Gigaherz-Jakob: Was Swisscom von seinen Vorwürfen hält (Technik)

H. Lamarr @, München, Montag, 24.09.2018, 23:48 (vor 359 Tagen) @ H. Lamarr

"Es erfordert Mut, mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Aber Demokratie kann nur mit der Bereitschaft funktionieren, Konflikte anzunehmen und Kompromisse einzugehen. Und außerdem lässt es sich einfach leichter streiten, wenn man die Sichtweise des anderen versteht." So beginnt in der Zeit ein Artikel vom 23. September 2018 über die Aktion "Deutschland spricht".

Auch Swisscom wollte leichter streiten und lud zu diesem Zweck den kompletten Gigaherz-Vorstand in die Zentrale nach Bern ein. Am 16. August 2018 war es so weit, wie Jakob berichtete, der 5-köpfige Gigaherz-Vorstand rückte tatsächlich geschlossen bei dem Ex-Monopolisten ein und traf dort auf zwei Gesprächspartner der Swisscom. Ziel der Aktion war es, den Mobilfunkgegnern in einem technisch orientierten Gespräch die Grundlagen von 5G und die für 5G vorgesehene Antennentechnik aus erster Hand näher zu bringen. Doch das Experiment, mit dem Swisscom guten Willen demonstrieren wollte, scheiterte. Denn der Gigaherz-Präsident lässt sich nicht belehren, er hält es wie Pippi Langstrumpf und bastelt sich mit alternativen Fakten seine Welt lieber so, wie sie ihm gefällt, am 25. August mit diesem Beitrag und am 12. September mit jenem. Gigaherz-Vorstand Joe Schlumpf war für den Bekehrungsversuch des Netzbetreibers besonders dankbar, er stellte wenige Tage nach dem Treffen ein Video mit dem Titel "Swisscom – licensed to lie" ins Netz.

Soweit die Vorgeschichte ...

Als Technischer Redakteur bin ich darauf gedrillt, technische Texte zu beurteilen. Was Jakob bislang über 5G ablieferte ist aus meiner Sicht Blendwerk, er greift sich wahllos Textpassagen sowie Grafiken aus Fremdokumentationen heraus und stückelt diese zu kaum noch verständlichen Beiträgen zusammen. Ziel: Fachkompetenz vorgaukeln und bei Laien Eindruck machen. Dabei ist es kein Jahr her, dass der Ex-Elektriker aus Schwarzenburg noch mit Inbrunst auf dem Unfug beharrte, 5G könne nur im Frequenzbereich von 30 GHz bis 300 GHz stattfinden. Still und leise verabschiedete er sich erst im April 2018 von seinem Irrtum, nur um später dem Irrtum aufzusitzen, eine 8x8-Gruppenantenne (Antennenarray) mit 64 Dipolen werde im 5G-Zeitalter über arglose Handynutzer mit 8x8=64 Strahlenkeulen herfallen. Doch dies wird sicher nicht geschehen, denn die 64 Dipole werden für das Beamforming von erheblich weniger Strahlenkeulen benötigt (z.B. 1 bis 4), das ist ja gerade der Witz an Gruppenantennen. Teilnehmer "Kuddel" hat sich freundlicherweise diesem und weiteren 5G-Irrtümern Jakobs ab hier angenommen.

Swisscom: Jakobs Anschuldigungen treffen nicht zu

Swisscom schweigt zu alledem. Auch die unsägliche AZK/Gigaherz-Co-Produktion (Video oben) konnte den größten Mobilfunknetzbetreiber der Schweiz nicht zu einer Reaktion provozieren. Deshalb habe ich nachgefragt, was der PTT-Nachfolger von Jakobs Pirouetten hält, z.B. davon, dass es völlig unmöglich sei, die heutigen Anlagegrenzwerte mit 5G-Antennen einzuhalten und dass die Schweizer Netzbetreiber vor hätten, die Bevölkerung der Schweiz zu übertölpeln.

Hugo Lehmann, Swisscoms Technischer Leiter Mobile Access, schrieb mir, Jakobs Anschuldigungen träfen selbstverständlich nicht zu. Sein Unternehmen halte sich an die gesetzlichen Bestimmungen und setze diese nicht anders um als vorgesehen. Auf 5G-Antennen bezogen bedeute dies, die deklarierte und somit verfügbare Sendeleistung einer Mobilfunkantenne umfasse die gesamte Leistung aller möglichen Sendekeulen/Beams. Dadurch sei, wie gesetzlich gefordert, der denkbar ungünstigste Fall abgedeckt. Alle betrieblichen Konfigurationen, Nutzungsarten und Einstellungen würden mit diesem Worst-Case-Ansatz in die ausgewiesene Leistung einbezogen. Wenn also Swisscom zum Beispiel 100 W ERP für 5G deklariere, sei dies nicht die Leistung nur eines Beams, sondern die theoretisch erreichbare Maximalleistung aller Beams — gleichzeitig und mit vollem Datendurchsatz in Betrieb.

Aufgrund der äußerst strengen Grenzwerte und des rigiden Vollzugs, so Lehmann weiter, bleibe für 5G aktuell jedoch nicht mehr viel Leistung übrig, obwohl 5G-Systeme sehr wohl mehr davon liefern könnten. Grund für diesen Engpass seien die bestehenden Systeme. Besonders 3G- und 4G-Antennen müssten nach wie vor weiter betrieben werden und konkurrierten mit 5G um Sendeleistung, weshalb für 5G teilweise nur sehr geringe Leistungswerte zur Verfügung stünden. Gerade eben so viel, dass die Grenzwerte noch eingehalten werden.

Der Technische Leiter bedauert, wegen des zuvor genannten Worst-Case-Ansatzes könne das technische Potential des Beamformings nicht voll erschlossen werden. Denn Beamforming mache die Übertragung effizienter weil die Daten für einen Nutzer gezielt auch nur zu diesem hingesendet würden. Ohne Beamforming komme es zu funktechnischer Energieverschwendung, denn die Daten müssten weiterhin ungezielt in die gesamte Mobilfunkzelle gepumpt werden. Mit Beamforming werde die Exposition durch den Nutzer definiert, die mittlere Sendeleistung sei dann relativ niedrig, wie auch aus der Arbeit von Thors et al. hervorgehe.

[Admin: Text am 25.09.2018, 9:35 Uhr, geringfügig ergänzt]

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Jakob, Gigaherz, Blendwerk, Strahlenkeule, Swisscom, Schlumpf, Beamforming


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