Darstellung der Bienenstudien von Daniel Favre (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 27.09.2020, 22:08 (vor 228 Tagen) @ H. Lamarr

Alain Thills Präsentation der beiden Favre-Studien sieht so aus:

3.2.8 Favre 2017, 2011
In Favre 2017 wurde das schwache lokale GSM-Signal (1 mW/m2) erfasst, verstärkt und dann auf einen nahe gelegenen Bienenstock projiziert, mit einer Richtantenne. Das verstärkte Signal hatte eine Leistungsintensität im Bereich von 80 – 100 μW/m2 (0,17 bis 0,19 V/m) direkt vor der Sendeantenne und ca. 1 bis 2,5 μW/m2 (0,02 bis 0,03 V/m) in der Frontseite des Bienenstocks (innen). Favres Bienen reagierten mit dem (akustisch aufgezeichneten) Pfeifenton – ein Signal, das mit Gefahr oder Verlagerung des Bienenstocks assoziiert ist – innerhalb von 1 Stunde nach Beginn der GSM-Bestrahlung und dies wurde 5 Mal getestet. In der Pilotstudie Favre 2011 wurde statt des GSM-Repeaters ein GSM-Handy direkt in den Bienenstock gelegt – auch hier war der Pfeifenton die Reaktion der Bienen. Dieses Experiment wurde zwölfmal wiederholt, mit jeweils verschiedenen Bienenstöcken.

Die Favre-Studien habe ich ausgewählt, weil das IZgMF die Pilotstudie von 2011 repliziert hat, wir diese Studie gründlicher als wahrscheinlich jeder andere analysiert haben.

► Thills Zusammenfassung der Favre-Studien beruht allein auf Informationen des Studienautors, eine Bewertung der Methodik oder der Studienqualität findet nicht statt. Aus Sicht des IZgMF sind beide Favre-Studien so mangelhaft, dass Thill sie erst gar nicht in seine Review hätte einbeziehen dürfen. Ob dies ein Ausreißer ist oder Thill beim Ausschluss mängelbehafteter Studien grundsätzlich wenig streng vorging ist offen.

► Als die Pilotstudie von Favre im Mai 2011 der Öffentlichkeit exklusiv durch das Schweizer Boulevardblatt "Blick" vorgestellt wurde, hieß es noch, das Experiment sei 83-Mal wiederholt worden. Kein schwerwiegendes Argument, Boulevardblätter sind immer mit Vorsicht zu genießen.

► Schon etwas substanzieller sind die Diskussionen in diesem sehr langen Diskussionsstrang des IZgMF-Forums, in dem erste Zweifel an der Methodik der Studie vorgetragen werden. Der dem Umfeld von Favre zuzuordnende Diskussionsteilnehmer "Capricorn" verteidigt die Arbeit.

► In den großen Studien-Reviews nationaler/internationaler Expertenkommissionen, die regelmäßig den Stand des Wissens in EMF-Sachfragen sichten und bewerten, ist Favres Pilotstudie nicht zu finden (Stand 2017). Lediglich die umstrittene "BioInitiative" nahm 2014 kurz Notiz davon, indem sie ohne Bewertung einfach den Abstract der Studie einem Nachtrag zum zweiten BioInitiative-Report von 2012 hinzufügte. Dies ist insgesamt ein Hinweis, dass Favre mit seinen Studien von der Mehrheit der Bioelektromagnetiker nicht zur Kenntnis genommen wurde.

► Daniel Favre ist (Stand 2016) Präsident des Schweizer Anti-Mobilfunk-Vereins Ara oder Arra (so genau weiß dies der Verein selbst nicht). Dies darf als eindeutiger Interessenkonflikt gewertet werden. Eine Aktualisierung dieser Information an Ort und Stelle war heute nicht möglich, da der Verein kein auffindbares Impressum hat. Dieser Quelle zufolge ist Favre jedoch auch 2019 noch Präsident des Vereins gewesen. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil er 2017 anlässlich der Publikation seiner zweiten Studie beteuerte: "The author declares having no conflicts of interest".

► Im Juli 2011 replizierte das IZgMF die Pilotstudie mit einer verbesserten Form der Befeldung. Ergebnis: Trotz definiert maximaler Befeldung konnten wir Favres Ergebnisse nicht bestätigen. Aus der Replikation ergaben sich erhebliche Zweifel an Favres Versuchsanordnung. Der Studienautor selbst versuchte diese Zweifel 2017 mit einem Wiederholungsversuch und verbesserter Befeldung zu zerstreuen. Die Publikation in einem Open-Access-Journal ließ Favre sich 1410 Dollar kosten. Der Befreiungsschlag gelang ihm jedoch nicht gut, denn auch seine neue Befeldung war dosimetrisch unprofessionell, sie beruht auf einer Befeldungsapparatur des deutschen Anti-Mobilfunk-Vereins Bürgerwelle. Einzelheiten zu dem Wiederholungsversuch Favres gibt es <hier> zu lesen.

Fazit

Alain Thill hat eigenen Angaben zufolge 107 Studien identifiziert, die Experimente mit EMF an Insekten betrafen. 15 davon wurden wegen qualitativer Mängel oder aus anderen Gründen ausgeschlossen, bemerkenswerterweise befinden sich darunter vier Studien von Dr. Dimitrios Panagopoulos, der in dem Film "Thank You for Calling" eine tragende Rolle hat. Damit lässt Thill offen, wie viele Studien er allein wegen qualitativer Mängel verworfen hat, es kann eine sein, oder eben mehrere. Die beiden Favre-Studien müssen bei ihm diese offensichtlich niedrige Hürde übersprungen haben und unter die 55 HF-Studien gelangt sein, die er anschließend einzeln ausgewertet hat. Die Qualität jeder dieser Studien will Thill mit einer 4-Punkte-Skala geschätzt haben. Warum der Autor diese Angabe überhaupt macht ist nicht ersichtlich, denn man erfährt in seiner Review weder mit welchem Qualitätslevel er die einzelnen HF-Studien bedachte, noch wie sich der Qualitätslevel einer Studie in seiner Review ausgewirkt hat.

Damit ist völlig unklar, inwieweit sich qualitativ schwache Studien auf Thills "mutmaßliche Toxizität für Insekten" ausgewirkt haben. Die Review leidet nicht nur daran, dass Studien wie die von Favre wegen qualitativer Mängel nicht ausgeschlossen wurden, sondern es auch zu einer nicht nachvollziehbaren (möglicherweise willkürlichen) Toxizitätsbewertung auch solcher Studien durch den Autor der Review gekommen ist. Das sind aus meiner Sicht erhebliche Mängel der Review, die zu einer grob verzerrten Einschätzung der Studienlage führen können und so den Wert der Review, wie andere zuvor schon festgestellt haben, auf eine simple Übersicht des momentanen Bestands an EMF-Insektenstudien begrenzen. Mehr gibt die Arbeit nicht her. Oder anders gesagt: Die schwach oder gar nicht begründeten Interpretationen und Schlussfolgerungen des Autors genügen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht, sie dürfen getrost verworfen werden.

Das Gewicht, das Nabu und Diagnose-Funk der Thill-Review beimessen, ist für mich, was den Mehrwert der Review anbelangt, in keiner Weise nachvollziehbar. Nachvollziehbar ist für mich hingegen, dass beide Vereine versuchen, mit der substanzarmen Review öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – um jeden Preis.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Interessenkonflikt, Bienen, Replikation, NABU, Sorgfaltspflicht, Faktencheck, Favre, Aufmerksamkeit, Thill, Review


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