Karel Marha vs. Lennart Hardell: Die Dosis macht das Gift (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 23.03.2022, 00:12 (vor 321 Tagen) @ Schutti2

Tschechisch... russisch... da fällt mir Prof. em. Prof. Dr. med. labil. Karl Hecht ein.
Der schrieb neulich
Auf dem Richmonder Symposium war auch der Vertreter der Tschechoslowakei, Dr. Karel Marha [1968/71], Leiter der Abteilung Hochfrequenzen am Institut für Betriebshygiene und Berufskrankheiten, anwesend. Er berichtete, dass man den Grenzwert in der Tschechoslowakei auf 0,01 mW/cm² für achtstündige tägliche Strahlenexposition bei Impulsbetrieb festgelegt habe, da eine kumulative Wirkung der hochfrequenten Mikrowellen als erwiesen angesehen werden müsse.

Genau... 0,01 mw/cm² über 8 Stunden, also 80 µWh/cm².

Was jetzt!? Ich dachte immer, ein Tag hätte 24 Stunden. Acht Stunden wären ein Arbeitstag, gültig für berufliche Exposition. Und Privatpersonen? Um die geht es doch! Werden auch die nur acht Stunden befeldet? Es wäre halt schon schön, wenn wenn sich die Herren Hecht und Süsskind in ihren Äußerungen präziser artikulieren könnten, wie dies hier den Herren Repacholi und Grigoriev et al. gelungen ist.

[...]

Nur die Begründung
da eine kumulative Wirkung der hochfrequenten Mikrowellen als erwiesen angesehen werden müsse.
statt
"versucht, die Lücke zwischen dem amerikanischen Standard von 10 mW/cm² und dem viel strengeren sowjetischen Standard zu schließen."
... ob das so in Marhas Buch nachzulesen ist?

Was Marha geschrieben hat weiß ich nicht, im Beitrag von Repachoriev et al. (siehe Link oben) kommt "cumulative" jedenfalls nicht vor. Abgesehen davon würde mir "eine kumulative Wirkung der hochfrequenten Mikrowellen" (gibt's eigentlich auch niederfrequente Mikrowellen?) jetzt keinen Kummer machen, findet diese doch Berücksichtigung im thermischen Grenzwertmodell, das bei kumulativ eingetragener EMF-Leistung eine ungesunde Erwärmung des Organismus verhindert :-).

Den von Ihnen verlinkten Brief Hechts an Paulini habe ich nur angelesen, da mir die weitschweifigen Ausschmückungen Hechts gegen den Stich gehen. Als einen Einwand bringt er:

In der Kurz-Bedienungsanleitung zum Telekom-Router "Speedport Smart" steht im Kapitel "Sicherheitshinweise und Datensicherheit" auf Seite 21 unter "Funksignale" eine Warnung zu WLAN-Strahlung. "Die integrierten Antennen Ihres Speedport senden und empfangen Funksignale bspw. für die Bereitstellung Ihres WLAN. Vermeiden Sie das Aufstellen Ihres Speedport in unmittelbarer Nähe zu Schlaf-, Kinder- und Aufenthaltsräumen, um die Belastung durch elektromagnetische Felder so gering wie möglich zu halten."

Da denkst du, jetzt kommt er mit Granaten, und dann platzen Knallerbsen. Jeder der Bedienungsanleitungen liest kennt die seitenlangen Sicherheitshinweise, mit denen Gerätehersteller versuchen jeden nur denkbaren, undenkbaren bis hin zu absurden Haftungsanspruch z.B. wegen nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch vorsorglich abzuwehren. Die Rechtsabteilung der Telekom folgt mit ihrer Klausel nur dem Rat des BfS, unnötige EMF-Exposition vorsorglich zu vermeiden. Irgendwann wird die Klausel dann weg sein. So wie die IARC Kaffee, nachdem sie ihn 25 Jahre unter Krebsverdacht führte, 2016 davon freigesprochen hat. Mein W-Lan-Router steht übrigens seit eh und je rd. 1 Meter neben mir.

Zuvor beklagt sich Hecht über die BfS-Mitarbeiterin (Pophof), die den undankbaren Job hatte, auf seinen ersten Brief zu antworten:

[...] Ohne Kenntnis der wissenschaftlichen Realität versucht sie, die russischen Forschungsergebnisse und damit auch unsere wissenschaftliche Literaturrecherche russischsprachiger Literatur, als bedeutungslos darzustellen. [...]

Nunja, bedeutungsschwer war die 1997 abgelieferte Literaturrecherche ja nun auch nicht, wie man in einer Rückschau auf die 2003 durchgeführte vergleichende Bewertung des Hecht-Papiers lesen kann. Zu keinem anderen Ergebnis kommt, wer die Zusammenfassung des zuvor erwähnten Papers betrachtet, an dem 2012 kein Geringerer als Yuri Grigoriev mitwirkte, der russische EMF-Papst. Dort heißt es:

[...] Viele Jahre lang wurden in verschiedenen Behörden der ehemaligen UdSSR spezielle interne Studien durchgeführt, die sich an den damals akzeptierten Empfehlungen des ukrainischen Gesundheitsministeriums [1981] zur Bewertung der biologischen Auswirkungen von schwacher Mikrowellenexposition und zur Anwendung der Ergebnisse bei der Entwicklung von Standards orientierten. Daher sollten die Ergebnisse der sowjetischen Studien in diesem Kontext gesehen werden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden bei der Entwicklung russischer Normen weiterhin ähnliche Methoden und Ansätze zum Schutz der Bevölkerung vor HF-Exposition verwendet. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Studien aus der Sowjet-Ära durchgeführt wurden, bevor wesentlich bessere Labormethoden, Anforderungen an die Qualität der Forschung und ein besseres Verständnis des Immunsystems zur Verfügung standen und die wesentlich strengeren Anforderungen der heutigen, von Fachleuten begutachteten wissenschaftlichen Fachzeitschriften an die Details der Beschreibung von Experimenten, Ergebnissen und Analysen.

Heißt im Klartext: Die von Hecht verklärte alte Sowjet-Literatur würde heute mutmaßlich keine qualifizierte Peer-Review mehr überstehen, sondern eher in Umwelt - Medizin - Gesellschaft landen.

Hintergrund
Die verschwundenen Untersuchungsergebnisse von K. Hecht

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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