Italien hat Elektrosmog-Vorsorgewerte gelockert (I) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 29.12.2018, 19:15 (vor 343 Tagen)

Italien war schon immer das Sehnsuchtsland der Deutschen. So werden denn auch an den Lagerfeuern von Mobilfunkgegnern gerne Märchen über die traumhaft niedrigen EMF-Vorsorgewerte auf dem Mittelmeerstiefel erzählt. Dabei zog die italienische Regierung mit dem Dekret Nr. 179 schon 2012 vorsorglich die Reißleine, – und lockerte die Vorsorgewerte faktisch erheblich. Reaktionen der internationalen Anti-Mobilfunk-Szene blieben aus.

Das Rahmengesetz Nr. 36 (Legge quadro sulla protezione dalle esposizioni a campi elettrici, magnetici ed elettromagnetici) vom 22. Februar 2001 regelt in Italien landesweit den Umgang mit elektromagnetischen Feldern. Art 4, Ziffer 5 verpflichtet Regionen, die bis dahin niedrigere Grenzwerte vorgesehen hatten, diese an die Vorgaben des Rahmengesetzes anzupassen. Für die Umsetzung des Rahmengesetzes auf föderaler Ebene sorgt mit Dekreten das Ministerium für Umwelt und Naturschutz. Die Beurteilungsgrundlage für die Exposition der Bevölkerung ist in Italien noch feiner geregelt als in der Schweiz, nämlich 3-stufig:

Die Grenzwerte für hochfrequente Felder regelt das Dekret "100 kHz – 300 GHz" (PDF, 10 Seiten, italienisch) vom 8. Juli 2003. Es begrenzt die Exposition durch ortsfeste Anlagen der Telekommunikation und des Rundfunks. Für alle anderen Anlagen gilt die EU-Ratsempfehlung 1999/519/EG. Gemäß Dekret gelten in Italien folgende Grenzwerte für HF-Felder:

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In Italien gültige Grenzwerte für HF-Felder

Die oben genannten Grenzwerte (Feldstärke) sind um etwa den Faktor 1,4 bis 3 niedriger als die Referenzwerte der ICNIRP-Empfehlung (ICNIRP 1998).

Die maximal zulässigen Schwellenwerte für HF-Felder sind in dem Dekret ebenfalls definiert. Sie gelten für Kinderspielplätze, Wohnhäuser, Schulgelände und Gebiete, in denen sich Menschen für vier Stunden oder mehr pro Tag aufhalten, sowie für Balkone, Terrassen, Höfe, nicht aber für Flachdächer. Die Schwellenwerte (Feldstärke) sind um etwa den Faktor 5 bis 15 niedriger als die Referenzwerte der ICNIRP-Empfehlung (ICNIRP 1998):

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In Italien gültige Schwellenwerte für HF-Felder

Die oben genannten Schwellenwerte sind gemäß dem Dekret "100 kHz – 300 GHz" zugleich das Qualitätsziel für Außenbereiche, die von Personen stark frequentiert werden.

Mittelungsintervall beachten

Was Mobilfunkgegner ausnahmslos verschweigen, wenn sie Italien als Land mit tiefen Elektrosmog-Grenzwerten und wunderbaren Vorsorgewerten hervorheben, ist der Umstand, dass die Schwellenwerte in Italien weit überschritten werden dürfen. Zulässig ist so eine Überschreitung, weil elektromagnetische Wechselfelder in der Umwelt nie mit konstanter Stärke auf einen Immissionsort einwirken, sondern starken zeitlichen und räumlichen Schwankungen unterworfen sind. Wer jemals ein Feldstärkemessgerät in Händen hielt, weiß: Das Display zeigt keinen konstanten Messwert an, die Messwerte schwanken stark um einen (fiktiven) Mittelwert herum. Dies ist bereits so, wird das Messgerät nicht bewegt. Noch viel ausgeprägter sind diese Schwankungen, geht man sich mit dem Messgerät umher oder betrachtet man das Display nicht nur einige Sekunden lang, sondern Stunden. Die Ursachen der Schwankungen sind vielfältig und entweder physikalischer (Dämpfung, Reflexionen, Beugung, Interferenzen) oder betriebsbedingter Natur (momentane Auslastung eines Senderstandorts).

Um den Einfluss der Schwankungen zu eliminieren, gibt das Dekret "100 kHz – 300 GHz" vom 8. Juli 2003 vor, zappelige Momentanmesswerte müssen über einen Zeitraum von sechs Minuten gemittelt werden. Erst der daraus resultierende Mittelwert darf einen Grenzwert oder ggf. einen Schwellenwert nicht überschreiten. Zur Veranschaulichung: Wirkt Mobilfunk mit z.B. 40 V/m für zwei Minuten an einem Messort ein, dann aber weitere vier Minuten nur noch mit 10 V/m, wird der zulässige mittlere Grenzwert von 20 V/m eingehalten.

Ein Mittelungsintervall von sechs Minuten Dauer deckt jedoch nur schnelle Schwankungen einer Funkimmission ab, nicht langsame. Andererseits ist bekannt, dass die Funkimmission durch Mobilfunk tagsüber deutlich höher ist als nachts. Derart träge Schwankungen sind nur mit einem langen Mittelungsintervall von mindestens 24 Stunden Dauer zu erfassen.

Zu dieser Einschätzung gelangte 2012 auch der italienische Gesetzgeber. Im Oktober 2012 erließ er das Dekret Nr. 179 (PDF, 136 Seiten, italienisch), welches das Mittelungsintervall für die Beurteilungsmessung der Schwellenwerte und Qualitätsziele, gemessen 1,5 Meter über dem Erdboden, von sechs Minuten auf 24 Stunden anhob. Es liegt auf der Hand, dass durch dieses lange Intervall eine Überschreitung der Vorsorgewerte bis hin zu den Grenzwerten jetzt nicht mehr nur Minuten dauern darf, sondern Stunden. Der Gesetzgeber begründete dies mit einer besseren Entwicklung der Breitbandkommunikation im ländlichen Raum Italiens. Was nun Mobilfunkgegner, wüssten sie etwas von dem Dekret 179, als Aushebelung der Vorsorgewerte beklagen würden, kann aus anderer Sicht als angemessener (realistischer) Kompromiss zwischen vorsorglicher Immissionsbegrenzung und den Interessen der Mobilfunknetzbetreiber betrachtet werden.

Für Hochfrequenzanlagen gibt Dekret "100 kHz – 300 GHz" vor, dass Messungen zur Expositionsbestimmung gemäß des technischen Standards CEI 211-7 (CEI: Comitato Elettrotecnico Italiano) durchgeführt werden sollen. In diesem Standard werden sowohl die grundsätzlichen Vorgehensweisen bei der Ermittlung hochfrequenter Immissionen, die insbesondere bei Mobilfunkbasisstationen notwendige Hochrechnung auf maximale Anlagenauslastung und auch Verfahren zur Bestimmung eines 24-Stunden-Mittelwertes beschrieben. Die Durchführung von Immissionsberechnungen in der Umgebung von Mobilfunkbasisstationen ist im Standard CEI 211-10 beschrieben.


weiter zu Teil II

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!


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