Kargo-Kult-Wissenschaft: Beispiel Krebscluster (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 24.02.2017, 12:26 (vor 786 Tagen) @ H. Lamarr

Sie machen der Form nach scheinbar alles richtig, aber es funktionierte nicht. Kein einziges Flugzeug landete.

Ein Paradebeispiel für Kargo-Kult-Wissenschaft erschütterte 2008 die Welt: Dr. med. Gerd O., Amtsarzt für Umweltmedizin des Landes Salzburg, veröffentlichte seinerzeit die Aufsehen erregende Studie "Umweltepidemiologische Untersuchung der Krebsinzidenz in den Gemeinden Hausmannstätten & Vasoldsberg". Auf 111 Seiten wies der Mediziner nach scheinbar allen Regeln der wissenschaftlichen Kunst nach, eine in den Jahren 1984 bis 1997 im Ort Hausmannstätten betriebene Mobilfunksendeanlage hatte im Umkreis von 1,2 km auf die Bevölkerung verheerende Auswirkungen: Das allgemeine Krebsrisiko war im Studiengebiet 5- bis 8-fach höher als normal, das Brustkrebsrisiko 23-fach und das Hirntumorrisiko sogar 121-fach. Die Distanzauswertung zeigte für den Bereich 0-200 m um den Sender gegenüber dem Bereich 201-1200 m in allen drei Stichproben ein signifikant erhöhtes Krebsrisiko und damit eine eindeutige örtliche Häufung. Diese Häufung zeigte sich insbesondere für Brust- und Hirntumoren! Die Welt stand unter Schock und Dr. O., ein überzeugter und bis dahin sehr aktiver Mobilfunkgegner, stand auf dem Gipfel seines Wirkens.

Ein Wissenschaftler in der Schweiz bescheinigte Dr. O. eine methodisch gut gemachte Expositionsabschätzung. Zugleich erkannte der Wissenschaftler in der Studie jedoch ein typisches Merkmal des Kargo-Kults der Samoainsulaner. Er gab zu bedenken: Dass Mobilfunkbasisstationen das Krebsrisiko in diesem Ausmass erhöhen, ist jedoch unplausibel. Wäre dies nämlich der Fall, müsste in den letzten Jahren, parallel zum Aufbau der Mobilfunknetze, eine drastische Zunahme der Krebserkrankungen beobachtet worden sein. Dies war nicht der Fall.

Der Verdacht auf Kargo-Kult sollte alsbald Bestätigung finden. Mit einer beglaubigten Luftaufnahme des angeblichen Senderstandorts konnte noch 2008 der Nachweis geführt werden, dass es den Sender am behaupteten Standort gar nicht gegeben hat. Dr. O. hatte sich leichtsinnig auf Behauptungen von Anwohnern verlassen, konnte die Existenz des Senders seinerseits jedoch nicht nachweisen. Im November 2008 musste er deshalb abschwören und seine Studie ersatzlos zurückziehen.

Auf Samoa landeten trotz Pseudoflughafen keine Flugzeuge. Und in Hausmannstätten wartet die Bevölkerung trotz Pseudostudie noch immer auf eine Erklärung für den dortigen Krebscluster.

Doch die Studie erwies sich als unerwartet zählebig. Obwohl sie zu keiner Zeit in einem wissenschaftlichen Journal publiziert wurde, sondern lediglich kurzzeitig als Papier von Dr. O. in Umlauf und auf der Website des österreichischen Bundeslandes Steiermark zu haben war, tauchte das Papier 2013 als Referenz in der großen Studienübersicht der IARC auf (Monograph 102), als wäre nichts gewesen. Dies hätte nicht passieren dürfen, sämtliche Kontrollinstanzen der IARC hatten versagt. Immerhin: Nach einigem hin und her regierte die IARC und nahm im Juli 2013 die Kargo-Kult-Studie aus dem Monograph 102 heraus.

Hintergrund
121-faches Hirntumorrisiko um C-Netz-Sender

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
C-Netz, Krebsrisiko, Hausmannstätten, Cargo-Kult


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