Das Strahlungskartell: Desinformation, statt Fakten (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 01.10.2016, 23:44 (vor 842 Tagen) @ H. Lamarr

Wie dreist dieser Trailer doch gleich zu Beginn die Tatsachen verdreht: Es geht, wieder einmal, um die Bestrahlung der US-Botschaft in Moskau während des Kalten Krieges. Für Mobilfunkgegner ein Sahnetörtchen, allerdings eines mit versteckten Chili-Schoten, wie wir gleich sehen werden. Der Trailer behauptet frech: Ein Drittel des [Botschafts]personals wurde sehr krank, zwei Botschafter starben an Krebs.

Soso, zwei Botschafter starben also an Krebs! Ich behaupte: Dies trifft für so ziemlich jede beliebige Botschaft auf dieser unserer Welt zu, man muss nur lange genug warten, bis die Herrn Botschafter 70 oder 80 Jahre auf dem Buckel haben, dann werden sich schon zwei, drei oder mehr finden, die der Krebs unter die Erde brachte. Wie so häufig bei organisierten Mobilfunkgegnern: Die Information ist so schwammig, dass sich alles und nichts hinein interpretieren lässt. Der Fehler passiert im Kopf des Lesers und der infame Informant kann sich jederzeit herausreden, würde er zur Rede gestellt. Im konkreten Beispiel soll der Betrachter zu dem Trugschluss verführt werden, zwei US-Botschafter wären (womöglich noch in Moskau) an den Folgen der Bestrahlung verstorben.

Man bedenke: Der BUND in Gestalt von Prof. W. Kühling (wissenschaftlicher Beirat des BUND) dient dieses filmische Machwerk der Bevölkerung an, als handle es sich hierbei um eine seriöse Dokumentation. Und die üblichen Verdächtigen unter den Anti-Mobilfunk-Vereinen stimmen ohne Zögern in dieses Lied mit ein, die Dummen sind gutgläubige Menschen, die lieber konsumieren, statt selber zu denken.

Inspirieren ließen sich die Macher des Films für ihre Behauptung der beiden toten Botschafter von dieser Website, die aktiven und ehemaligen US-Diplomaten eine Kommunikationsplattform bietet. Belastungszeuge ist dort der frühere US-Diplomat James Schumaker, der zur fraglichen Zeit Dienst in Moskau schob.

Doch ist Schumaker ein belastbarer Augenzeuge? Als Diplomat ist der Mann sicher kein Experte in Gesundheitsfragen und von Mikrowellen wird er ebenfalls wenig Ahnung haben. Außerdem hatte er chronische lymphatische Leukämie und jeder darf 3-mal raten, worauf Schumaker diese zurückführt. Nein, aus meiner Sicht ist der anekdotische Bericht Schumakers interessant, das Rätsel aber, um die Vorgänge von damals, löst er nicht. Muss er auch nicht, denn dieses Rätsel wurde bereits 2-mal gelöst:

Fazit: Zwei Wissenschaftler kommen also getrennt zu dem gleichen Ergebnis, dass nämlich die Befeldung der Botschaft für das Personal gesundheitlich nicht nachteilig war. Den Filmemachern aber passt dieses Ergebnis nicht in den Kram, sie suchten schließlich Belastendes. Und so stellen sie ohne Quellenangabe die belastende Anekdote eines Ex-Diplomaten über die beiden entlastenden wissenschaftlichen Studien. Was soll man dazu nur sagen. Und was soll man dazu sagen, dass der BUND diesen Film auch noch protegiert?!

Ich meine, die hier beschriebene kleine Recherche nach Hintergründen hätte Herrn Kühling gut zu Gesicht gestanden. Jedenfalls besser als das kritiklose Werben für "Das Strahlungskartell", das bei mir Zweifel an seiner Fachkompetenz verstärkt und Fragen nach seinem Motiv aufwirft, billige Desinformation zu verbreiten statt seriöse wissenschaftliche Befunde.

Achso, beinahe hätte ich es versäumt: Die beiden an Krebs verstorbenen US-Botschafter in Moskau waren Charles "Chip" Bohlen (1953 bis 1957) und Llewellyn "Tommy" Thompson (1957 bis 1962 und 1967 bis 1969), sie wurden 70 und 68 Jahre alt. Dummerweise, so ist es bei Elwood nachzulesen, hatten beide ihr Büro auf der unbestrahlten Seite der Moskauer US-Botschaft :-).

Hintergrund
Volltext (englisch) der Studie von J. Mark Elwood
Alles über die Lilienfeld-Studie im IZgMF-Forum

[Admin: editiert am 2.10.16]

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
BUND, Desinformation, Seilschaft, Manipulation, Lilienfeld-Studie, Strahlungskartell, Fehler im Kopf, Kühling, Elektrosmog-Quelle, Diplomaten


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