Versteckte Daten (Forschung)

Alexander Lerchl @, Mittwoch, 30.09.2009, 15:12 (vor 3725 Tagen) @ Alexander Lerchl

Fünfte Unstimmigkeit
(eigentlich ist „Unstimmigkeit“ nicht der richtige Ausdruck...)

Im Jahr 2008 wurde folgende Publikation der Wiener veröffentlicht:
Radiofrequency electromagnetic fields (UMTS, 1,950 MHz) induce genotoxic effects in vitro in human fibroblasts but not in lymphocytes.
Autoren: Schwarz C, Kratochvil E, Pilger A, Kuster N, Prof. A. F, Rüdiger HW.
Zeitschrift: Int Arch Occup Environ Health. 81: 755-67 (2008).

Über diese Arbeit ist schon viel berichtet worden, die Herausgeber haben sich sogar für die Publikation entschuldigt, ohne sie jedoch zurückzuziehen (!!). Das soll aber hier nicht weiter diskutiert werden. Wichtig ist, dass in der Arbeit angegeben wurde, dass jeweils 3 Einzeldaten pro Mittelwert eingingen.

Interessant ist vielmehr, dass Teilergebnisse (aus Abb. 1 der Publikation) bereits früher auf einem Kongress in Bordeaux vorgestellt wurden: P-92 DNA-damaging effects of UMTS electro magnetic fields in human cells in vitro. E. Kratochvil, C. Schwarz, A. Pilger, F. Prof. A., H. Rüdiger. Alle 10 Daten in dem Poster stimmen mit den Daten in der Veröffentlichung 100% überein (bis auf eine kleine Diskrepanz: 4,4 anstatt 4,5).

Auch das wäre nicht berichtenswert, da es üblich ist, Ergebnisse oder Teilergebnisse von Untersuchungen vorab auf einem Kongress zu zeigen. Berichtenswert ist es aber in diesem Fall schon, da durch einen (un)glücklichen Zufall die Originaldaten der eingereichten Beiträge online verfügbar waren. Ein aufmerksamer Student, den ich vorher nicht kannte und der nicht an meiner Universität studiert hat oder studiert, hat mir diese Datei zugeschickt. Da ich das, was ich fand, kaum glauben wollte (gesunde Skepsis), habe ich mich an anderer Stelle erkundigt, ob auch dort diese Datei vorlag. Sie lag.

Wenn man die Datei anschaut (Word-Datei), dann ist es auf den ersten Blick ein normales Dokument (Eigenschaften: erstellt von „Kratochvil“ am 10.10.2006). Wenn man aber mit einem Rechtsklick auf die Grafik klickt, kann man die hinter dieser Grafik liegende Excel-Datei öffnen! (im Englischen Word ist es Chart Objekt -> Open). (Eigenschaften: erstellt von „Claudia Schwarz“ am 13.7.2006). [Anm. Admin: Wer auf seinem PC kein "Excel" installiert hat, kann die verborgene Excel-Datei nicht öffnen]

Geht man in der Excel-Tabelle auf die Zellen P5 bis P9 bzw. P70 bis P74, so sieht man Erstaunliches: Die Mittelwerte wurden aus 12 Einzelwerten berechnet und nicht aus 3, wie in der Publikation angegeben. Die Angaben in der Veröffentlichung sind demnach schlicht falsch. Dieser Befund ist auch deswegen wichtig, weil die Statistik in der Veröffentlichung eine sehr seltsame war. Es wurde ein recht unempfindlicher Test durchgeführt, wobei die Daten der scheinexponierten Proben (Anzahl 3) und der Negativkontrollen (Anzahl 3) zusammengefasst und mit den Werten der exponierten Proben (Anzahl 3) verglichen wurden. Dieser Test konnte nur in einer relativ harmlosen Signifikanz enden (P = 0.02). Wäre dieser Vergleich mit 12 Proben durchgeführt worden, wären extreme Signifikanzen herausgekommen (P < 0.0001).

Noch schlimmer (ja, es wird noch schlimmer) ist folgender Befund: Geht man auf die Zahlen in Spalte B (dort stehen die Anzahlen der A-Zellen), so stellt man fest, dass viele Daten nicht eingetragen wurden (z.B. B11 – B13), sondern berechnet wurden (500 – Summe der B, C, D und E Zellen). Wurden sie also gar nicht gezählt? Da der Rektor der Medizinischen Universität Wien dezidiert ausgeführt hat: „Eine vom Rektor der Medizinischen Universität daraufhin - und auch im Zuge einer Reorganisation des Bereichs Arbeitsmedizin - angeregte unabhängige statistische Begutachtung der Daten legt nun tatsächlich den Verdacht nahe, dass diese nicht experimentell gemessen, sondern vielmehr fabriziert wurden.”, mag man anfügen, dass, wenn gefälscht wurde, dies auch noch recht schlampig geschah.

Ich habe übrigens alle Autoren seinerzeit über diesen Befund informiert und auf meine Frage, wie sie sich dazu äußern, keine Antwort erhalten.

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"Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Vince Ebert

Tags:
UMTS-Studie, Schweigen, Reflex, Wissenschaftliches Fehlverhalten, Rüdiger, MUW, Laborantin, Signifikanz, Kuster, Lerchl, EBEA


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