Herr W.K. (Forschung)

M. Hahn, Dienstag, 14.11.2006, 21:08 (vor 6359 Tagen)

Herrn W.K. neuer Text reizt mich zu einigen Anmerkungen. Eine zentrale Botschaft W.K.s ist: Gemischt finanzierte Studien sind mitnichten dem Grunde nach qualitativ die besten, sie wurden nur (vermutlich) mit doppelt so viel Forschungsgeld ausgestattet.
Der beim ersten Hinsehen irgendwie kundig klingende Text ist beim zweiten Hinschauen eine Ansammlung unbewiesener, aber wie selbstverständlich en passant fallen gelassener Behauptungen. Auf diesen baut er eine wegen des Fehlens der Belege hoch spekulative Theorie. Waghalsige Therien sind das Eine, sie statt als Hypothese als Wahrheiten zu verkaufen ("Schulbeispiel", "wir haben oben gesehen, dass...") schon etwas anderes.
Aber besonders unangenehm finde ich, dass Herr W.K. sich eines nicht verkneifen konnte, was er anderen vorwirft: Wortwahl mit Propagandawirkung.
Am unangenehmsten ist, dass er nicht dabei stehen bleibt, den von ihm angegriffenen Autoren Fehlschlüsse vorzuwerfen:
Eine Kernaussage der Studie "Gemischt finanzierte Studien haben die höchste Qualität" wurde von den Medien adäquat transportiert. Diese -zumindest Optimisten- nicht verwundernde Tatsache wird von W.K., der die Kernausssage für falsch hält, umgedeutet als ein Akt der Manipulation öffentlicher Meinung durch die Studienautoren. Die es mithin also eigentlich besser wissen, und die Öffentlichkeit bewusst belügen. Ein Vorwurf der -mit nichts als Mutmaßungen "begründet"- an Dreistigkeit schon seinesgleichen sucht.

Einzelne Anmerkungen konkret:

Zwei Hypothesen sind aber zu nahe liegend, um hier nicht erwähnt zu werden: Wenn Initiator und Sponsor einer Studie identisch sind, dann bestimmt der Initiator bzw. Sponsor die Fragestellungen der Studie und damit
(setzt voraus dass entweder Wissenschaftler sich zu Forschungen hergeben, deren Ergebnis sie im Voraus kennen, weil die Fragestellung bereits beantwortet ist, oder dass die Auftraggeber mehr wissen als die Wissenschaftler. Solches mit einem raschen "und damit" quasi als selbstverständlich anzunehmen, ist unseriös.)
den Teil derjenigen Antworten, welcher voraussehbar ist, aber auch, ob die Studie im Falle eines für den Sponsor unbequemem Ergebnisses überhaupt an die Öffentlichkeit getragen wird
(setzt voraus, dass der Wissenschaftler die Entscheidung über eine Veröffentlichung seiner Arbeiten vorab an seine Geldgeber abtritt. Das ist reichlich ungewöhnlich, wird aber hier gleichsam als Regelfall dargestellt.)

Je ausschliesslicher eine Studie durch die Mobilfunkbranche finanziert wurde, desto weniger signifikante biologische Effekte der Strahlung wurden gefunden, und je reiner eine Studie öffentlich finanziert wurde, desto mehr Effekte wurden gefunden.
In der Originalarbeit findet sich noch folgender interesante Satz: For example, if researchers with an environmentalist agenda are more likely to be funded by public agencies or charities, then their bias may result in an overestimation of effects.

Die Folgerung der Studienverfasser, welche vor die eigentliche Untersuchung gesetzt wurde, ist richtig und wird hier nicht angezweifelt, nämlich: Bei der Interpretation von Studien zu diesem Thema muss berücksichtigt werden, wer die Studie finanziert hat. Der Leser der Berner Untersuchung wird mit diesem Ratschlag auf deren weitere Lektüre losgelassen, und gelangt am Ende zu einer anderen eigenen Folgerung, nämlich: Gemischt finanzierte, d. h. unter Einbezug der Mobilfunkbranche finanzierte Studien sind zu bevorzugen. Genau dieses wurde nach Veröffentlichung der Studie auch in den Medien propagiert. Wir stellten die Frage, die als erste zu stellen sehr oft nützlich ist: Cui bono? Wem nützt es? - Wie die Wissenschaftler diese Manipulation der Wissenschaftsjournalisten fertig gebracht haben, werden Sie anschliessend erkennen.
Die Polemik an dieser Stelle ist verdächtig und zudem unlogisch. Die Autoren sind zu eben diesem Schluss gelangt: Gemischt finanzierte Studien hatten die höchste Qualität. Eben das wurde in den Medien zutreffend kommuniziert (schon insofern ist das pejorative "propagiert" fehl am Platz). Dies als Manipulation der Journalisten zu bezeichnen setzt drei Dinge voraus: Das Ergebnis der Studie ist insofern falsch, die Autoren wissen das, und setzen dennoch alles daran das Ergebnis so in den Medien zu sehen. Nur für das Erstere versucht W.K. überhaupt den Nachweis, der Rest ist und bleibt Unterstellung).

Die schweizerische Forschungsstiftung Mobilkommunikation ist ein Musterbeispiel für eine Tarnorganisation der Mobilfunkbranche, die als Tarnung von den Steuerbehörden die steuerliche Anerkennung als gemeinnützige (karitative) Organisation beantragt und erhalten hat, und in deren Stiftungsrat sie zahlreiche Beamte
(wieder eine Behauptung wie selbstverständlich en passant. Voraussetzung wäre: Die Beamten im Stiftungsrat sind korrupt, und sie wurden korrumpiert)
eingebettet hat.

Ob die Berner Wissenschaftler die Forschungsstiftung Mobilkommunikation als Charity- oder als Industrie-Sponsor eingeteilt haben, geht aus dem Bericht nicht hervor. Jedenfalls erfüllt bei der Berner Untersuchung auch ein brancheneigener Verein oder eine brancheneigene Stiftung wie die Forschungsstiftung Mobilkommunikation aufgrund der mit Hilfe des Steuerrechts erreichten Bezeichnung als "gemeinnützige Stiftung" formell, als Charity zur Gruppe der staatlichen und gemeinnützigen Sponsoren gezählt zu werden.
Klartext: Auch Herr W.K. weiß nicht, ob FMK, IZMF, FGF etc. in die Gruppe "charities" fallen. Eine Nachfrage bei den Autoren hätte die Antwort gebracht. Auf Vermutungen kann man keine Enthüllungen aufbauen.

Tags:
Polemik, Manipulation, Hypothese, Deutungshoheit


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