"Thank you for Calling": Spatenpaulis Filmkritik (II) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 29.02.2016, 22:22 (vor 1353 Tagen) @ H. Lamarr

Jugend forscht: Dem Griechen Dr. Panagopoulos räumt der Film unangemessen viel Raum ein. Denn verschwiegen wird: Panagopoulos war im Dezember 2013/Januar 2014 in USA zur Anhörung vor dem "Superior Court for the District of Columbia" zwar eingeladen gewesen, seine Aussage wurde vom Gericht jedoch verworfen. Grund: Panagopoulos setzte für seine wissenschaftlichen Experimente, wegen denen er von der Klagepartei als Zeuge geladen wurde, eine dilettantische Expositionsmethode ein. Er befeldete seine Versuchstiere (Fruchtfliegen) einfach mit einem handelsüblichen Handy. Dies wurde von den Beklagten als unwissenschaftlich bemängelt und das Gericht folgte dieser Argumentation. Klaus Scheidsteger erzählt seinen Zuschauern das glatte Gegenteil, er stellt Dr. Panagopoulos als hochqualifizierten Wissenschaftler vor, der in USA als Experte der Klagepartei auftritt. Wer beim Filmschauen aufpasst bemerkt: Panagopoulos fehlt bei den entscheidenden Schlussszenen vor dem Gericht in Washington D.C.! Die anderen Szenen mit ihm sind Fremdkörper im Handlungsstrang, Scheidsteger hätte sie mMn aus Respekt vor den Zuschauern herausschneiden müssen.

Titelschwindel: Dr. Dimitrios Panagopoulos wird im Film und vom Begleitmaterial als "Professor" (Uni Athen) vorgestellt. Die Fakultät für Biologie der Universität von Athen führt ihn hingegen als Labortechniker.

Seilschaften: Der Film erweckt den Eindruck, die Herren Carlo, Adlkofer, Kundi und Mosgöller würden sich bestenfalls flüchtig kennen. Das stimmt nicht. Carlo und Adlkofer sind Ex-Tabaklobbyisten, sie kennen sich seit mindestens 17. Januar 2008. Kundi sitzt im Stiftungsrat der von Adlkofer gegründeten Stiftung Pandora und Mosgöller erhielt im Rahmen der "Reflex"-Nachfolgestudie Finanzmittel von Adlkofer. Kundis und Mosgöllers Arbeitgeber ist die Medizinische Universität Wien. Mosgöller, Kundi und Adlkofer fanden 2010 bei dem "Mastbruch"-Projekt zusammen. Und noch einmal Adlkofer: Im Rahmen des "Reflex"-Projekts beauftragte er um 2000 herum den finnischen Wissenschaftler Dariusz Leszczynski mit einer Teilstudie, heute finanziert er ihm Reisen zu wissenschaftlichen Kongressen. Leszczynski beriet 2014 die finnische Firma Cellraid deren Mitbegründer Pasi Niemi ist (der Software-Entwickler im Film). Carlo sitzt im Beirat von Cellraid, Leszczynski wiederum holte Carlo ins Editorial Board (Redaktion) der von ihm geleitetet Zeitschrift Radiation and Health.
Anspruch auf Vollständigkeit erhebt diese kleine Netzwerkanalyse nicht.

Falsch verstanden: Gleich zu Beginn des Films kümmert sich Herr Scheidsteger um den SAR-Wert und studiert demonstrativ die Kurzanleitung eines Samsung-Handys (GT-i9295). Der Zuschauer hört: "Zum Schutz vor erhöhter Strahlenbelastung gibt es den spezifischen Absortionswert SAR. Ein Grenzwert, der laut Gebrauchsanweisung unsere Sicherheit garantiert wenn er unter 2W/kg liegt. Dies allerdings nur, wenn stets ein Abstand von 1,5 cm zum Körper eingehalten wird." Wer das sieht und hört muss glauben nur dann sicher zu sein, wenn er beim gewöhnlichen Telefonieren 1,5 cm Mindestabstand zwischen Handy und Ohr einhält. Doch das ist falsch. Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch darf ein Handy wie eh und je direkt (ohne Abstand) ans Ohr gehalten werden. Herr Scheidsteger hat nicht nur den Text der Anleitung falsch verstanden, er hat für den Zuschauer auch noch die folgende wichtige Passage unleserlich gemacht, die erst dem Text den gewünschten Sinn gibt: "Wenn Sie das Produkt in unmittelbarer Körpernähe tragen oder verwenden, halten Sie stets einen Abstand ...". Erklärung: Üblicherweise befindet sich bei Mobiltelefonen die Antenne auf der Geräterückseite. Beim Telefonieren am Ohr zeigt die Rückseite zwangsläufig immer vom Kopf weg. Wird das Gerät z.B. beim Telefonieren mit Headset jedoch am Körper getragen, kann die Rückseite durchaus Richtung Körper zeigen. Dann aber ist die Antennen sehr nah, der Grenzwert kann überschritten werden. Deshalb die umständliche Abstandsregelung, die jedoch nur gilt, wenn das Telefon am Körper getragen wird. Seit Smartphones die Nutzungsgewohnheiten erheblich geändert haben gibt es pro Modell zwei SAR-Werte: Einen fürs Telefonieren am Ohr und einen fürs Tragen des Geräts am Körper. Details dazu <hier>.

Adlkofer förderte Repacholi finanziell: Wie in Teil I der Filmkritik erwähnt, belegt Scheidsteger den Forscher Mike Repacholi, seinerzeit Koordinator der WHO für EMF-Forschung, mit dem Stigma der Bestechlichkeit. Belege bleibt der Filmemacher schuldig, er stützt sich allein auf eine unbelegte Behauptung des Szenekenners Louis Slesin (microwavenews), die dieser 2005 verbreitete. Scheidsteger beruft sich bei seinem herben Vorwurf gegen Repacholi zwar auf Slesin, im Film kommt Slesin jedoch nicht vor. Aus gutem Grund: Louis Slesin und Scheidstegers Held George Carlo sind spinnefeind, ein Interview mit Slesin hätte für Scheidsteger (respektive Kinopublikum) Informationen bedeutet, die der Filmemacher in keiner Weise gebrauchen konnte.
Soviel zur Vorgeschichte, jetzt die bizarre Hauptgeschichte: Scheidstegers Protagonist Franz Adlkofer stand rd. 30 Jahre lang im Dienst der Tabakindustrie, 1992 wurde er Geschäftsführer von Verum, einer von der Tabakindustrie eingerichteten Forschungsstiftung. Dort hatte Adlkofer Millionenbudgets und 1997 förderte er ausgerechnet Mike Repacholi bei der WHO mit 250'000 DM. Der gleiche Betrag floss noch einmal 1998 nach Genf. Dies belegen Unterlagen der Stiftung Verum.
Halten wir fest: Filmemacher Scheidsteger klagt, ohne Beweise in Händen zu halten, Mike Repacholi an, von der Mobilfunkindustrie 150'000 Dollar pro Jahr direkt bezogen zu haben. Filmemacher Scheidsteger verschweigt hingegen die belegte Tatsache, dass die Tabakstiftung Verum (in Gestalt von Prof. Franz Adlkofer) Mike Repacholi mit 500'000 DM unterstützt hat.

Stand des Wissens: Eine Gruppe von fünf Wissenschaftlern der "International Commission for Non-Ionizing Radiation Protection" (ICNIRP), die sogar eine gerichtliche "Qualitätsprüfung" nach Daubert wegen unbestritten hoher Fachkompetenz überstehen sollten, formulierte 2011 nach Abschluss der Interphone-Studie folgendes Resümee zu der Streitfrage, ob Handys Hirntumoren bewirken können: "Although there remains some uncertainty, the trend in the accumulating evidence is increasingly against the hypothesis that mobile phone use can cause brain tumors in adults." [Deutsch: Obwohl es noch einige offene Fragen gibt, entwickelt sich der Stand des Wissens zunehmend entgegen der Hypothese, der Gebrauch von Mobiltelefonen könne bei Erwachsenen zu Hirntumoren führen.] Dem Film von Klaus Scheidsteger ist vorzuwerfen, dass er solche gewichtigen Gegenstimmen, weil sie nicht in die Alarmstory passen, völlig ignoriert. Die ICNIRP hat Empfehlungen für EMF-Grenzwerte ausgearbeitet, die weltweit von vielen Staaten übernommen wurden. Keiner von Scheidstegers Belastungszeugen im Film wurde jemals in die ICNIRP berufen.

Viertel Wahrheiten: Der Film erweckt fälschlich den Eindruck, am 8. August 2014 sei ein vernichtendes Urteil gegen die Mobilfunkindustrie ergangen. Tatsächlich handelt es sich bei dem Urteil lediglich um ein vorläufiges Urteil (Memorandum Opinion) und die Beschlüsse des Gerichts galten gar nicht der Frage, ob Handys Krebs verursachen können, sondern welche der acht wissenschaftlichen Zeugen der Klägerseite künftig für Aussagen vor Gericht überhaupt zugelassen sind (drei Zeugen fielen bei der Anhörung durch).

Schweigen: Weder Filmemacher Scheidsteger noch sein Pressemann regierten auf eine Anfrage zur Klärung von Unstimmigkeiten.


Fortsetzung in Teil III der Filmkritik


Hintergrund und Belege
Thank you for Calling: Scheidsteger/Carlo-Connection
Filmkritik "Thank you for Calling" Filmemacher Scheidsteger
"Thank you for Calling" Klaus Scheidsteger - Auftragsarbeit
"Thank you for Calling" - Klaus Scheidsteger Ortsgespräch

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Repacholi, Leszczynski, Adlkofer, Verum, USA, Jugend forscht, Cellraid, Calling, Panagopoulos, Ty4C, Faktencheck, Mängel, Fruchtfliegen, Titelschwindel


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