Kargo-Kult-Wissenschaft: Beispiel "Elektrosensibilität" (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 10.05.2022, 11:37 (vor 90 Tagen) @ H. Lamarr

Unter dem anspruchsvoll klingenden Titel "Hochfrequenzinduzierte Hypokalzämie mit rezidivierenden Tetanien" publizierte Dr. med. C. Waldmann-Selsam 2019 in einem wissenschaftlich bedeutungslosen Magazin die Leidensgeschichte einer überzeugten Elektrosensiblen (Suzanne S.). Der Artikel erfüllt mMn die Kriterien von Kargo-Kult-Wissenschaft in eindrucksvoller Weise, besonders deshalb, weil die Allgemeinärztin, die dem Vernehmen nach nie praktiziert hat, bemüht ist, triviale Sachverhalte mit medizinischer Terminologie zu panieren, um sie für Laien eindrucksvoll erscheinen zu lassen.

Das Fehlen jeglichen kritischen Hinterfragens der geschilderten Begebenheiten erklärt sich damit, dass auch die Autorin selbst fest davon überzeugt ist, "elektrosensibel" zu sein. Die Ärztin wollte deshalb aus meiner Sicht mit ihrem Artikel eher Leidensgenossen gefällig sein, als das medizinisch nicht anerkannte Krankheitsbild "Elektrosensibilität" einer Objektivierung näher bringen. So verwandelt Waldmann-Selsam die Erzählungen ihrer Protagonistin auf pseudowissenschaftliche Weise in vermeintliche Tatsachen, ohne auch nur ansatzweise das Bemühen erkennen zu lassen, die geschilderten Sachverhalte auf Plausibilität zu prüfen und quantitativ zu bewerten, um einen kausalen Zusammenhang mit EMF-Einwirkung wenigstens schemenhaft glaubhaft zu machen. Da die Autorin diesen Mehrwert nicht einbringt, sondern Vernommenes nur nacherzählt, müsste mMn als Autorin besser Suzanne S. genannt werden.

Waldmann-Selsam bringt es fertig, fünf Druckseiten über den Leidensweg von Frau S. zu schreiben, ohne sich auch nur ein einziges Mal die Frage zu stellen, ob die "Elektrosensible" sich jemals einem wissenschaftlich strengen Provokationstest unterzog, der ihre behauptete Fähigkeit einer extrem stark ausgeprägten unangenehmen Feldwahrnehmung unter Beweis gestellt hat. Die Medizinerin glaubt blind alles, was S. ihr berichtet. Mit dieser naiven Gutgläubigkeit erlangte sie bereits 2007 durch eine Spiegel-Reportage Popularität.

Anschließend einige kurz kommentierte Splitter aus Waldmann-Selsams Kargo-Kult-Artikel. Sie belegen stellvertretend für weitaus mehr andere, wie die "Wanderärztin" Behauptungen in vermeintliche Tatsachen verwandelt:

[...] Es stellte sich im Nachhinein heraus, dass im August 2006 GPRS-EDGE von T-Mobile eingeführt worden war, eine verbesserte GSM-Technik, die auch in den abgeschirmten Wohnräumen wirksam wurde. [...]

Welches technische Wirkmodell will erklären, warum die geschirmten Wohnräume einer GSM-Exposition standhielten, nicht aber einer GPRS-Edge-Exposition?

[...] Um an ihren Arbeitsplatz zurückkehren zu können, beantragte sie die Kostenübernahme für einen UKW-festen Schutzanzug bei den infrage kommenden Kostenträgern, allerdings vergeblich. [...]

Was Waldmann-Selsam aus nahe liegenden Gründen verschweigt: Frau S. gab sich mit der Absage des Kostenträgers nicht zufrieden, sie klagte gegen den Bescheid vor einem Sozialgericht. Fachgutachter wurden zu Rate gezogen, um vorgetragene Behauptungen von Tatsachen zu trennen. Am Ende unterlag die "Elektrosensible".

[...] Jedoch reichte die kurze Handyverbindung eines Wanderers am 19.09.2014 in der Nähe des Wohnwagens aus, um mit zeitlicher Verzögerung Hypokalzämiesymptome auszulösen. In der Folgezeit achtete Frau S. darauf, dass sich niemand mit eingeschaltetem Handy näherte. [...]

Jeder verständige Mensch muss mMn an der Plausibilität dieser Schilderung zweifeln.

[...] Im August 2012 hatte Frau S. einen Termin vor Sprechstundenbeginn in einer funkfreien Zahnarztpraxis vereinbart. Aufgrund einer unerwarteten Hochfrequenzexposition aus einer Nachbarwohnung traten trotz des Schutzanzuges in den darauffolgenden Tagen deutliche Hypokalzämiesymptome auf. [...]

Ohne mitgeführten HF-Detektor konnte Frau S. an Ort und Stelle eine "unerwartete Hochfrequenzexposition aus einer Nachbarwohnung" nachträglich (Einsetzen der Symptome) bestenfalls vermuten. Waldmann-Selsam versäumt die zwingend erforderliche Frage, wie Frau S. bei erst nachträglich einsetzenden Symptomen zu der genauen Ortsbestimmung der Exposition imstande war. Und warum half der getragene Strahlenschutzanzug plötzlich nicht mehr gegen eine aller Voraussicht nach schwache Exposition aus einer Nachbarwohnung?

Und so weiter und so fort ...

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Täuschung, Waldmann-Selsam, Objektivierung, Befangen, Elektrosensibilität, Junk-Science, Feldwahrnehmung, Plausibilität, Kargo-Kult-Wissenschaft, Hypokalzämiesymptome


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