Faktencheck: Diagnose-Funk feiert neue Stoa-Studie der EU (I) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 28.08.2021, 01:22 (vor 345 Tagen)

Diagnose-Funk nutzt die kommende Bundestagswahl, um sich mit einer neuen "EU-Studie", einer alarmierenden Review über angebliche Gesundheitsrisiken von 5G in Szene zu setzen. Doch wie immer bei diesem Verein: Schaut man genauer hin, bleibt von der kernigen Ankündigung nicht viel übrig. Dieser Faktencheck gilt nicht dem Inhalt der Review, sondern den fragwürdigen Umständen, unter denen dieses Papier zustande kam. Die Recherchen deuten auf eine herbe Fehlfunktion in der Stoa-Lenkungsgruppe des EU-Parlaments hin. Ob sich daraus ein handfestes Skandälchen entwickelt ist noch nicht entschieden.

Die selbsternannte Umwelt- und Verbraucherorganisation Diagnose-Funk fordert im laufenden Bundestagswahlkampf von den Parteien und Kandidaten, ihre Mobilfunkausbaupläne mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen abzugleichen. Der Stuttgarter Verein verweist dazu auf eine neue Übersichtsarbeit (Review) des italienischen Ramazzini-Instituts, die angeblich im Auftrag des EU-Parlaments erstellt worden ist.

Schauen wir uns mal genauer an, was den Verein so aus dem Häuschen bringt.

Health impact of 5G

Die Review, um die es geht, hat den Titel Health impact of 5G (Gesundheitliche Wirkung von 5G), umfasst 198 Seiten und wurde am 22. Juli 2021 von eben derjenigen Lenkungsgruppe des Europaparlaments veröffentlicht (Stoa), die sich mit Wissenschaft und Technikfolgenabschätzung befasst (Panel for the Future of Science and Technology).

Was narrative und systematische Reviews unterscheidet

Eine Review ist keine experimentelle Studie. Sie kann daher per se keine grundsätzlich "neueste wissenschaftliche Erkenntnisse" hervorbringen wie von Diagnose-Funk behauptet, da ihre Autoren lediglich bereits vorhandene Literatur zum Thema der Review sammeln, analysieren und bewerten. Die Existenzberechtigung einer Review besteht darin, den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zu einem Thema zusammen zu fassen. Qualitativ anspruchsvoll und aussagekräftig ist eine solche Review dann, sammeln ihre Autoren Studien nicht einfach subjektiv und unsystematisch nach Lust und Laune ein (narrative Review, auch selektive Literaturübersicht genannt), sondern nach zu Beginn genau festgelegten Ein- und Ausschlusskriterien (systematische Review). Ein zentral wichtiges Ausschlusskriterium sind z.B. Studien geringer Qualität. Nur systematische Reviews haben das Potenzial, aus sorgfältig zusammengeführten (gepoolten) Daten mehrerer Einzelstudien eine genauere Effektabschätzung abzuleiten als die Einzelstudien.

Die "EU-Studie" ist eigenen Angaben zufolge keine systematische Review, sondern eine narrative, also eine subjektive Review ohne nennenswerten wissenschaftlichen Neuheitenwert [Ergänzung vom 5. Juli 2022: siehe dazu auch hier].

Review-Autorin ist bekennende Mobilfunkkritikerin

Da bei einer narrativen Review die Autoren bei der subjektiven Studienauswahl eine entscheidende Rolle spielen, schauen wir uns jetzt die Autoren an.

Diagnose-Funk spricht in seiner Pressemitteilung von "die Autoren der Studie", die Review selbst benennt jedoch allein Dr. Fiorella Belpoggi als Autorin. Eine narrative Review von einer einzigen Autorin ist, wie man sich leicht denken kann, extrem anfällig für subjektive Verzerrungen bei der Literaturauswahl, der Analyse und der Bewertung der ausgewählten Studien. Wäre die Autorin Belpoggi ein unbeschriebenes Blatt ohne Vorgeschichte, könne man ihr Neutralität und ein Arbeiten nach bestem Wissen und Gewissen zuschreiben. Die Forschungsdirektorin des Ramazzini-Instituts aber ist kein unbeschriebenes Blatt, sie ist ohne Wenn & Aber dem Lager der mobilfunkkritisch eingestellten Wissenschaftler zuzuordnen, was Fragen zu ihrer Ergebnisoffenheit aufwirft.

Die Italienerin beteiligte sich seit 2006 an mindestens fünf mobilfunkkritischen Zusammenkünften, Resolutionen oder Appellen. Dies ergab eine 2017 durchgeführte Recherche des IZgMF. Seinerzeit haben wir sechs mobilfunkkritische Wissenschaftler-Aktionen im Zeitraum von 2002 bis 2017 ausgewertet, ab 2006 hat Fiorella Belpoggi an jeder Aktion teilgenommen. Welche Aktionen ausgewertet wurden ist hier ersichtlich. Nur drei Wissenschaftler (Martin Blank, Lennart Hardell und Henry Lai) waren noch häufiger beteiligt als Belpoggi. Aktionen, die nach Februar 2017 stattfanden, sind in dieser Auswertung nicht enthalten.

Zum Zeitpunkt der Auswertung war Belpoggi hierzulande bestenfalls in Fachkreisen bekannt, was daran liegt, dass sie sich bis 2018 mit den weniger spektakulären niederfrequenten (50 Hz) EMF-Wirkungen befasste und erst ab 2018 auf hochfrequenten Elektrosmog umsattelte. Mit der alarmierenden "Ramazzini-Studie" (Tumoren in Ratten bei HF-EMF-Exposition in Grenzwertnähe) gelang Belpoggi allerdings auf Anhieb ein viel beachteter Wirkungstreffer, besonders in der internationalen Anti-Mobilfunk-Szene, der allerdings auch nicht lange ohne die obligatorische Kritik blieb.

Belpoggi ist spätestens seit Beginn ihrer alarmierenden Rattenstudie fester Bestandteil der internationalen wissenschaftlichen Anti-Mobilfunk-Szene. So trat sie z.B. bereits im Januar 2017 auf einer von ihrer Gesinnungsgenossin Devra Davis, USA, organisierten Veranstaltung in Israel auf, um über den Fortgang ihre Rattenstudie zu berichten. Auf den großen BioEM-Tagungen, den Jahrestreffen der Bioelektromagnetiker aus aller Welt, konnte ich sie von 2017 bis 2019 hingegen nicht als Referentin ausfindig machen.

Treibende Kraft für die Belpoggi-Review war nicht das EU-Parlament

In Anbetracht von Belpoggis zurückliegenden Aktionen als Mobilfunkkritikerin wäre ein anderes Ergebnis ihrer Forschung im krassen Widerspruch zu ihrer Überzeugung gestanden. So aber passen Überzeugung und Forschungsergebnisse widerspruchsfrei zusammen. Dies kann, muss aber nicht, ein Indiz für mangelnde Ergebnisoffenheit der Wissenschaftlerin sein.

Für die Italienerin spricht, dass sie nicht heimlich mobilfunkkritisch ist, sondern seit 2006 ihrer kritische Haltung zum "Risiko Mobilfunk" öffentlich bekundet. Doch ausgerechnet eine bekennende Mobilfunkkritikerin mit der Review "Health impact of 5G" zu beauftragen, die dann noch dazu narrativ ausfiel, das halte ich für äußerst befremdlich. Denn die von Diagnose-Funk vorgetragenen Ergebnisse des Papiers passen nahtlos zu dem, was von Belpoggi von vornherein zu erwarten war. Doch es ist anzunehmen, dass ein anderer Autor oder ein Autorenkollektiv zu ganz anderen Ergebnissen gekommen wäre. Das hätte auch die Stoa-Gruppe des EU-Parlaments recherchieren und pflichtbewusst den Auftrag anderweitig vergeben können. Hat sie aber nicht. Immerhin geht die Belpoggi-Review zur Kenntnisnahme an alle Abgeordneten des EU-Parlaments.

In Teil II des Faktenchecks geht es deshalb darum, wie es zur Beauftragung Belpoggis durch Stoa gekommen ist. Diagnose-Funk versucht den Eindruck zu erwecken, das EU-Parlament (705 Abgeordnete) hätte diesen Auftrag erteilt, was natürlich Quatsch ist. Wenn überhaupt, dann geht der Auftrag auf die Kappe der 27 EU-Parlamentarier, welche die Lenkungsgruppe bilden. Meinen Recherchen zufolge sind auch das noch viel zu viele, denn die treibende Kraft hinter der "EU-Studie" sind sage und schreibe nur zwei Abgeordnete. Das wirft Fragen auf, ob Stoa im konkreten Fall korrekt gehandelt oder sich widerstandslos hat instrumentalisieren lassen.

[Admin: Stoa ist kein Ausschuss, sondern eine Lenkungsgruppe des EU-Parlaments; berichtigt am 29.08.2021]

Wird fortgesetzt ...

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
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