten sich als thermisch heraus. Im englischen Original-Wortlaut liest sich die Retraktion so:

Our claim that weak microwave fields induce a heat-shock response in Caenorhabditis elegans by a non-thermal mechanism is invalidated by new findings showing that there is a small heating effect under these conditions (A. Dawe et al. Bioelectromagnetics 27, 88–97; 2006). This temperature rise (about 0.2 °C) causes heat-shock induction comparable to that noted in our communication.

Im Klartext heißt das: Dem Maintaler Ärzteappell wurde mit einem Federstrich die Existenzgrundlage entzogen. Doch davon wollen die Leute nichts wissen, die diesen Appell noch immer auf Ihren Webseiten so feilbieten, als wenn nichts gewesen wäre. Es sind dies die bekannten Anti-Mobilfunk Hetzseiten von z.B. Omega, elektrosmognews und Diagnose-Funk. Keine dieser Seiten hat einen fachlich kompetenten Hintergrund, sie werden von Laien und kommerziell interessierte Teilnehmern der Elektrosmog-Debatte am Leben gehalten.

Der Initiator des Maintaler Ärzteappells schaffte es bis in den Vorstand der sogenannten "Kompetenzinitiative", machte jedoch nur noch einmal von sich reden, als er gegen den Betreiber der Website elektrosmoginfo.de klagte und die Anti-Mobilfunk-Szene die Schließung des Forums dieser Website unter sonderbaren Begleitumständen fälschlich mit der Klage in Verbindung brachte.

Prof. Zimmer verstarb am 18. September 2014. Erst Monate später am 9. Dezember 2014 erfuhr die sogenannte "Kompetenzinitiative" davon und brachte pflichtgemäß einen Nachruf auf ihren 2010 aus dem Amt geschiedenen Vorstand. Ungeschickterweise erwähnt der Verfasser des Nachrufs den seit acht Jahren hinfälligen Maintaler Ärzteappell gleich zu Beginn. Er leistet damit a) dem Ansehen des Verstorbenen einen Bärendienst, legt b) ein Zeugnis seiner fachlichen Inkompetenz ab und hat c) zu verantworten, dass dieses Posting überhaupt entstanden ist.

Hintergrund
Sogenannte Kompetenzinitiative aus Sicht eines Physikers
Sogenannte Kompetenzinitiative versucht BfS zu entwerten
Sogenannte Kompetenzinitiative im IZgMF-Forum

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Oxidativer-Stress, Inkompetenz, Peinlich, Ko-Ini, Retraktion, Nachruf, Vorstand, Antennenwildwuchs, Uebergewicht, Zimmer, Aerzteappell, Verstorben


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