Kargo-Kult-Wissenschaft: Beispiel Kressewachstum (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 23.02.2017, 16:36 (vor 1017 Tagen) @ H. Lamarr

Anno 2013 erschütterte ein Schülerexperiment in Dänemark die Welt der Mobilfunkgegner: Unter W-Lan-Einwirkung wuchs Kresse nicht so wie sie sollte. Nun sind solche Schülerexperimente im Zeitalter von "Jugend forscht" nichts Ungewöhnliches, ungewöhnlich ist vielmehr das, was passierte, nachdem das Experiment der Mädels aus Dänemark weltweit Mobilfunkgegner in Extase versetzte: Zwei ausgewachsene und der Rente nahe Wissenschaftler aus dem Kreis der Anti-Mobilfunk-Szene kündigten an, das Kresse-Experiment der Schülerinnen auf wissenschaftlichem Niveau replizieren zu wollen. Diese beiden sind Olle Johansson, Schweden, und Marie-Claire Cammaert, Belgien.

Zwei Jahre später wurde die "Profiversion" des Schülerexperiments tatsächlich publiziert, doch einiges deutet darauf hin, dass es sich hierbei um pure Kargo-Kult-Wissenschaft handelt. Der niederländische Mathematiker Pepijn van Erp vergibt auf seiner Website für die Studie die Tags "Bad Science" und "Pseudo Science" und hält sie qualitativ für noch schlechter als die Original-Schülerstudie. Van Erp bemängel z.B., dass bei Cammaerts/Johansson anstelle von W-Lan, wie im Original, zwei GSM-Antennen eines Netzbetreibers als Feldquelle verwendet wurden und zur Intensitätsbestimmung ein Hobbymessgerät HF35C aus bayerischer Produktion zum Einsatz kam. Oder dass mit nur nur je zwei Pflanzschalen experimentiert wurde, zwei nahe der GSM-Quelle und zwei weiter davon entfernt. Die Schülerinnen konnten dies qualitativ besser, sie experimentierten mit immerhin sechs Pflanzschalen pro Gruppe. Fragwürdig auch die genannten Immissionswerte, denn ein HF35C kann wahlweise Spitzenwert oder Mittelwert messen. Welchen Wert Cammaerts/Johansson gemessen haben wird nicht verraten, dabei können bei GSM die Unterschiede je nach Auslastung der GSM-Antennen beträchtlich sein. Und so ließen sich sicher noch weitere Schwachstellen der "Replikationsstudie" finden, die den Verdacht weiter erhärten, dass es sich hierbei um Kargo-Kult-Wissenschaft handelt.

Der wissenschaftliche Wert der Studie dürfte niedrig sein wenn nicht sogar Null. Doch warum gibt es sie dann überhaupt? Weil sich die Bevölkerung damit gut beunruhigen lässt und Ängste gegenüber Elektrosmog scheinbar wissenschaftlich gesichert wecken oder schüren lassen. Weltweit hat sich eine Subkultur von "Fachinformationsdiensten" gebildet, die sich auf die Verbreitung von echten und Kargo-Kult-Alarmmeldungen über Elektrosmog/Mobilfunk spezialisiert haben. Abonnenten dieser Dienste sind Selbstständige in diversen Branchen (Baubiologie, Umweltmedizin/Heilpraktiker, Messtechniker ...), die einen mehr oder weniger großen Teil ihrer Umsätze damit bestreiten, ihren Kunden zuvor gezielt injizierte Ängste gegenüber Elektrosmog zu nehmen oder zu mildern. Die Belieferung mit "Besprechungen" von Kargo-Kult-Studien ist für diese Profiteure elementarer Bestandteil des Geschäftsmodells. In Deutschland nimmt die Funktion des Informationsdienstes aus meiner Sicht der "Elektrosmog-Report" wahr (kostenpflichtig) und der Verein Diagnose-Funk (meist unentgeltlich).

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Jugend forscht, Kresse-Experiment, Cargo-Kult, Cammaerts


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