Italien: Vorsorgewert 6 V/m bleibt bis auf weiteres (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 26.09.2021, 21:57 (vor 436 Tagen) @ H. Lamarr

Microwave News meldet am 3. Mai 2021:

Italiens 6-V/m-HF-Vorsorgewert, einer der strengsten der Welt, könnte bald 5G zum Opfer fallen.

Der italienische Vorsorgewert, der vor mehr als 20 Jahren eingeführt wurde, wird allgemein als Hindernis für den Ausbau der 5G-Infrastruktur angesehen, weil er die Errichtung von unverhältnismäßig vielen Antennen erfordert. Die vorgeschlagene Lösung besteht darin, den Vorsorgewert aufzugeben und den ICNIRP-Grenzwert von 61 V/m anzuwenden.

Das Vorhaben ist ein Ziel von Italiens nationalem Wiederaufbauplan nach der Pandemie (bekannt als "Next Generation Italia" oder PNRR). Der Plan sieht über 40 Milliarden Euro vor, um die Digitalisierung des Landes voranzutreiben, einschließlich der Förderung der 5G-Technologie und der Erhöhung der Breitbandgeschwindigkeiten im ganzen Land, die derzeit zu den langsamsten in Europa gehören.

Das Vorhaben, die EMF-Grenzwerte in Italien an den EU-Standard anzugleichen oder wenigstens zu lockern, wurde im Juli vom Parlament in Rom vorerst abgelehnt. Mit Bestimmtheit kann ich dies jedoch nicht sagen, da ich italienische Quellen nur mit Automatenübersetzungen auswerten kann, was ohnehin schon ein Lotteriespiel ist. Hinzu kommt, dass die von mir gefundenen Quellen mal um den heißen Brei herumreden, widersprüchlich oder unglaubwürdig sind. Gesichert ist: Im Juli versuchte die Partei Italia Viva des ehemaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi mit einem Antrag im Parlament die EMF-Grenzwerte auf EU-Niveau anzuheben. Dieser erste Anlauf ist gescheitert, möglicherweise aber nur vorerst. So ließ der Abgeordnete Marco di Maio (Abgeordnetenkammer, Partei Partito Democratico) am 23. Juli wissen: "Das Spiel ist noch nicht vorbei. Aber es bleibt kompliziert." Maio verweist auf eine Zusage der italienischen Regierung, die Grenzwerte nach oben zu korrigieren und sagte einem Medienbericht zufolge: "Wir freuen uns über die positive Stellungnahme der Regierung zu unserer Agenda, die die Regierung verpflichtet, die Grenzwerte für elektromagnetische Felder an die derzeit in den meisten europäischen Staaten geltenden Werte anzupassen." Ob die Prognose des Abgeordneten auf Fakten beruht oder Wunschdenken ist muss sich erst noch zeigen.

Was die Recherche zusätzlich erschwerte ist der italienische Journalist und Autor Maurizio Martucci. Der Mann ist seit 2018 Sprecher der italienischen Stopp-5G-Allianz (Alleanza Italiana Stop 5G), hier ist er zu Beginn kurz anlässlich einer Protestveranstaltung mit Fiorella Belpoggi zu sehen. Martuccis Artikel sind naheliegenderweise tendenziös, anlässlich meiner Recherche bin ich mehrfach an unterschiedlichen Ecken des Italo-Internets auf seine Werke gestoßen. Er macht in Italien Stimmung gegen 5G. Tückisch war, dass andere Medien zuweilen seinen Blog bei der Zeitung Il Fatto Quotidiano inhaltlich übernehmen, ohne ihn beim Namen zu nennen. Dies erweckt den falschen Eindruck einer bunten mobilfunkkritischen Berichterstattung.

Um die wegen bürokratischer Hürden schleppend voranschreitende Digitalisierung in Italien voranzutreiben rang sich das italienische Parlament schon am 16. Juli 2020 dazu durch, ein "Vereinfachungsdekret" zu erlassen. Darin geht es u.a. auch um 5G, denn seinerzeit gab es in Italien 431 Gemeinden, die durch bürgermeisterliche Verordnungen und Beschlüsse des Stadtrats beschlossen hatten, die Installation von 5G-Netzen zu blockieren. Gemäß dem Gesetz ist damit Schluss. Die Bürgermeister können zwar noch Vorschriften erlassen, um die Auswirkungen eines 5G-Standorts auf ihre Bürger so gering wie möglich zu halten, aber sie können nicht mehr die Errichtung von Funkmasten widerspenstig blockieren.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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