Kargo-Kult-Wissenschaft: Beispiel Fettleibigkeit (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 29.05.2017, 23:18 (vor 899 Tagen) @ H. Lamarr

Sam Milham ist ein amerikanischer Wissenschaftler im Ruhestand, der sich nicht mehr um seine Karriere sorgen muss und deshalb risikolos verwegene Hypothesen pflegen kann. Teilnehmer "Charles" machte <hier> auf eine solche Hypothese aufmerksam, die der Buchautor 2013 in der Zeitschrift Electromagnetic Biologie and Medicine veröffentlicht hat (Volltext). Milham meint, eine neue Erklärung für die weltweite Zunahme der Fettleibigkeit und Diabetes gefunden zu haben: Ursache wären hochfrequente Störsignale, die bei der Erzeugung von Elektrizität mit Generatoren entstehen. Milham fasst solche hochfrequenten Störungen auf Stromleitungen unter dem Begriff "Dirty Electricity" zusammen. Als Beleg für die Richtigkeit seiner Hypothese sieht der Ruheständler die besonders auf kleinen Inseln zu beobachtende Fettleibigkeit der Bewohner. Milhams Erklärung: Da auf diesen Inseln der Strom mit Diesel-Generatoren erzeugt wird, die wiederum mit ihrem Bürstenfeuer für starke Signale im Hochfreuenzbereich (HF) stünden, denen die Bewohner nicht durch Abstand entrinnen könnten, liegt für ihn der Zusammenhang zwischen ungesund hohem Körpergewicht und HF-Einwirkung auf der Hand.

Aus meiner Sicht eine typische Nonsense-Studie der Kargo-Kult-Wissenschaft, die mit Vorliebe zufällige oder auch nur herbeigeredete Zusammenhänge in den Rang von Kausalzusammenhängen erheben möchte. Auffällig bei Milhams Schwabbelstudie: Er drückt sich um die Bezifferung der Immission herum, also wie stark denn nun die Hochfrequenz oder die Spannungstransienten dU/dt sein müssen, ab der Insulanern die Verfettung droht.

Man möchte es fast nicht glauben, doch der Amerikaner hat anlässlich seiner kühnen Hypothese sogar einen ernsthaften Leserbrief aus der Wissenschaftsgemeinde erhalten. Wie Frank de Vocht und Igor Burstyn Sam Milham widerlegen möchten, kann man ebenfalls im Volltext nachlesen. Die Reaktion der beiden Doktoren ist für Milham so etwas wie die halbe Miete, denn nun kann er sich rühmen, trotz Nonsense-Studie von der Wissenschaft bemerkt worden zu sein. Der alte Sam hat den Angriff der beiden freilich nicht kommentarlos hingenommen, sondern er verteidigt sein Papier. Er hat ja nichts mehr zu verlieren und kann nur gewinnen, indem sein Bekanntheitsgrad steigt und damit der Absatz seiner Dirty-Electricity-Bücher. Fettsein, nicht wegen Verzehr der Produkte von Burgerbratereien (schuldig), sondern wegen unfreiwilliger Elektrosmog-Einwirkung (unschuldig), dies dürfte allen Dicken gut gefallen.

Hintergrund
Hier erfährt man von der Danksagung (Acknowledgements), dass für die Bebilderung in Milhams Buch "Dirty Electricity" die vielseitige Magda Havas, Kanada, zuständig war. Eine Hand wäscht die andere. Der Name "Stetzer" (Anbieter unnötiger Produkte gegen Dirty Electricity) taucht in Milhams Buch mindestens 13-mal auf. Stetzer war 3-mal Milhams Co-Autor, auch Magda Havas schwört öffentlich auf Stetzer-Produkte.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Junk-Science, Vocht, Kargo-Kult-Wissenschaft


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