Sitzungsprotokoll zum Fälschungsskandal - Verwirrendes (Forschung)

H. Lamarr @, München, Samstag, 24.07.2010, 17:11 (vor 3424 Tagen) @ KlaKla

Die sogenannte Komptenzinitiative (KOI) verbreitet im Juli 2010 folgende Behauptung:

"3. Schließlich geht es – über Diffamierungen durch das IZgMF-Forum hinaus – um die allgemeine Frage, ob man Fälschungsbehauptungen öffentlich verbreiten darf, die ein damit befasster Rat für Wissenschaftsethik der Medizinischen Universität Wien bereits im Juli 2008 zurückgewiesen hat und die auch vom Fortgang der Forschung widerlegt worden sind."

Meiner Meinung nach suggeriert er dem Lesern eine Tatsachenbehauptung. Das Protokoll des Wiener Ethikrats aus dem Jahr 2008 sei zeitgleich der Allgemeinheit öffentlich einsichtig gemacht wurde. Meines Wissen nach stand das Protokoll jedoch offiziell unter Verschluss. Und genau darüber beschwerte sich Prof. A. z.B. hier.

Prof. A.: „Das Sitzungsprotokoll, das aus unverständlichen Gründen als Geheimdokument behandelt und nicht veröffentlicht wird, […] belegt überzeugend, dass die Vorwürfe gegen die Arbeitsgruppe mit großer Wahrscheinlichkeit unzutreffend sind. (Datum: 24.11.2008)

Verwirrend ist: Beide Streitparteien sehen in dem Sitzungsprotokoll vom 24. Juli 2008 eine Stärkung ihrer Position.

Was Prof. A in das Dokument hinein interpretiert hast du oben ja schon geschrieben: "[…] belegt überzeugend, dass die Vorwürfe gegen die Arbeitsgruppe mit großer Wahrscheinlichkeit unzutreffend sind."

Prof. Lerchl dagegen sieht in dem Sitzungsprotokoll einen skandalösen "Deal": "Der Rat für Wissenschaftsethik ist der Auffassung, dass mit dieser Zurückziehung [Anm. spatenpauli: gemeint ist die Retraktion der UMTS-Studie] das Problem mit der Publikation aus dem Jahr 2005 keiner weiteren Ermittlung oder Erörterung bedarf. Dies wird als Teil der gütlichen Übereinkunft mit Prof. Rüdiger festgehalten."

Wer nun glaubt, Lerchls Gegenspieler würden diesen "Deal" bestreiten, der irrt. Sie bestätigen ihn sogar und sehen sich nicht als Täter, sondern als Opfer. Ersichtlich wird dies als folgender Passage in der Profil-Veröffentlichung vom 24. November 2008:

"Nachdem Wochen vergangen waren, ohne dass die Fälschung eindeutig bewiesen oder widerlegt werden konnte, schlug Rektor Schütz – laut Rüdiger – einen „Deal“ vor: Rüdiger sollte von sich aus eine der beiden fraglichen Studien aus formalen Gründen zurückziehen. Im Gegenzug würde er den Fälschungsvorwurf bei beiden Studien fallen lassen. Rüdiger willigte in den Handel ein, weil er seinen ehemaligen Mitarbeitern, die ihre wissenschaftlichen Karrieren noch vor sich haben, eine weitere Rufschädigung ersparen wolle."

Die Untersuchungskommission, die gegenwärtig die Fälschungsvorwürfe gegen die Studien der Arbeitsgruppe Rüdiger prüft und zu einem Urteil gelangen muss, ob diese nun zutreffend sind oder nicht, ist um diese Aufgabe wahrlich nicht zu beneiden. Die Begleitumstände der Wiener "G'schichten" sind außerordentlich verwickelt und verwoben - der dem Ganzen zugrunde liegende Verdacht steht dagegen auf dem festen Boden statistischer Gesetzmäßigkeiten. Juristen kennen so eine Situation seit Jahrhunderten: Wenn ein Beschuldigter eine Tat bestreitet und kein Geständnis ablegt, entscheiden (normalerweise) die Indizien darüber, ob er frei oder schuldig gesprochen wird.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Profil, Göbel, UMTS-Studie, Wissenschaftliches Fehlverhalten, Verdünnungsstrategie, Retraktion, Lerchl, Ethikrat, Deal, Fälschungsvorwurf


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