Dr. Oberfeld schraubt Sargdeckel auf STOA-Bericht (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 07.08.2022, 23:39 (vor 113 Tagen) @ KlaKla

Ein Blick auf die Referenzen des STOA-Berichts, lässt einem den Atem stocken.

Unter "8.2 References for the review on cancer in humans" nennt Dr. F. Beloggi die Quellen ihres Berichts für Krebs am Menschen. Auf Seite 166-167 findest sich folgendes,

Oberfeld G. [Environmental Epidemiological Study of Cancer Incidence in the Municipalities of Hausmannstiitten and Vasoldsberg (Austria)] Amt der Steiermärkischen Landesregierung Fachabteilung für das Gesundheitswesen (Landessanitätsdirektion), Printcenter University of Salzburg, Graz, Austria. 2008. http://www.verwaltung.steiermark.at/cms/ziel/21212/DE/ (disabled link) (in German).

Tolle Fundstelle!

In den Referenzen des Stoa-Berichts finden sich noch weitere ausgemusterte Studien wie die Naila-Studie und die Wolf & Wolf-Studie ...

Aber: In die Bewertung durch Belpoggi ist keine dieser Studien eingeflossen, verschraubt ist der Sargdeckel auf dem Stoa-Bericht deshalb (noch) nicht.

Warum nicht?

Die Erklärung ist auf Seite 23 (PDF-Seite 44) des Stoa-Berichts zu finden:

[...] The articles identified through database searching and other sources were 950. After removal of duplicates (20) and excluding non-pertinent articles (685) based on title and abstracts, 245 articles remained. Based on full-text screening, 90 papers were further excluded, so that the articles with appropriate frequencies to be included in this qualitative synthesis were 155.

As further explained in the methodology section, we considered IARC (2013) as our key reference for all studies published until 2011: all original papers (135) that were included in the IARC monograph were analysed and referenced in this report as well; of course, for this report we considered only the final IARC classification. The remaining 20 articles published after 2011 were included in this scoping review. [...]

Belpoggi wertete in ihrem Abschnitt über epidemiologische Studien im Frequenzbereich FR1 selbst also lediglich die 20 Neuzugänge aus, die nach 2011 erschienen sind. Alles was davor an epidemiologischen Studien im selben Frequenzbereich bewertet wurde, dazu gehören auch die drei "Oldtimer", übernahm sie von der Krebsagentur der WHO (Iarc). Iarc stufte 2011 HF-EMF als möglicherweise krebserregend ein (Gruppe 2B) und dokumentierte diese Entscheidung ausführlich in der 2013 publizierten Monografie 102. Der Stoa-Bericht übernahm einfach die passenden Referenzen aus der Monografie. Auf diesem Weg gelangten auch die drei ausgemusterten Studien in die Referenzliste des Stoa-Berichts. So eine Referenzierung besagen wertungsfrei lediglich, dass Autoren die Existenz einer Studie zur Kenntnis genommen haben.

Da aber bereits Iarc die Naila-Studie und die Wolf & Wolf-Studie als "nicht informativ" verworfen hatte, nachzulesen in der Monografie, wird Belpoggi sich dieser Bewertung mit Sicherheit angeschlossen haben. Warum sie diese bekannt nichtssagenden Studien überhaupt in ihre Referenzliste übernommen hat ist mir nicht klar.

Bleibt noch die unglückliche Oberfeld-Studie. An dieser ist etwas besonders: Wie hier dokumentiert, fand diese Studie ursprünglich in der Monografie 102 Beachtung. Zwei IZgMF-Forumteilnehmer sorgten dann dafür, dass Iarc nachbesserte und die irreführende Kurzbeschreibung der Studie aus der Monografie entfernte (Details dazu in diesem Corrigendum). An zwei Stellen der Monografie macht jetzt nur noch ein Hinweis darauf aufmerksam, die Studie sei gelöscht worden. Es gibt aber noch ein drittes Vorkommen der Oberfeld-Studie in der Monografie, nämlich in der Referenzliste. Und dort fehlt der Löschhinweis. Da sich Belpoggi der Referenzen von Iarc bediente, angelte sie sich auch die Referenz, die "KlaKla" in seinem Posting zitiert hat. Mit einem kleinen Unterschied: Das Original in der Monografie schreibt "Hausmannstätten" noch richtig.

Spätestens bei der Prüfung, welche Bewertung Iarc der Oberfeld-Studie zugedacht hat, hätte Belpoggi oder einer ihrer Helfer bemerken müssen, dass an dieser Referenz etwas faul ist und besser nicht übernommen wird. Eben dies ist jedoch nicht passiert, anscheinend wurde nicht einmal im www recherchiert, was mMn durchaus als peinliche Schlamperei gewertet werden darf. Das von Peter Hensinger im Webinar 19 seines Vereins zu Minute 32:30 ausgesprochen Lob für die Belpoggi-Truppe, diese wären "wissenschaftliche Elite", steht dazu im Widerspruch. Wie ein gelernter Drucker überhaupt dazu kommt, ein derartiges Werturteil über die fachlichen Qualifikationen von sieben italienischen Wissenschaftlern abzugeben, dazu schweige ich lieber.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
IARC, Naila-Studie, Eger, Krebscluster, Hennen, Netanya, Hausmannstätten, Monografie, STOA-Bericht


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