Hardell will 1,69 W/m² im Schlafzimmer gemessen haben (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 20.03.2022, 20:29 (vor 256 Tagen) @ H. Lamarr

Tiefer in die Hardell-Nilsson-Studie einzusteigen lohnt sich mMn nicht, dazu mangelt es der Studie, die keine ist, an Substanz.

Aber: Folgende Textpassage aus der Studie darf nicht unkommentiert bleiben:

[...] Tabelle 1 zeigt auch die Ergebnisse der Folgemessung in der Wohnung am 2. Februar 2022. Die Ergebnisse zeigen deutlich höhere Werte als im Dezember 2021. So wurde der Maximalwert von 1'690'000 microW/m² am Bett der Frau gemessen, das sich nur 5 Meter direkt unter der Basisstation auf dem Dach befand. Dieser Wert ist so hoch, dass die Gefahr akuter und langfristiger gesundheitlicher Auswirkungen besteht. Sie zeigt auch, dass die Strahlung direkt unter einer auf dem Dach platzierten Basisstation sehr hoch sein kann. [...]

Lennart Hardell ist Epidemiologe, kein HF-Messtechniker. Deshalb zweifle ich seinen genannten Maximalwert an.

Auch ein Epidemiologe, der sich seit etwa zwei Dekaden mit EMF beschäftigt, müsste mMn eigentlich wissen, dass HF-Messgeräte fehlerbehaftet sind, auch wenn die numerische Messwertanzeige eine verführerisch fehlerfreie Messung vorgaukelt.

Hardell hat mit einem preisgünstigen (385 $) Breitbandmessgerät vom Typ "Safe and Sound Pro II" gemessen.

Technische Daten gemäß Hersteller
Messbereich: 0,001 µW/m² bis 2,5 W/m²
Frequenzbereich: 200 MHz bis 8,0 GHz
Messfehler: ±6 dB
Den Frequenzgang eines Testmusters kann man sich hier anschauen.

► Bekanntlich wird bei Breitbandmessgeräten in den Grenzen des Frequenzbereichs jedes HF-Signal erfasst, das am Messpunkt einwirkt. Dies können Rundfunk- und TV-Sender sein, Radar, DECT, W-Lan, Mobiltelefone, Mobilfunk-Basisstationen. In Hardells Maximalwert können daher unerkannte Signale dominieren, z.B. ein am Körper getragenes Mobiltelefon, das in die Basisstation eines anderen Netzanbieters eingebucht ist, die nicht auf dem Dach, sondern weit entfernt ist. Da Hardell keine geografischen Angaben über den Ort der Messungen macht, ist eine Prüfung auf externe Störsignale nicht möglich.

► Hardell ignoriert den Messfehler des Messgeräts. Der tatsächliche Messwert liegt bei ±6 dB Messfehler irgendwo zwischen 6,76 W/m² (was außerhalb des Messbereichs wäre) und 0,422 W/m². Die von Hardell vorgetragene "Werkskalibrierung" seines Exemplars ändert daran nichts.

► Der von Hardell gemessene Wert ist der höchste gemessene Spitzenwert während der Messzeit (laut Hardell 3 Minuten). Ein Vergleich von Spitzenwerten mit den Grenzwerten (Effektivwerte) ist unzulässig. Hardell nennt für denselben Messpunkt die Durchschnittswerte 5 mW/m² bis 20 mW/m², wobei unklar ist, über welchen Zeitraum die Messwerte gemittelt wurden.

► Die Linearität des Messbereichs endet laut Hersteller bereits bei 1 W/m². Hardells Maximalwert liegt außerhalb, daraus resultiert mutmaßlich ein zusätzlicher unbekannter Messfehler.

► Ein derart hoher Maximalwert, wie von Hardell gemessen, ist senkrecht unter einer 5G-Basisstation nicht plausibel.

► Wie hier nachzulesen ist, nehmen es die Hersteller von Billig-Messgeräten bei ihren technischen Angaben nicht so genau, es werden häufig mehr oder weniger geschönte Werte genannt, die zum Teil extreme Messfehler verschleiern.

► Hardell benutzt bei seinen Messwertangaben den bekannten Trick, durch Wahl einer sehr kleinen Messwertdimension (hier µW/m²), Laien riesige Messwerte vorzuführen (hier 1'690'000 µW/m² anstelle von 1,69 W/m²). Dies passt zum Kontext des Artikels, mit dem mMn irrationale Ängste gegenüber 5G in der Bevölkerung geschürt werden sollen. So behauptet er zu Beginn des Artikels, das "Havanna-Syndrom" würde ebenfalls gepulster
Mikrowellenstrahlung zugeschrieben. Diese Halbwahrheit ist inzwischen nahezu vollständig widerlegt.

Gemäß Hardell entschied sich das betroffene Ehepaar bereits wenige Tage nach der Inbetriebnahme im November 2021, aus der Wohnung auszuziehen. Auf die Idee, dass er mit seinen Auftritten bei dem Ehepaar für die Symptome und den Auszug verantwortlich ist, kam Hardell offensichtlich nicht.

Mich erinnert dies an den Fall von Frau Semmelweis (Name geändert), der hier ausführlich dokumentiert ist. Damals war es ein im Raum München bekannter "Elektrosensibler" (am Linkziel Dr. Ahus), der einer alten Dame mit Schauergeschichten über Elektrosmog derart viel Angst vor dem Schnurlostelefon eines Nachbarn einjagte, dass die Frau sich kaum noch in ihre Wohnung wagte und tagsüber draußen umherirrte. Kümmern um die Frau durften wir uns, der Verursacher des sozialen Problems sah sich nicht in der Pflicht.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Angst, Semmelweis, Hardell, Messfehler, Spitzenwert, Irreführung, Trick, HF-Detektor, Nilsson, Effektivwert, Epidemiologe, Havanna-Syndrom, Gütesiegel


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