Relotius reloaded: "Investigate Europe" vs. ICNIRP (Medien)

H. Lamarr @, München, Montag, 18.03.2019, 00:16 (vor 92 Tagen) @ H. Lamarr

Eine Gruppe von neun Journalisten, die sich vielversprechend "Investigate Europe" nennt, ist für die Recherchen zu diesem Artikel verantwortlich. Doch nach dem ersten Überfliegen des Textes kann ich nur enttäuscht mit dem Kopf schütteln: Die Hoffnung auf einen erhellenden investigativ recherchierten Artikel verpufft nach den ersten Absätzen, aus meiner Sicht handelt es sich bei dem Werk um eine unerträglich tendenziöse Kolportage von selektiv ausgewähltem älterem Material, das sich die neun zum Teil aus diversen europäischen Medien zusammengegoogelt haben.

"Investigate Europe" nimmt jetzt ICNIRP aufs Korn. Und wiederholt alle die Vorwürfe und Verdächtigungen, denen sich ICNIRP seit ungefähr drei Jahren durch die Anti-Mobilfunk-Szene und einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern um Lennart Hardell und Dariusz Leszczynski ausgesetzt sieht. Ziel der Kritiker ist es, den Einfluss von ICNIRP auf die WHO zu beenden. Insofern ist der Artikel von "Investigate Europe" keine Überraschung. Neu ist, dass ICNIRP erstmals außerhalb der Anti-Mobilfunk-Szene gezielt unter Beschuss genommen wird.

Für mich sieht es so aus, als ob "Investigate Europe" eine Kooperation mit Vertretern der Anti-Mobilfunk-Szene eingegangen ist, um eine Kampagne gegen den Münchener Verein zu führen. Den Auftakt bildete am 12. Januar 2019 der tendenziöse Artikel "Europa ignoriert mögliches Krebsrisiko von 5G" im Tagesspiegel. Damals wie jetzt wurde die Journalistengruppe aus meiner Sicht mit exakt dem Material beliefert, das innerhalb der Anti-Mobilfunk-Szene bereits seit längerem fleißig aber erfolglos kolportiert wurde. So stellt sich mir die Frage: Wer steckt dahinter? Wer hat ein Interesse daran, ICNIRP zu entmachten, indem jetzt mit Hilfe von Journalisten, die Familien zu ernähren haben, versucht wird, Zweifel an der Integrität von ICNIRP in die Öffentlichkeit zu tragen? Dass Big Tobacco der Schattenmann ist, wie anlässlich des "Reflex"-Mobilfunkstudien des Ex-Tabaklobbyisten Franz Adlkofer begründet vermutet wurde, dafür kenne ich derzeit weder Hinweise noch Belege.

Auffällig ist diesmal: Die ICNIRP-Kritik von "Investigate Europe" ist (ohne Autorennennung) gegenwärtig allein auf der Website der Gruppe zu finden, nicht aber in Medien wie dem Tagesspiegel. Warum ist das so? Beruflich aktive Journalisten brauchen Einkünfte wie andere auch. Doch ohne Abnehmer bringt die ICNIRP-Story kein Geld ein, es sei denn, diese Recherche war eine Auftragsarbeit.

Der ehemalige ICNIRP-Vorsitzende Rüdiger Matthes sagte mir einmal vor Jahren, ICNIRP würde sich nie öffentlich über Kritik an ICNIRP äußern. Das mag damit zusammen hängen, dass der Verein Wissenschaftler versammelt und keine Öffentlichkeitsarbeiter in seinen Reihen hat. Und bislang ist ICNIRP mit dieser Zurückhaltung offenbar über die Runden gekommen. Doch die Situation beginnt sich zu ändern, der Elfenbeinturm des Vereins bietet keinen Schutz mehr, so wie der Élysée-Palast den französischen Präsidenten nicht mehr vor wütenden Gelbwesten schützt. Ich bezweifle deshalb, dass öffentliches Schweigen die richtige Strategie ist, der nicht substanzieller, aber lauter werdenden Kritik an ICNIRP zu begegnen. Opposition muss keine Verantwortung tragen und hat es deshalb immer und überall leichter als Machtinhaber. So wäre es wohl clever, Kritiker wie Lennart Hardell und/oder Dariusz Leszczynski in die Kommission zu berufen, um dem Vorwurf der Klüngelei die Grundlage zu entziehen. Die beiden könnten dann zeigen, ob sie im Tagesgeschäft von ICNIRP bestehen, ihre Sicht der Dinge einbringen und versuchen, Mehrheitsentscheidungen für ihre Standpunkte herbeizuführen. Soviel ich weiß, beruhen auch die ICNIRP-Empfehlungen auf der Konsensfindung aller Beteiligten. Das Zusammenraufen wird dann für ICNIRP zweifellos schwieriger und der innere Frieden bedarf mehr Zuwendung, Lohn der Mühe wäre äußerer Frieden. Doch mutmaßlich hat der Verein solche Sandkastenspiele längst intern durch diskutiert, es wäre dann aber gut gewesen, die Ergebnisse auch nach außen zu kommunizieren, um Transparenz zu demonstrieren.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
ICNIRP, BioInitiative, Medien, Seilschaft, Tabak, Manipulation, Hardell, Einflussnahme, Leszczynski, BioInitiative-Report, Auftragsarbeit, Kampagne, Stiftung Pandora, Viralmarketing


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