Stoa-Finale: 5G-Health-Review wurde ohne Ausschreibung vergeben (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 13.08.2022, 20:56 (vor 117 Tagen) @ H. Lamarr

Bislang bin ich von der Annahme ausgegangen, der Auftrag für den Stoa-Bericht "Health impact of 5G" sei nach einer öffentlichen Ausschreibung des Projekts an die überzeugte Mobilfunkkritikerin Fiorella Belpoggi gegangen. Doch diese Annahme trifft nicht zu. Mit dieser erhellenden Erkenntnis schließe ich die Recherchen im "Fall Stoa" ab. Denn der Sachverhalt liegt wie ein offenes Buch da, ihn auch noch beweisen zu wollen wäre unverhältnismäßig.

Wie das IZgMF bei Recherchen in Brüssel erfahren hat, ging der Auftrag direkt an Belpoggi, da das Auftragsvolumen unter 15'000 Euro liegt und deshalb gemäß den Auftragsvergaberegeln der EU für externe Dienstleister keine öffentliche Ausschreibung des Projekts erforderlich war. Die Quelle dieser Information möchte ich nicht nennen, sie ist jedoch über jeden Zweifel erhaben.

Die Information ist ein entscheidendes Teil in dem Puzzle des unglücklich verlaufenen Stoa-Projekts "Health impact of 5G". Denn jetzt steht für mich fest: Die beiden mobilfunkkritisch eingestellten Stoa-Projektleiter (Lead-Panel-Member) Ivo Hristov (S&D, BG) und Michèle Rivasi (Greens/EFA, FR) haben den Auftrag gezielt an die Italienerin vergeben. Auf diese Weise konnten sie davon ausgehen zu bekommen, was sie sich erhofft haben und genau so kam es dann auch.

Stoas Instrumente der Qualitätssicherung

In der Stoa-Geschäftsordnung steht nichts über die genauen Modalitäten eines Studienauftrags an externe Autoren, mutmaßlich weil dies übergeordnet auf EU-Ebene geregelt ist. Das entsprechende Dokument habe ich bei Stoa angefragt, ob ich es bekomme steht in den Sternen. Was die Geschäftsordnung in Bezug auf externe Dienstleister regelt, lässt sich den Artikeln 5 (Verträge mit externen Anbietern wissenschaftlicher Dienstleistungen) und 6 (Studien zur technologischen Bewertung und wissenschaftlichen Vorausschau) entnehmen. Diese machen deutlich, dass Stoa durchaus Instrumente zur Qualitätssicherung gehabt hätte, diese im Fall des Stoa-Berichts "Health impact of 5G" jedoch nicht genutzt hat.

Unerklärlich selektive Qualitätssicherung

So wurde der fragliche Bericht vor Veröffentlichung offenbar keinen Gutachtern zur Peer-Review vorgelegt, wie es gemäß Artikel 6 der Geschäftsordnung möglich gewesen wäre, denn der Bericht nennt an der dafür vorgesehenen Stelle keine Gutachter. Dies ist deshalb auffällig, weil der zum selben Zeitpunkt von denselben Lead-Panel-Members vergebene zweite Stoa-5G-Bericht (Environmental impacts of 5G) sehr wohl von zwei Gutachtern geprüft wurde (siehe PDF-Seite 4)! Hier hapert es zweifellos an der Balance zwischen den beiden Berichten. Der spektakuläre von Belpoggi wurde ohne erkennbare Peer-Review von Stoa durchgewunken, der unspektakuläre von Arno Thielens, Universität Gent, Belgien, musste sich hingegen einer Peer-Review unterziehen. Warum ausgerechnet Thielens Paper? Hofften die beiden Projektleitern vielleicht, die beiden Gutachter würden ihren Segen verweigern und den Autor zur Berücksichtigung alarmierender, qualitativ jedoch bescheidener Studien nötigen? Wir werden es wohl nie erfahren. Tatsache ist: Die ungeprüfte Belpoggi-Review wird von dem deutschen Verein Diagnose-Funk nach allen Regeln des Populismus bis an die Grenze zur Lächerlichkeit verwurstet, die geprüfte Thielens-Review jedoch ignoriert der Verein bis heute sowohl auf seiner Website als auch in seiner Alarmstudiendatenbank EMF-Data zu 100 Prozent.

Freispruch aus Mangel an Beweisen

Die Faktenlage lässt bei Licht besehen kaum Zweifel zu, dass Stoa von zwei seiner Mitglieder instrumentalisiert wurde, um Gesinnungsfreunden einen alarmierenden Stoa-Bericht über die gesundheitlichen Auswirkungen von 5G präsentieren zu können. Zu einem Stoa-Skandal würde dieser Sachverhalt jedoch erst, wenn sich nachweisen ließe, die beiden Projektleiter hätten von der mobilfunkkritischen Überzeugung der Autorin Belpoggi gewusst und deshalb ihr den Auftrag gezielt zugeschanzt. Diesen Nachweis kann ich aus der Distanz jedoch nicht erbringen, dazu müsste in Brüssel eine pompöse Anhörung mit Zeugeneinvernahme stattfinden. Doch dazu ist das Belpoggi-Papier, das von Stoa selbst nur als einer von vielen Diskussionsbeiträgen zum mutmaßlichen Risiko 5G gesehen wird, zu unbedeutend, zumal den Projektleitern formal kein Regelverstoß nachzuweisen ist. Meine Recherche um die Auftragsvergabe an Belpoggi endet damit für mich wie so manches Gerichtsverfahren, bei dem jeder weiß, der Angeklagte ist schuldig, muss aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden. Immerhin habe ich im Verlauf meiner Korrespondenz den Eindruck gewonnen, auch Stoa-Führungskräfte sind im nachhinein zu der Einsicht gekommen, die Auftragsvergabe der 5G-Health-Review an eine überzeugte Mobilfunkkritikerin war nicht das Gelbe vom Ei. Einen Coup, wie ihn Hristov und Rivasi landen konnten, wird es deshalb in Brüssel wohl so schnell nicht noch einmal geben :lookaround:.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Peer-Review, Rivasi, Belpoggi, Health impact of 5G, Hristov, STOA-Kampagne, STOA-Studie, STOA-Bericht, 5G Health Review, Thielens


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