Nein, 5G-Mobilfunk gefährdet nicht die Gesundheit (Medien)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 22.01.2019, 22:39 (vor 153 Tagen) @ Dr. Ratto

[...] offensichtlich gibt es auch beim Tagessspiegel unterschiedliche Sichtweisen:

https://www.tagesspiegel.de/politik/ministerium-sieht-forschungsbedarf-gefaehrdet-5g-mobilfunk-die-gesundheit/23891720.html

Sehe ich nicht so. Liegt der (ältere) Artikel von "Investigate Europe" so weit neben der Spur, dass ich darin eine "Geisterfahrt" erkenne, ist der neue Artikel zwar um Ausgewogenheit bemüht und damit merklich besser, aber eben noch immer neben der Spur. Warum? Der Autor hat es aus meiner Sicht versäumt, sich über die Anti-Mobilfunk-Szene zu informieren, er präsentiert sie als gleichwertigen Meinungsgegner zu Ämtern und Behörden. Doch die Szene ist ebenso wenig auf Augenhöhe, wie ein Geistheiler oder Homöopath auf Augenhöhe mit einem Professor der Inneren Medizin ist. Weil das ziemlich abstrakt ist, hier ein Beispiel zur Konkretisierung:

Rainer Woratschka schreibt im Tagesspiegel:

Zuvor hatten mehr als 400 Mediziner und Naturwissenschaftler vor gesundheitlichen Risiken gewarnt und einen Ausbaustopp verlangt. Mit der Implementierung von 5G drohten „ernste, irreversible Konsequenzen für den Menschen“, heißt es in ihrem Appell. Bevor die Bevölkerung „immer höheren Werten der elektromagnetischen Felder“ ausgesetzt werde, müsse die Politik auf einer Untersuchung der Gesundheitsrisiken bestehen.

Meine Einwände:

1. Verfasser des Appells ist kein Wissenschaftler, sondern ein überzeugter "Elektrosensibler" und langjähriger Mobilfunkgegner aus den USA. Mehr dazu in diesem Strang, dort ist auch ein Link auf das jüngste und aufschlussreiche Gerichtsurteil, das gegen Firstenberg erging. Mit dem Appell sozialisierte der Mann erfolgreich sein privates (subjektives) Problem mit Mobilfunk.

2. Der Firstenberg-Appell richtet sich nicht gezielt an Wissenschaftler und Ärzte, sondern an die gesamte Weltbevölkerung. Dies ist in Woratschkas Text nicht erkennbar.

3. Die "Mediziner und Naturwissenschaftler" sind fragwürdig. Sie beruhen ausnahmslos auf Selbstauskünften der Appell-Unterstützer. Firstenberg selbst sortiert seine Unterstützer in die von ihm eingerichtete Rubrizierung (z.B. "Scientists") ein. Falsche Angaben oder fehlerhafte Sortierung führen zwangsläufig zu Irrläufern.

4. Die Anzahl von mehr als 400, die Woratschka nennt, gilt allein für die Rubrik "Scientists" (406 Einträge, Stand 11.01.2019). Wenn zu Medizinern auch die Firstenberg-Rubriken wie "Medical Doctors" oder "Dentists" hinzugezählt werden, ist die Anzahl wesentlich höher. Doch eine Sichtung der Rubrik "Scientists" macht schnell deutlich, Firstenberg hat dort massenweise Personen einsortiert, die offensichtlich keine "Wissenschaftler" sind.

5. Die Anzahl von 406 "Wissenschaftlern" ist weltweit, und darauf ist der Appell angelegt, marginal und kaum der Rede wert. Wer den Link in Woratschkas Textpassage nicht klickt, muss irrtümlich glauben, Woratschka redet von deutschen Medizinern und Naturwissenschaftlern. Selbst dann wäre die Anzahl noch immer marginal (allein 385'000 berufstätige Mediziner gibt es in Deutschland, Stand 2017).

6. Von den 406 Unterstützern in der Rubrik "Scientists" bezeichnen sich 50 als Rentner und 15 als Emeritus. Wie viele Wissenschaftler wirklich in dieser Rubrik vertreten sind weiß niemand.

7. Von den 406 Unterstützern in der Rubrik "Scientists" kommen 20 aus Deutschland. Darunter sind ...
..6 x szenebekannte Mobilfunkgegner
..2 x Heilpraktiker
..1 x Forstwirtschaftler
..1 x Geoökologin
..1 x Elektromediziner (m. E. alternativmedizinischer Hokuspokus)
..1 x Planktonologe
..1 x Pseudowissenschaftler

Die Einwände sollen deutlich machen, dass die beanstandete Textpassage irreführend ist, weil sie dem Leser ein Gewicht des 5G-Appells vortäuscht, das in keiner Weise gegeben ist. Auch die Autoren von "Investigate Europe" müssen die Substanzschwäche des Appells erkannt haben, sie fischten sich aus den mehr als 30'000 namenlosen Unterstützern mit Ernst von Weizsäcker den einzigen hierzulande bekannten Wissenschaftler heraus, um Leser in dem Glauben zu wiegen, der Appell werde von bis zu 400 seriösen Wissenschaftlern (und Medizinern) unterstützt. Investigativ wäre aus meiner Sicht der Umkehrschluss gewesen, nämlich zu schreiben, Ernst Ulrich von Weizsäcker sei der einzige Wissenschaftler von Rang und Namen, der den Appell (mutmaßlich versehentlich) unterstützt.

So ließe sich, zum Entsetzen der Forum-Teilnehmer, nun weiter Absatz für Absatz zerpflücken. Doch keine Angst, das werde ich nicht machen. Denn sogar ich habe inzwischen kapiert, dass das Aufwand-Nutzen-Verhältnis nicht stimmt. Vince Ebert (siehe Signatur von Teilnehmer Alexander Lerchl) hat das so auf den Punkt gebracht: "Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Zum Widerlegen bräuchte es im konkreten Fall nicht einmal eines Wissenschaftlers, schon ein Nachrichtentechniker packt das.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
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