Geringe Resonanz auf Diagnose-Funk: Ursachensuche (Allgemein)

Lilith, Dienstag, 30.10.2012, 18:01 (vor 3692 Tagen) @ Kuddel

Lilith, Sie gehen da meiner Meinung nach viel zu leichtfertig mit dem Begriff "Lüge" um.

Den Einwand akzeptiere ich. Den Vorwurf der „Lüge“ wird jemand nicht verstehen, der nicht bewusst lügt. Man wird sowieso kaum irgendjemanden, der tatsächlich lügt, zu dem Eingeständnis bringen, er lüge.

Würden Sie auch sagen, der Pfarrer in der Kirche "lügt", wenn er davon erzählt, wie Moses das Meer teilte?

Eher nicht, denn der Mann argumentiert wohl seiner Glaubensüberzeugung folgend, und es schwingt bei solchen Aussagen auch immer ein nicht ausgesprochenes „Die Bibel sagt uns, dass…“ mit. Der Mann redet also aufgrund eines von höherer Stelle erteilten Auftrags. Auch könnte er betonen, dass er unter Benutzung einer Metapher spreche, deren die Bibel bekanntlich geradezu überquelle. Er ist also aus meiner Sicht entschuldigt.

Womit allerdings das Thema angerissen ist, zu dem ich mir aufgrund Ihres Hinweises vornehme, zurückzukehren. Wohl schon viele Male habe ich in diesem Forum darauf hingewiesen, dass die „Gemeinde“ der Mobilfunkgegner nach meiner Ansicht in ihrem Wesenskern eine Glaubens- oder Weltanschauungsgemeinschaft ist. Die ist geprägt durch kulturpessimistische Grundüberzeugungen, die feste geglaubt werden und deshalb unverrückbar scheinen. Das sind solche wie: wir werden manipuliert, wir werden bestrahlt, wir werden rücksichtslos benutzt, die Menschen reden nicht mehr miteinander, wir sind Opfer, andere bereichern sich an uns, die Natur geht kaputt, es wird so wie es ist nicht besser, usw.

Ihre Darstellung darüber, wie einer in solche Überzeugungen hineingerät, finde ich gut nachvollziehbar. Auch betreffs dessen, was den ursprünglich „guten Willen“ der Betroffenen angeht, erscheint mir nachvollziehbar, was Sie schildern. Sie beschreiben den Weg eines Individuums in seinen Selbstbetrug. Der sich dort hineinbegeben hat, „lügt“ in der Tat nicht. Er spricht vielmehr sogar gegenüber der Umwelt „wahr“. So sieht die subjektive Wahrnehmung des „Lügners“ aus. Er ist Insasse eines Käfigs, dessen Existenz er nicht anerkennt.

Jedoch gibt es auch das Außen, also die von der Lüge betroffene Seite - für die eben nicht die vorgeblich gute Absicht des Lügners ausschlaggebend ist, sondern einzig die Wirkung der Aussage, die keine Lüge sein will.

Jemanden als „Lügner“ zu bezeichnen, ist aber nicht viel mehr als eine moralische Kategorisierung. Diese Ebene der Auseinandersetzung sollte man aber im Zwist mit Mobilfunkgegnern, die ja selbst moralisch argumentieren, nicht suchen. Der bessere Weg ist der der konsequenten Analyse der Absichten und Wirkungen des Gesagten, des Bestehens auf Transparenz und auf Nachweisen für das Behauptete. Scherz und Ironie dürfen natürlich ebenfalls sein. Aber mit Moralisten eine Auseinandersetzung ausgerechnet um die richtige Moral zu führen (wie z.B. darüber, wer „lügt“), wäre ein endloses Unterfangen.

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"Wer die Dummbatzen gegen sich hat, verdient Vertrauen." (frei nach J.-P. Sartre)

Tags:
Ueberzeugung, subjektive Einschätzung


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