Tock. Tock. Tock. Oder: Massenhysterie (Allgemein)

M. Hahn, Dienstag, 19.12.2006, 17:40 (vor 4563 Tagen) @ Doris

Ansonsten bin ich mal ganz ordentlich skeptisch wer da wo wann und wie oft anderswo schlief. Erzählt wird viel.

Da mögen Sie recht haben. Allerdings in dem Protokoll des BfS berichtet ja Volker Schorpp von Leuten, die abends in einer Hütte im Wald schlafen und andere, die im Keller schlafen und wo die Kinder wieder in den Keller zurückkehren, obwohl sie immer wieder mal rauf in ihre Zimmer wollten. Ich kenne zwar Herr Schorpp nicht persönlich, aber diese Leute, von denen er erzählt, die habe ich mal kennengelernt und habe in größeren Abständen immer wieder mal Kontakt zu denen. Die Geschichte stimmt tatsächlich so, wie er sie darstellt.

O.K., das ist interessant. Dennoch will ich noch etwas skeptisch zu bedenken geben:

Es wird immer gesagt, gerade habe ich es wieder in einem -Entschuldigung- blödsinnigen Text des Dr. Haas gelesen, das mit der HF-Empfindlichkeit lasse sich gar nicht "innerhalb der üblichen statistischen Signifikanz reproduzieren" sei ein flüchtiges Phänomen, so komplex und wandelbar wie schon ein einzelner Mensch und zudem so unterschiedlich wie wir Menschen untereinander sind.
Es geht in Dr. Schorpps Bericht um "gewöhnliche" GSM-Sender. Wir alle wissen aus unserem eigenen Umfeld, dass Deutschland zwar relativ gleichmäßig von solchen Sendern, nicht aber von einer solchen Massen-Unverträglichkeit überzogen ist. Sofern existent, ein eher seltenes Phänomen also, dass etwas mit dem speziellen Individuum zu tun hat. Ist es da nicht sonderbar, dass gleichzeitig drei Häuser mit drei Familien in unmittelbarer Nachbarschaft "befallen" sind ?
Was haben diese Menschen wider alle "übliche statistische Signifikanz" gemeinsam, was sie von vielen anderen unterscheidet?
Sie bilden, wie alle Nachbarn, eine Gruppe mit sozialen Beziehungen. Und sonst?
Was haben die Häuser bzw. das dort herrschende Feld, gemeinsam, dass sie von vielen anderen unterscheidet? Hier wird Schorpp auffällig unscharf. Redet von "hochfrequenzmäßig ungünstiger Bergkuppe", "Chaos der HF-Signale", "elektromagnetischem Wirrwarr durch sich überlagernde Vielfachreflexionen".
Herr Doktor der Physik, vielleicht einfach mal EIN Messwert statt solchem Käse? Wenn Sie den Fall schon im Bundesamt für Strahlenschutz anbringen wollen.
Dass Schorpp die HF-Abschirmung unterputz mit ausdrücklichem Verweis auf deren Erdung (als hätte dies einen Einfluss) erwähnt, lässt mich an seinen Fachkenntnissen stark zweifeln.
Und wie haben wir es mit den "Baum-Kasuistiken"? Das wäre jetzt auch ernst zu nehmen? Nicht wirklich, oder? Aber lassen wir Schorpp, sie sprachen ja auch von Berichten aus erster Hand.

Ich will aber noch mal zurück kommen auf die Kinder. Wenn man das hört... es ist ein Elend. Auch wenn ich selbst drei habe, oder gerade deswegen, will ich mal folgenden nüchternen Gedanken äußern: Bis zur Pubertät sind Kinder in ihren Wertvorstellungen sehr stark auf die Eltern fixiert. Sie brauchen und suchen Schutz bei den Eltern. Die Eltern (gute wie schlechte, das weiß jeder Jugendfürsorger) bieten diesen gefühlten Schutz mehr als alles Andere, und ihre Entscheidungen, ihre Konsequenz umreißen diesen Schutzrahmen. Nun treffen die Eltern die Entscheidung, wegen der gefährlichen und krank machenden Strahlen in den Keller zu ziehen. Und da soll es verwundern, wenn die Kinder nach kurzem Ausflug unters Dach wieder nach unten kommen? Das Einzige was mich verwundert, ist dass es die Kinder es überhaupt noch versuchen. Wie müssen sie leiden unter dieser Situation! Das muss doch ein Lebensgefühl sein wie 1944 mit den Eltern nachts im Bombenkeller bei Vollalarm. Anderes Bild, was es vielleicht noch deutlicher macht: Drehen sie mal "oben und unten" um: Oben wird gewohnt, und die Kinder trauen sich dennoch ab und zu in den dunklen Keller, von dem die Eltern sagen, Böses sei dort.
Ich habe drei Kinder, wie gesagt, zwei wohnen unterm Dach. Über Gründe, wieso Kinder bisweilen ungern in ihrem Zimmer, sondern lieber bei ihren Eltern schlafen, und zwar auch ohne dass diese von böser Strahlung dort oben erzählen, kann ich auch ein wenig erzählen.


`s tut mir leid, das mit den Kindern ist für mich völlig normal verständlich. Und zwar: Einfachblind-Kritiker aufgemerkt: Einschließlich des Auftretens von Symptomen in ihren Zimmern. Bzw. natürlich völlig unnormal, die Sache als solche, was da abläuft.
Die Frage, was gleichzeitig bei drei Nachbarfamilien das ansonsten so flüchtige Phänomen derart drastisch und gleichermaßen zum Ausbruch bringt, auch dafür habe ich einen Erklärungsansatz parat. Nicht von mir, sondern aus einer Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums von 2004 (Ulrich Frick et al., Machbarkeitsstudie: Verifizierung der Beschwerden "Elektrosensibler" vor und nach einer Sanierung).
[image]
Dies und eine bestätigende soziale Rückkopplung, wie man sie unter guten Nachbarn halt findet.

Man mag mir vorhalten, so gehe kein Skeptiker heran. Doch, sage ich. Von mehreren Erklärungsansätzen ist im Zweifel immer erst einmal der Einfachere heranzuziehen, zumal wenn er konsistent ist mit Erfahrungswissen. Das Auftreten kollektiver Misswahrnehmungen in sozial vernetzten Gruppen unter bestimmten Randbedingungen ist altes Erfahrungswissen.

Zu solchen altbekannten Randbedingungen zähle ich auch das Auftreten eines reisenden Arztes.

Und nun mag mich caro ob solcher Laienplausibilität und Ferndiagnose in der Luft zerreißen. Wenn ich an manche volkstümliche "Plausibilitäten" beim Thema EMF-Physik-HF-Technik denke, die mir die Haare sträuben, dann mag das als persönliche Meinung wohl gerade noch angehen.

Tags:
Wertvorstellung, Alarmschläger, Schorpp, Geschädigter, Haas


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