Stoa-Bericht: neue Stellungnahme des BfS (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 02.08.2022, 22:27 (vor 64 Tagen) @ H. Lamarr

Um einem Sucherei zu ersparen, hättest du deiner Quelle einen Link hinterlegen können :-(.

In dem 5-seitigen PDF behaupten die Stuttgarter Blähboys nach wortreicher Herleitung selbstsicher:

Fakt ist: Die STOA-Studie ist von ihrer Methodik her ein Scoping Review (kein narrativer Review). Sie ist eine fundierte, wichtige Studie. Für Politikerinnen und Politiker ist sie Basis für verantwortliches Handeln.

Das Bundesamt für Strahlenschutz teilt in einer heute veröffentlichten Stellungnahme (Volltext) zum Stoa-Bericht "Health Impact of 5G" die wohlwollende Deutung von Diagnose-Funk nicht. In seiner kritischen Stellungnahme sieht das Amt bei der Bewertung der Qualität der in dem Bericht berücksichtigten Studien definierte wissenschaftliche Kriterien nicht ausreichend berücksichtigt:

[...] Ein Scoping Review ist definitionsgemäß explorativ und kann verschiedene Ziele verfolgen, bspw. die Schlüsselkonzepte eines Forschungsbereichs abbilden, Arbeitsdefinitionen erstellen oder die inhaltlichen Grenzen eines Themas abstecken [1]. Üblicherweise wird bei dieser Art der Literatursondierung die Qualität der einzelnen Studien nicht berücksichtigt. Dies kann aber optional durchgeführt werden. Die Autorin gibt an, Qualitätskriterien bei der Auswahl und Bewertung der Studien berücksichtigt zu haben.

Hier setzt der Hauptkritikpunkt des BfS an dem Bericht an. Die Durchsicht der von der Autorin in die Bewertung aufgenommenen Studien zeigt deutlich, dass definierte wissenschaftliche Kriterien bei der Bewertung der Qualität der Studien nicht ausreichend berücksichtigt worden sind. Vielfach weisen sowohl die berücksichtigten tierexperimentellen Studien als auch die epidemiologischen Studien Einschränkungen und Defizite bei der Durchführung auf (z.B. fehlende Verblindung, keine adäquate Expositionsanlage mit kontrollierten Expositionsbedingungen, fehlende oder nicht ausreichende Berücksichtigung von Confoundern, d.h. Störvariablen). Diese Studien werden von der Autorin dennoch – ohne Einschränkung – als adäquat bewertet. Die mangelhafte Qualität und damit Aussagekraft dieser Studien wurde von der Autorin in der Bewertung und Schlussfolgerung nicht ausreichend beachtet. [...]

Kommentar: Das IZgMF sieht sich von der BfS-Stellungnahme in seinen Vorbehalten gegen die Autorin des Stoa-Berichts bestätigt. Fiorella Belpoggi ist, wie weiter oben mit Quellen belegt, ohne Wenn & Aber eine langjährige überzeugte Mobilfunkkritikerin. Diese Überzeugung trübt das Urteilsvermögen und erklärt schlüssig, warum sie in ihre Review Studien von mangelhafter Qualität eingeschlossen und nicht ausgeschlossen hat. Denn auf diese Weise konnte sie in Übereinstimmung mit ihrer Überzeugung zu alarmierenden Schlussfolgerungen gelangen und zugleich den Habitus von seriöser ergebnisoffener Wissenschaftlichkeit gegenüber fachlichen Laien aufrecht erhalten. Die Verzerrung erkennt nur, wer fachlich kompetent ist und sich die Mühe macht, Stichproben der im Bericht berücksichtigten Studien gründlich zu analysieren.

Die vom BfS aufgedeckte Schwäche bei Belpoggis Studienbewertung ist weder neu noch ein Einzelfall, sondern typisch für meinungsmachende Mobilfunkkritiker. Dies zeigt schlüssig das Dokument "Divergierende Risikobewertungen im Bereich Mobilfunk" (Volltext). Das Papier erforscht das Phänomen, warum trotz derselben Datenbasis (Bestand an Studien aller Qualitätsstufen) in der Mobilfunkdebatte divergierende Studienbewertungen geradezu programmiert sind. Die Differenzen, heißt es, könne man mit zwei Faktoren erklären: Einerseits mit der Faktenbasis, auf welche die beiden Streitparteien ihre Bewertungen stützen, andererseits mit der Wertorientierung, nach der sie unsichere wissenschaftliche Aussagen beurteilen.

Institutionen, die sich primär auf wissenschaftliche Evidenz verlassen (und diese systematisch oder zumindest umfassend analysieren), kommen dem Papier zufolge zu gleichen oder sehr ähnlichen Risikoeinschätzungen. Qualitativ geben diese Einschätzungen eher wenig Anlass zur Besorgnis. Organisationen, welche die wissenschaftliche Datenbasis selektiv und nur spärlich nutzen, die auch außerwissenschaftliche Evidenzen berücksichtigen und die Studienresultate primär politisch – im Sinne der Vorsorge – bewerten, kommen mehrheitlich zu einer warnenden bis alarmistischen Beurteilung.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
STOA, BfS, Verblindung, Studienbewertung, Stellungnahme, Confoundern, Belpoggi, Blähboy, Divergierende Risikobewertung, Methodische Schwächen, Scoping, Ergebnisoffen, Expositionsanlage, mangelhafte Qualität


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