Stoa-Bericht: Wie Diagnose-Funk Fakten verdreht (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 03.08.2022, 13:43 (vor 64 Tagen) @ KlaKla

In Walter Oetschs Liste der 100 Tipps für Populisten lautet Tipp 91: Werfen Sie den Feinden das vor, was Sie gerade tun. Gemäß dieser Anleitung versucht der Verein Diagnose-Funk das Bundesamt für Strahlenschutz in der Causa "Stoa-Bericht" in ein schräges Licht zu stellen.

Desinformation durch den Verein Diagnose-Funk ist selten grell und auf Anhieb erkennbar, sie kommt in aller Regel auf leisen Sohlen und bleibt solange unbemerkt, bis ein Faktencheck sie aufdeckt.

Sachverhalt

Im Februar 2022 ruft Diagnose-Funk seine Anhänger dazu auf, den fragwürdigen Stoa-Bericht über Gesundheitsrisiken von 5G in den Bundestag zu bringen. Dem Vernehmen nach haben etwa 50 der rd. 600 Bundestagsabgeordneten auf diesem Weg den Stoa-Bericht erhalten.

Am 10. Juni 2022 legte Diagnose-Funk mit einem vorgeblichen Faktencheck von "Verwirrungstaktiken um die Stoa-Studie" nach und behauptet:

[...] diagnose:funk und unsere Mitglieder haben begonnen, Entscheidungsträger über diese Studie zu informieren.

Das hat die Industrie alarmiert, und sie setzt offensichtlich ihre Truppen in Gang. Das Bundesamt für Strahlenschutz verfasste eine fünfseitige Stellungnahme für Abgeordnete, die die STOA-Studie als unwissenschaftlich und daher bedeutungslos abqualifiziert. [...]

Glaubt man dieser Darstellung, hat das BfS die Initiative ergriffen, eine 5-seitige Stellungnahme verfasst, welche den Stoa-Bericht als unwissenschaftlich und daher bedeutungslos abqualifiziert, und diese Stellungnahme an mutmaßlich sämtliche Bundestagsabgeordnete übergeben, um diese auf die Linie des BfS zu bringen. So jedenfalls kommen die Zeilen von Diagnose-Funk bei mir an.

Da ich Diagnose-Funk jedoch kein Wort ungeprüft glaube, erbat ich vom BfS die besagte Stellungnahme, um mir ein Bild aus erster Hand zu machen. Nach einigem hin und her erhielt ich das Papier auch, jedoch mit der Auflage, es nur für den persönlichen Bedarf zu verwenden. Auch Diagnose-Funk ist im Besitz dieser BfS-Stellungnahme, jedermann kann sie hier vom Webserver des Vereins downloaden und einsehen. Inzwischen gibt es auch eine öffentliche Stellungnahme des BfS zu dem Stoa-Bericht (siehe Hintergrund).

Eine Sichtung des Papiers zeigt: Das BfS wertet den Stoa-Bericht nicht als unwissenschaftlich und daher bedeutungslos ab, sondern weist sachlich und kompetent auf die Schwächen des Berichts hin. Die BfS-Stellungnahme relativiert damit die übertrieben Verherrlichung des Berichts durch den Verein Diagnose-Funk, der glaubt, mit dem vermeintlichen "Argumentationspfund" Bevölkerung und Politik groß beeindrucken zu können. Dabei gibt es starke Hinweise, dass Stoa von zwei Mobilfunkkritikern in den eigenen Reihen gezielt instrumentalisiert wurde, um den Stoa-Bericht genau dort in Auftrag zu geben, wo das alarmierende Ergebnis von vornherein feststand.

Diagnose-Funk stolpert über das Henne-Ei-Paradoxon

Die BfS-Stellungnahme im Besitz von Diagnose-Funk nennt wegen Löschung keinerlei Datum, ein Betrachter kann daher nicht erkennen, ob die Stellungnahme vor oder nach dem Start der "Informationskampagne" von Diagnose-Funk im Februar 2022 verfasst wurde. Das Exemplar, das ich vom BfS erhalten habe, zeigt hingegen das Datum: Die BfS-Stellungnahme wurde am 14. April 2022 verfasst, also lange nachdem Diagnose-Funk Bundestagsabgeordnete mit dem Stoa-Bericht bedrängte.

Doch es kommt noch viel besser: Die (anonymisierte) BfS-Stellungnahme macht auch deutlich, dass sie eine Reaktion auf die Anfrage eines einzelnen Bundestagsabgeordneten vom 18. März 2022 ist!

Die oben zitierte Behauptung von Diagnose-Funk fällt damit zusammen wie ein Kartenhaus.

Auf Nachfrage bestätigte mir das Amt: Stimmt, die Stellungnahme wurde wegen der Anfrage eines einzigen Abgeordneten verfasst. Später meldete sich noch ein zweiter mit dem gleichen Anliegen. Ein Versand der Stellungnahme an weitere oder sogar alle Abgeordneten habe zu keiner Zeit stattgefunden. Weiter hieß es, das BfS ginge mit Stellungnahmen grundsätzlich nicht unaufgefordert direkt auf Bundestagsabgeordnete zu. Grund: Die Büros von Bundestagsabgeordneten werden mit unaufgefordert eingereichten "Informationen" geradezu überschwemmt, so dass dieses Vorgehen in Berlin verpönt ist. Diagnose-Funk ist mit seiner "Informationskampagne" demnach an der Spree prompt in einen Fettnapf gestiegen. Für die Richtigkeit dieser Aussage spricht, dass sich offensichtlich bislang nur zwei von rd. 600 Abgeordnetenbüros beim BfS erkundigt haben, was an dem Stoa-Bericht wirklich dran ist. Ob dies die Büros von Abgeordneten der Fraktionen AfD/Die Linke waren, die aus meiner Sicht beide anfällig für populistische Desinformation über 5G sind, kann ich wegen der Anonymisierung meines Exemplars der BfS-Stellungnahme nicht sagen.

Fazit

Wieder einmal wurde der Verein Diagnose-Funk bei einer Verdrehung der Fakten erwischt. Die Stuttgarter versuchen seit Jahren, sich mit derartigen Tricks die Deutungshoheit in der Mobilfunkdebatte zu ergaunern und ihre Argumentationsgegner zu entwerten. Auf geradem Weg, ohne Täuschung, gelingt ihnen das nicht. Da maßgeblichen Entscheidungsträgern die unbändige Lust des Vereins an Winkelzügen nicht verborgen bleibt, wird Diagnose-Funk wahrscheinlich bis zum Jüngsten Tag vergeblich auf ein Mandat warten, das den Verein als Lobby-Vertretung derjenigen anerkennt, deren Geschäftsmodelle auf irrationalen Ängsten gegenüber Elektrosmog beruhen :-).

Hintergrund
Öffentliche Stellungnahme des BfS vom 2. August 2022 zum Stoa-Bericht über 5G-Risiken
Fußabdruck des Vereins Diagnose-Funk im IZgMF-Forum

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Verdrehung, Anfrage, Falschmeldung, Faktencheck, Bundestag, Stellungnahme, Health impact of 5G, STOA-Kampagne, STOA-Studie


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