Herr W.K. II (Forschung)

M. Hahn, Dienstag, 14.11.2006, 21:11 (vor 6371 Tagen) @ M. Hahn

Um die zu untersuchenden Studien zu finden, haben die Wissenschaftler einige Suchbegriffe in drei spezialisierte Internet-Datenbanken für wissenschaftliche Studien eingegeben. Unter den verwendeten Suchbegriffen fehlten u. E. mindestens die folgenden: autonomic und vegetative (für vegetatives Nervensystem), corticosteroid (Cortisol), endocrine (hormondrüsenbezogen), stress, epinephrine und adrenaline (Adrenalin). Denn aus zahlreichen Studien ist bereits hinlänglich bekannt
(das bleibt eine Behauptung)
und musste auch den Berner Wissenschaftlern bekannt sein, dass kurzfristige Bestrahlung mit Mobiltelefonen eine eher als positiv wahrgenommene, angeregte Stressreaktion hervorruft, welche mit diesen fehlenden Suchbegriffen assoziiert wird.
Angesichts der von den Autoren abgefragten Dinge wie u.a. Hormon(e), Reaktion, Herzfrequenz, EEG klingt diese Kritik beckmesserisch. W.K. sollte mal Beispiele bringen für relevante Studien, die sich ohne seine Ergänzungen nicht finden lassen.
Langfristige Bestrahlung durch Mobilfunk-Basisstationen führt hingegen eher zu Schlafstörungen und ähnlichen negativ wahrgenommenen Stresssymptomen das, welche beispielsweise mit dem von den Berner Wissenschaftler tatsächlich verwendeten Suchbegriff "melatonin" assoziiert werden.
Die genannten Wirkungen von Basisstationen sind keine Tatsachen, sondern eine von Herrn W.K. nicht belegte Behauptung. W.K. baut darauf eine subtile Unterstellung auf: Handys haben bekanntermaßen keinen Einfluss auf Melatonin, wohl aber Basisstationen. In dieser Abfrage zu Handystudien wurde als Vernebelungstaktik bewusst nach Melatonin, nicht aber nach den tatsächlich bekannten Effekten und damit ins Leere gefragt. Das ist ein Kartenhaus, schon weil die Eingangsvoraussetzungen bloss behauptet, nicht aber belegt werden.

Die Berner Wissenschaftler haben nicht darauf aufmerksam gemacht, dass wohl der Grossteil derjenigen von der Mobilfunkbranche finanzierten Studien, welche für die Sponsoren unvorteilhafte Ergebnisse ergeben haben, analog zu dem was nachgewiesenermassen bei der Pharmaindustrie üblich war, in einer Schublade statt im wissenschaftlichen Journal endeten.
Dieser Satz ist reine Polemik, im Sinne einer konkreten Kritik hat er den Inhaltswert Null.. Man solle auf etwas aufmerksam machen, dass "wohl" vorkomme. Anderswo sei es "nachgewiesenermaßen" auch so. Die Frage, was es denn konkret mit dem "nachgewiesenermaßen bei der Pharmaindustrie" konkret auf sich hat, würde hier zu weit führen. Als kleiner Einstieg zum Nachdenken dient vielleicht das hier.

Nicht verglichen wurden die Studien zur konkreten Art, wie die Probanden überhaupt selektiert wurden, beispielsweise bei welchen Studien gezielt nur gesundheitlich besonders robuste, junge Probanden selektiert wurden, bei denen die Bestrahlung voraussehbar keine oder rasch und von selbst kompensierende biologische Wirkungen auslöst.
Der eigentliche Grund für die Auswahl altershomogener und bevorzugt junger Probandenkollektive ist Herrn W.K. anscheinend nicht bekannt: Mit steigendem Alter steigt sowohl die inter- als auch die intraindividuelle Streuung der in Provokationsstudien erfassten physiologischen Paramter. Mit Gruppen stark gemischten Alters und höherem Altersdurchschnitt lassen sich subtile Effekte nur mit wesentlich schlechterer Empfindlichkeit nachweisen. Dies kann sich Herr W.K. gern von Praktikern z.B. in der BAuA Berlin erläutern lassen. Ob Sie ihn mit seiner These, Untersuchungen würden mit bewusst auf "no effekt" selektierten Probenden erfolgen, überhaupt als Gesprächspartner ernst nehmen, ist die Frage.

SAR bestimmen: Die spezifische Absorptionsrate (SAR) für strahlungsbedingte Wärme wurde für die Probanden berechnet, und zwar aus der Art und der Stärke der Bestrahlung, dem Abstand und einem mathematischen Modell für den Körper des Probanden. Die Mobilfunkstrahlung ist zu schwach, um eine Wärmewirkung zu erzeugen, die beim Probanden messbar ist; sie wird daher mit Hilfe von Computerprogrammen simuliert, was unterschiedlich aufwändig erfolgen kann.
Herr W.K. hat anscheinend die SAR-Definition schon in ihren Anfangsgründen nicht recht verstanden. SAR ist eine Absorptionsrate für Energie, nicht für Wärme. Die absorbierte Energie kann, wenn groß genug, in relevante Wärme umgesetzt werden. Ist das nicht der Fall, so gibt es dennoch eine SAR. SAR ist nicht deshalb beim Probanden nicht messbar, wenn bzw. weil sie keine messbare Wärme freisetzt, sondern weil es so schwierig ist, in Probanden Messsonden zu implantieren... Die SAR Messung nach der Produktnorm EN 50361 hat z.B. überhaupt nichts mit Wärme oder Temperatur zu tun.
Wenn bereits früher benutzte Versuchseinrichtungen gemietet werden, und wenn frühere Berechnungsprogramme übernommen werden, dann ist die SAR-Bestimmung weniger aufwändig - die vorhandene Forschungsinfrastruktur (Hard- und Software) ist aber überwiegend im Besitz oder im Einflussbereich der Mobilfunkbranche, was die Forschung durch Aussenseiter praktisch verunmöglicht.
Wieder ein scheinplausibles Argument. Unabhängig davon ob es überhaupt zutrifft, dass Tools zur SAR-Messung und -berechnung "in der Hand der Industrie" sind, kann man solche im Rahmen einer Studie erforderlichen Dienstleistungen gewiss einkaufen. Formulierungen wie "oder Einflussbereich" sind ein weiteres Beispiel für subtil eingewobene tendenziöse Polemik. Ein Beispiel bitte nur für eine Messapparatur oder eine Berechungsanlage, die -wiewohl nicht im Besitz der Industrie- auf Betreiben der Industrie einem Interessierten Dritten nicht zur Verfügung gestellt wurde.

Diese vier aufgeführten Qualitätskriterien
[Randomisierung, Doppelblind, SAR-Bestimmung, statistische Analyse M.H.]
der Berner Wissenschaftler waren rein äusserliche, welche aber gleichzeitig finanziellen Aufwand bei der Durchführung der Studien bedeuten. Die Berner Untersuchung hat bei ihrer Qualitätsbeurteilung weder den Arbeitsaufwand noch das wissenschaftliche Niveau der beteiligten Wissenschaftler beurteilt, sondern ausschliesslich, ob und in welchem Ausmass diese vier von den Verfassern willkürlich als Qualitätskriterien bestimmten Verfahrensschritte überhaupt angewandt wurden.
Wer auch immer Herr W.K. ist, die Bezeichnung dieser vier Kriterien als "rein äußerlich", als "willkürlich als Qualitätskriterium ausgewählt" zeigt, dass er mit wissenschaftlicher Forschung kaum etwas zu tun haben dürfte. Ebenso wie die Forderung, stattdessen den "Arbeitsaufwand" (in Stunden?) als Qualitätsmaßstab zu nehmen. Den Vorschlag, das "wissenschaftliche Niveau" des Wissenschaftlers (anstelle desjenigen der Studie?) zu bewerten, will ich weder weiter hinterfragen noch kommentieren.

Tags:
Vernebelung


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