Italien: Vorsorgewert 6 V/m wackelt angeblich (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 03.05.2021, 22:36 (vor 516 Tagen)

Microwave News meldet am 3. Mai 2021:

Italiens 6-V/m-HF-Vorsorgewert, einer der strengsten der Welt, könnte bald 5G zum Opfer fallen.

Der italienische Vorsorgewert, der vor mehr als 20 Jahren eingeführt wurde, wird allgemein als Hindernis für den Ausbau der 5G-Infrastruktur angesehen, weil er die Errichtung von unverhältnismäßig vielen Antennen erfordert. Die vorgeschlagene Lösung besteht darin, den Vorsorgewert aufzugeben und den ICNIRP-Grenzwert von 61 V/m anzuwenden.

Das Vorhaben ist ein Ziel von Italiens nationalem Wiederaufbauplan nach der Pandemie (bekannt als "Next Generation Italia" oder PNRR). Der Plan sieht über 40 Milliarden Euro vor, um die Digitalisierung des Landes voranzutreiben, einschließlich der Förderung der 5G-Technologie und der Erhöhung der Breitbandgeschwindigkeiten im ganzen Land, die derzeit zu den langsamsten in Europa gehören.

Laut La Repubblica, einer auflagestarken Tageszeitung Italiens, befürworten alle großen politischen Parteien bis auf eine eine Lockerung des 6-V/m-Grenzwerts. Die einzige Ausnahme ist die Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens), eine rechtsextreme, neofaschistische Gruppierung - und selbst sie hat zu Protokoll gegeben, dass sie die Aufstellung von Antennen für Telekommunikationsbetreiber erleichtern möchte.

Das Vorhaben hat eine Koalition aus italienischen Umweltwissenschaftlern und -aktivisten sowie Mitgliedern der internationalen Bioelektromagnetikszene auf den Plan gerufen. Sie haben an die Regierung appelliert, den Grenzwert von 6 V/m beizubehalten.

Ein Appell an den italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi wurde innerhalb weniger Tage von mehr als 8'700 Unterstützern unterzeichnet, berichtet Fiorella Belpoggi, die wissenschaftliche Leiterin des Ramazzini-Instituts in Bologna. [...]

Kommentar: Irgendwie ist diese Geschichte stellenweise mysteriös. Also wie immer, wenn die Anti-Mobilfunk-Szene zur Tat schreitet. Möglicherweise war ich beim Recherchieren aber nicht gründlich genug.

► Im Original von "Next Generation Italia" konnte ich von einem Plan, den italienischen EMF-Vorsorgewert zugunsten 5G zu lockern, nichts finden.
► Im Archiv von "La Repubblica" konnte ich mit dem Suchbegriff "6 V/m" keinen passenden Artikel ausfindig machen.
► Gemäß Microwave News haben D. Gee, L. Birnbaum (Ex-NTP-Chefin), C. Portier, L. Hardell, M. Havas, E. Richter, J. Moskowitz, D. Davis, C. Sage & F. Belpoggi einen Brief an Draghi gesendet, um die Lockerung des Vorsorgewerts zu verhindern. Darin behaupten die Unterzeichner in präkognitiver Wahrnehmung erstaunlich selbstgewiss:

[...] Diese neueren Beweise bedeuten, dass die derzeitige Einstufung des Krebsrisikos der Strahlung von Mobiltelefonen [sik!] durch die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC/WHO, 2011) als "mögliches" Humankarzinogen mit Sicherheit zu einem zumindest "wahrscheinlichen" und möglicherweise zu einem "nachgewiesenen" Humankarzinogen umbewertet wird, sobald die IARC zu einer Neubewertung der Datenlage kommt, die in den nächsten zwei Jahren erwartet wird. [...]

Zu finden ist der Volltext dieses Briefes hier.

► Gemäß diesem Posting ist der italienische EMF-Vorsorgewert keineswegs einer "der strengsten der Welt". Zwar ist es richtig, dass in Italien seit 2003 für bestimmte Zonen (z.B. Wohngebäude, Schulen ...) der Vorsorgewert 6 V/m gilt, schon 2012 aber wurde das Mittelungsintervall von sechs Minuten auf 24 Stunden angehoben! Unter diesen Umständen verstehe ich die Aufregung über eine Lockerung des Vorsorgewerts nicht, denn bei diesem langen Mittelungsintervall lässt sich 5G mutmaßlich auch mit einer moderaten Lockerung auf sagen wir mal 20 V/m (mit maximalen Spitzenwerten bis 61 V/m) hinreichend gut betreiben und gleichzeitig die Vorsorge (im Vergleich zu anderen Ländern wie Deutschland oder UK) aufrecht erhalten.

Die EMF-Vorsorgewerte der Schweiz sind bereits gefallen, wenn jetzt auch der italienische Vorsorgewert gelockert wird, dürfte dies Signalwirkung auf andere Länder mit niedrigen EMF-Vorsorgewerten haben (Polen, Regionen in Belgien, Indien, Russland ...). Es könnte der Dominoeffekt einsetzen. Schaunmermal.

Hintergrund
ITU-Papier über die Folgen strenger HF-EMF-Grenzwerte

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Vorsorgewert, IARC, Appell, Klassifizierung, Italien, 2B, Belpoggi, Bioelektromagnetiks


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