Faktencheck: Zebrafinkenstudie (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 08.04.2019, 15:24 (vor 251 Tagen) @ H. Lamarr

Ulrich Weiner [Minute 15:11]: Also wir haben Kalziumionen in den Zellen zum Beispiel, das ist eine ganz alte wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 91, die das das erste mal entdeckt hat, ich sag‘ mal eine Zebrafinkenstudie – eine Studie der Telekom – und da beginnt eigentlich die ganze Geschichte mit, wo wir jetzt ja bei 5G waren, es ging damals nämlich um 2G, man wollte ja Mobilfunk 1992 einführen, und Ende 91 kam diese Studie heraus, dass es eben Kalziumionenausstöße gibt.

"Gäbe es eine pathologische Wirkungen elektromagnetischer Felder (EMF) auf die Kalziumfunktionen im Körper, es wäre in Anbetracht der globalen Verbreitung des Mobilfunks eine Katastrophe. Bislang gibt es dafür jedoch keine Anhaltspunkte, auch wenn zuweilen das Gegenteil behauptet wird." So steht es im Vorspann zu Dr. Rattos (Pseudonym einer kompetenten Biologin) Beitrag Kalzium und EMF: Stand des Wissens aus dem Jahr 2010.

Warum Weiner Kalziumionen in Zusammenhang mit dem Stichwort "Zebrafinkenstudie" bringt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Die einzige Zebrafinkenstudie, die unter Mobilfunkgegnern Karriere gemacht hat, ist die von Peter Semm. Zu Semm gibt es im www einige befremdliche Fundstellen mit persönlichen Äußerungen von ihm, die ein Wissenschaftler üblicherweise unterlässt und die ihn als Mobilfunkkritiker identifizieren. Ob das, was da kolportiert wird alles der Wahrheit entspricht und ob Semms Äußerungen qualifiziert sind, werden wir wohl nicht mehr erfahren.

Eine, wenn auch nicht besonders kompetente Quelle, verortet jedenfalls Semms Zebrafinkenstudie frühestens im Jahr 1994 und nicht im Jahr 1991:

Relevant sind auch die Studien von Professor Peter Semm vom Zoologischen Institut der Universität Frankfurt. Dem Neurobiologen erging es nicht besser als Klitzing. Nachdem er auf einem Kongress der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über den Einfluss elektromagnetischer Felder auf Vögel berichtet hatte, meldete sich die Telekom bei ihm und bot ihm an, für sie zu forschen. Da sein Heisenberg-Stipendium auslief, nahm Semm das Angebot 1994 an. Er bestrahlte Tauben mit gepulsten Mobilfunk-Frequenzen und untersuchte die Melatonin - Produktion. Anhand halbstündlicher Blutproben konnte er nachweisen, dass die nächtliche Produktion des Hormons unterdrückt wurde. »Es kam zu einem deutlich messbaren Einfluss«, so Semm. Er bestrahlte außerdem Zebrafinken mit einer Leistungsflussdichte weit unterhalb des Grenzwertes für Handys. Normalerweise ändern Zellen von Zebrafinken, die Licht, Farben oder Bewegung wahrnehmen, die Frequenz ihrer Nervenimpulse um bis zu zehn Prozent. Dagegen reagierten die Nervenzellen der Zebrafinken völlig unerwartet mit einer Abweichung um 60 Prozent.

Die "Bürgerwelle" verortet die Semm-Studie sogar im Jahr 1996, Vögel wurden dabei einer in der Natur normalerweise nicht auftretenden Leistungsflussdichte von 1 W/m² (Spitzenwert 5 W/m²) ausgesetzt. Diese Studie findet sich auch im EMF-Portal.

Da die Ergebnisse der Semm-Studie alles andere als spektakulär sind, erschließt sich mir nicht, was Uli Weiner mit ihrer Nennung eigentlich bezweckt, außer dass er mir eine ABM schenken wollte. Da das D1-Netz am 1. Juli 1992 in Deutschland in Regelbetrieb ging, ist Weiners Konstrukt aus meiner Sicht hinreichend widerlegt, sofern sein Gerede, weil wirr, überhaupt widerlegt werden kann.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!


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