Peinlich: Netdoktor.at beruft sich auf EuropaEM (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 21.05.2017, 19:55 (vor 785 Tagen) @ H. Lamarr

Nachdem die Version 2015 der EuropaEM EMF-Leitlinie wegen Plagiatvorwürfen zurückgezogen werden musste, gibt es seit 25. Juli 2016 die neue Version 2016 ...

Vorbereitung: Überfliegen, was Netdoktor.at seit September 2016 über die sogenannte Elektrohypersensitivität (EHS) verbreitet.

Diskussion: Es ist mMn schon ziemlich dreist, wie das Thema auf dieser Webseite den wissenschaftlichen Kenntnisstand zu EHS ignoriert und den Eindruck zu erwecken sucht, EHS sei eine physische Krankheit. Dabei hat sich in den letzten Jahren der Kenntnisstand in Richtung psychische Krankheit weiter verdichtet, das Wort "psychisch" gibt es auf der Seite des Netdoktors.at jedoch nicht. Das allein ist für mich schon grenzwertig, doch es kommt noch schlimmer: Die Seite beruft sich demonstrativ auf den Verein EuropaEM und dessen sogenannte EMF-Leitline, als wäre dies ein ernst zu nehmendes wissenschaftliches Papier und nicht ein pseudowissenschaftliches Marketinginstrument, mit dem aus meiner Sicht verbohrte Mobilfunkgegner, vor allem aber Nutznießer der Angst vor Elektrosmog ihre Interessen verfolgen. Offenkundiges Ziel ist es, den bedeutungslosen Verein EuropaEM gegenüber den Lesern als maßgebend zu verkaufen und ihn auf diese Weise langsam aber sicher salonfähig zu machen.

Der Trick, die EMF-Leitlinie von EuropaEM ins Gespräch zu bringen, beruht von Anfang an auf künstlicher Aufwertung. Hierzu bedienten sich die Autoren der Fachzeitschrift "Reviews on Environmental Health", die von dem amerikanischen Mobilfunkgegner David O. Carpender geleitet wird. Bei einem anderen (angeseheneren) Journal wären sie vermutlich abgewiesen worden. Doch Carpender nahm die EMF-Leitlinie als Paper an (kostete die Autoren nur 2000 €) und beschwor damit auch gleich ein handfestes Plagiat-Skandälchen herauf, das der Leitlinie für immer als Geburtsfehler anhaften wird. Doch da die wenigsten der Autoren Wissenschaftler sind, ist der Fauxpas für sie nicht so schlimm, denn die Publikation in "Reviews on Environmental Health" dient allein dem Zweck, dem Papier ein wenig wissenschaftliches Flair zu verpassen. Die Hauptstoßrichtung zielt aber ganz woanders hin, nämlich auf die in EMF-Fragen ziemlich unbeleckte Ärtzteschaft und auf die breite Öffentlichkeit. Für unseriöse Umweltmediziner ist dies wie die Entdeckung des Goldtopfes am Ende eines Regenbogens, kann man doch mit allerlei Quacksalberritualen auf einträglicher privatpatientlicher Honorarbasis die angebliche "Elektrohypersensibilität" von Leuten bekämpfen, die unter einer Sendemastenphobie leiden und viel eher der fachärztlichen Behandlung durch einen speziell geschulten Psychotherpeuten bedürften. Schon vor zehn Jahren hat eine Studie eine kognitive Verhaltenstherapie als wirksamstes Mittel gegen EHS beschrieben, Pillen und EMF-Entzug waren keine Option (A Systematic Review of Treatments for Electromagnetic Hypersensitivity, Rubin et al., 2006).

Dass Netdoktor.at jetzt den Stand des Wissens ignoriert und einseitig die Interessen von Nutznießern der Elektrosmog-Angst bedient, empfinde ich als unmöglich. Warum die Seite so deutlich neben der Spur ist lässt sich jedoch leicht erklären: Hans-Peter Hutter, ein langjähriger Mobilfunkgegner, ist Mitautor der Seite und "Experte" bei Netdoktor.at. So einfach ist das. Dass Hutter reichlich akademische Titel hat hätte mich vor zehn Jahren noch beeindruckt. Doch nach 15 Jahren Mobilfunkdebatte weiß sogar ich: Titel sind keine Garantie für Expertise. Dass Herr Hutter den fragwürdigen Umweltärzte-Verein EuropaEM so auffällig hofiert, halte ich für bedenklich, inwieweit er mit dem Verein verbandelt ist entzieht sich meiner Kenntnis.

Erfreulich: Netdoktor.de ist noch sauber und nicht von Netdoktor.at mit einem Werbetext infiziert worden, der vorgibt, über vermeintliche "Elektrohypersensitivität" informieren zu wollen, nur um dann unterschwellig dem Verein EuropaEM die Deutungshoheit über das Risikopotenzial von elektromagnetischen Feldern zuzusprechen. Die deutsche Seite klammert dieses anrüchige Thema (noch) konsequent aus, die Suche kapituliert schon bei der Eingabe von "Elektro ...".

Hintergrund
Unerwartete Heilungsaussichten für überzeugte Elektrosensible
Bundsärztekammer: Umweltmedizin generiert Umweltbelastungen

[Admin: Hinweis auf Aufwandsentschädigung 2000 € ergänzt am 24.05.17]

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Oesterreich, Hutter, Aufwertung, Netdoktor, Carpender, EMF-Leitlinie, Europaem, Netzwerkknoten, Plagiat


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